erstellt am: 27. März 2001 12:20
ÄZ vom 27.03.2001
HINTERGRUND
"Von deutlichen Fortschritten ist in der Diabetes-Therapie nichts zu sehen"
Von Karl H. Brückner
Der Diabetes mellitus Typ 2 ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen, mit der niedergelassene Ärzte fast täglich zu tun haben. Über optimale Therapiemöglichkeiten gibt es einen mehrfach abgesicherten und diskutierten Wissensstand, und auch Schäden und Komplikationen infolge unzulänglicher Diabetestherapie sind empirisch gut belegt. Diese Maßstäbe hat Dr. Bernard Braun vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen angelegt, um die Ergebnisse einer aktuellen Patientenbefragung zu bewerten.
Andere Krankheiten werden kaum besser behandelt
Von deutlichen Fortschritten in der Diabetes-Therapie ist demnach in Deutschland nichts zu erkennen. Die insgesamt eher schlechte Versorgungsqualität der Diabetes-Patienten habe eine über sie hinausreichende Bedeutung, sagte Braun gestern in Berlin. Es falle nämlich "schwer zu glauben, "daß die Versorgung irgendeiner anderen, weit seltener oder komplexer zu behandelnden chronischen Erkrankung in absehbarer Zeit besser funktionieren könnte", schreibt der Forscher vor allem den Hausärzten ins Stammbuch.
In Zusammenarbeit mit der Gmünder Ersatzkasse (GEK) sind von dem Bremer Institut bundesweit mehr als 2700 GEK-versicherte Diabetiker zwischen 40 und 75 Jahren über ihre Krankheit befragt worden. Fast drei Viertel der Befragten waren Männer, das Durchschnittsalter lag bei 62 Jahren, und in der Regel litten die Patienten bereits seit zehn Jahren an Typ-2-Diabetes.
Die zentralen Ergebnisse der Befragung hat Braun auf einer Pressekonferenz präsentiert:Diabetes wird auch von den Betroffenen noch immer "gefährlich unterschätzt". So bezeichneten 40 Prozent der Befragten ihren Diabetes als "milde", obwohl sie objektiv schlechte Werte haben und objektiv schlecht eingestellt sind: Über 27 Prozent mit dieser Selbsteinschätzung gaben einen HbA1c-Wert von über 7,5 Prozent.
Fast jedem zweiten Patienten war sein Blutzuckerwert nicht bekannt.
Die Mehrheit der Befragten sind bereits an mindestens einem diabetesgekoppelten Schaden erkrankt; nur 27,5 Prozent hatten damit keine Erfahrung der machten dazu keine Angaben.
Im Vergleich zur gleichaltrigen Bevölkerung sind die diabetes-assoziierten Krankheiten bei den Studienteilnehmern teilweise um ein Mehrfaches erhöht. So litten knapp 45 (Bevölkerung: 30) Prozent unter Fettstoffwechselstörungen, 31 (neun) Prozent nannten Durchblutungsstörungen in den Beinen, 26 Prozent hatten Augenschäden und 19 Prozent litten an durch Nervenschäden verursachten Verlusten des Tastsinns an den Gliedmaßen. Die Herzinfarktrate betrug 13 Prozent, 2,4 Prozent waren amputiert.
Eine nichtmedikamentöse Therapie ist eher selten
Die aktuelle Therapie der Typ- 2-Diabetiker erfolgte bei knapp 70 Prozent der Befragten durch Allgemeinmediziner. Ein Fünftel waren bei Internisten in Behandlung und fast neun Prozent in diabetologischen Schwerpunktpraxen.
Die wichtigste Kritik von Braun: Das vor allem bei jungen Diabetikern primäre Ziel einer nichtmedikamentösen Therapie werde viel zu selten erreicht. Ein Grund dafür könnte in der noch immer weit verbreiteten, rigiden Form der Diät liegen, die auf Dauer von denPatienten nicht durchzuhalten und auch "nicht immer notwendig" sei, vermutet Braun: "Die wissenschaftliche Debatte um eine 'liberale Diät' scheint noch kaum in der Versorgungswirklichkeit angekommen zu sein."
Knapp drei Prozent der Befragten wurden ausschließlich mit Diät behandelt, 34 Prozent nur mit oralen Antidiabetika, knapp 16 Prozent hatten eine einfache und fast zehn Prozent eine intensivierte Insulintherapie. Die anderen Patienten wurden kombiniert behandelt.
FAZIT
Dr. Bernard Braun:
"Wenn man sich vor Augen führt, daß die Defizite in der Diabetes-Therapie trotz diverser Einzelbemühungen von Fachgesellschaften oder Krankenkassen existieren und sich schnell kumulativ vergrößern, kann nur eine sehr konkrete Gemeinschaftsanstrengung von Ärzten, Patienten und Krankenkassen innerhalb oder ergänzend zu dem im Bundestag beschlossenen 'Nationalen Diabetesplan' etwas ändern."
Kommentar:
zu <<Die wichtigste Kritik von Braun: Das vor allem bei jungen Diabetikern primäre Ziel einer nichtmedikamentösen Therapie werde viel zu selten erreicht.<<
Gerade junge Diabetiker sind meist TypI Diabetiker, d.h. hier legt ein Insulinmangel vor. Im Gegesatz zum Altersdiabetiker, der zu viel Insulin hat. Beim jungen Diabetiker kann es nicht das primäre Ziel sein diesen Patienten möglichst lange die Insulingabe zu vermeiden.
<< Über 27 Prozent mit dieser Selbsteinschätzung gaben einen HbA1c-Wert von über 7,5 Prozent. <<
es ist sehr strittig, ob der HbA1c Wert als Prognosefaktor geeignet ist. Vielmehr scheint die Erhöhung des Blutzuckers nach dem Essen (sogenannter postprandialer Wert) die Gefäßschäden hervorzurufen.
Die Datengrundlage ist sicher richtig. Die gezogenen Schlüsse sind Spekulation.
m.s.