11.12.2004
Das Usenet ist ein gefährlicher Ort. Wer glaubt, daß Gangs nur auf der Straße ihr Unwesen treiben, der irrt.
Die Satire "Motoquette" darf ich mit Genehmigung des Autors, Winfried Wacker, hier wiedergeben.
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From: "W. Wacker" <winniewacker {at} compuserve.de>
Newsgroups: de.soc.netzkultur.umgangsformen
Subject: Die Motoquette
Date: Fri, 26 Nov 2004 21:51:31 +0100
Message-ID: <co84ve$odn$1@online.de>
Es waren einmal ein paar Leute, die lebten fast zufrieden in
einer beschaulichen Kleinstadt in Bayern. Doch zu ihrem Verdruß
gab es dort eine Kneipe, in der sich regelmäßig Motorradfahrer
aus dem ganzen Umland trafen. Das machte natürlich viel Lärm und
manche der Anwohner fühlten sich gar von den Rockern, wie sie sie
nannten, bedroht. Aber die Leute waren schlau und haben den
Kneipenwirt so sehr unter Druck gesetzt, bis der seine Kneipe
einem Koch verkaufte, der daraus ein Restaurant machte.
Das Problem war gelöst und die Leute in der Stadt hatten
wieder ihre Ruhe.
Aber die Wortführer der kleinen Stadt waren sich einig, daß sie
alles tun würden, damit die Motorradfahrer ihrer kleinen Stadt
auch künftig fernblieben und so beschlossen sie, daß man eine Regel
aufstellen würde, die das Motorradfahren in der Stadt ganz verbieten
sollte. Damals ging das noch, denn es gab noch keine Gesetze, die
den Bürgermeistern das Verbieten des Motorradfahrens auf ihren
Straßen untersagten. Und so wurde das Motorradfahren in dieser Stadt
schließlich verboten. Hurra.
Doch irgendwann breitete sich diese Masche auch in anderen Gemeinden
in der Umgebung aus und die Motorradfahrer klagten ihr Leid, daß sie
sich nicht mehr frei entfalten konnten und große Umwege in Kauf nehmen
mußten, während die Autofahrer bequem alle Straßen nutzen durfte.
Die Regierung wurde aufmerksam. Sie beschloß daraufhin, daß
Rechtssicherheit geschaffen werden müsse und verabschiedete
ein Gesetz, welches den Bürgermeistern verbot, das Motorradfahren
zu verbieten. Schließlich ist Motorradfahren nicht böse und völlig
legal. Widerwillig und mit Entsetzen nahmen die Leute unserer
kleinen bayrischen Stadt das Gesetz zur Kenntnis.
In Ihrer Not fingen die Leute nun an, alle Motorradfahrer, mit
denen sie ins Gespräch kommen konnten, anzupöbeln. An Tankstellen,
auf dem Rathausplatz und auch auf den Parkplätzen vor den Geschäften.
Sie wurden nicht müde, den Motorradfahrern ihr Leid zu klagen, daß
sie früher schlechte Erfahrungen mit -----------------------------
Motorradfahrern gemacht hätten und | Benutzen Sie ihr Auto, kein
daß sie deshalb nicht wollen, daß | Motorrad!
in Ihrer Stadt wieder Motorrad |
gefahren wird. Sie schrieben sogar | In der unserer Stadt treiben
eine Motoquette und hängten sie | sich Motorradfahrer herum und
überall auf. | benehmen sich schlecht.
|
Sie erzählten wortreich von ihren | Mit einem Auto würden sie
früheren Erfahrungen, als es noch | das nicht tun. Aufgrund der
diese berüchtigte Kneipe gab. Auf | negativen Erfahrungen, die
diese Weise konnten sie viele neue | viele Leute mit Motorrad-
Anhänger für ihr Engagement | fahrern gemacht haben, sollten
rekrutieren. So schlossen sich auch | Sie deshalb nicht Motorrad
diejenigen an, die noch nie | fahren.
schlechte Erfahrungen mit einem | Auf einigen Plätzen, die der
Motorradfahrer gemacht hatten und | sportlichen Betätigung dienen,
plapperten einfach die das nach, | werden Motorräder in Ausnahme-
was man ihnen erzählt hatte. | fällen geduldet.
Schließlich gehörte man dazu! ---------------------------------
Und wenn man nicht zufällig selbst leidenschaftlicher Motorradfahrer
ist, ist es ja auch nicht schwer, die paar Motorradfahrer für böse
zu halten. Wie die auch immer böse blickend und provokant auf ihren
Maschinen sitzen und dann noch dieses schwarze Leder...
Einige Tankstellenbesitzer gaben Motorradfahrern schließlich kein
Benzin mehr, was den Anwohnern natürlich sehr gefiel. Wer bis jetzt
noch nichts gegen Motorradfahrer hatte, kam spätestens jetzt ins
Grübeln. Denn wenn Motorradfahrer schon kein Benzin mehr bekommen,
dann muß an der Sache mit den bösen Jungs auf zwei Rädern ja was
dran sein. Und es war ein Heidenspaß zuzusehen, wenn ein Rocker
seine Maschine ächzend aus der Stadt schob, weil er mal wieder
kein Benzin bekam.
Wann immer ein fremder Motorradfahrer in dem Städtchen hielt und
nach dem Weg fragte, teilten die Anwohner ihm feierlich mit, daß
sie ihm nicht helfen würden, wenn er das nächste Mal wieder mit
dem Motorrad in die Stadt käme. Es war ihnen egal, ob er das hören
wollte oder nicht. Und immer dann, wenn einer sichtlich berührt
beteuerte, daß er doch eigentlich nichts böses angestellt hätte,
sagte man ihm, daß diese Diskussion in der Stadt nicht geführt
werden dürfe und er in den nahen Wald gehen müsse, weil dort eine
verlassene Scheuer eingerichtet wurde, in der man über das
Motorradfahren diskutieren durfte.
Soblad die Einwohner der Stadt das Gefühl hatten, einen unerfahrenen
Neuling vor sich zu haben, behaupteten sie einfach, das Gesetz gelte
für ihre Stadt nicht und es herrsche deshalb nach wie vor striktes
Motorradverbot. Wenn das nichts half, sagten sie auch schon mal, daß
ein Motorrad nicht mit den technischen Spezifikationen des verwendeten
Asphalts in der Stadt kompatibel sei und daher Afc 1036-widrig sei.
So ging das einige Jahre. Aber das Städtchen wuchs und es zogen
immer neue Menschen her. Natürlich waren unter ihnen auch ein paar
leidenschaftliche Motorradfahrer. Viele von ihnen waren schon im
gehobenen Alter und fuhren Motorrad, um ihren Jugendtraum zu
verwirklichen und Spaß zu haben. Alles andere als Rocker. Doch
auch die bekamen trotz ihres Wohlverhaltens die ganze Abneigung
zu spüren. Auch sie durften nicht tanken, wurden an jeder Ecke auf
die Schlechtigkeit ihres Hobbies hingewiesen und wurden in manchen
Läden einfach nicht bedient. Man warf ihnen pauschal Unhöflichkeit,
nur weil sie sich nicht an die Motoquette und die Gepflogenheiten
der Stadt hielten. Und das auch dann, wenn sie die Höflichkeit
in Person waren, niemanden belästigten und niemanden störten.
Irgendwann an einem Morgen im Juli eskalierte die Situation
schließlich und einem der Motorradfahrer platzte der Kragen,
weil er an diesem Morgen schon fünfmal angepöbelt wurde und
außerdem keine Brötchen bekommen hatte. Er schlug dem freundlichen
Hinweiser, der es wie immer nur gut mit ihm meinte, ein blaues
Auge und machte sich davon. Schnell sprach sich das herum.
Man hatte es ja immer gewußt: Motorradfahrer sind böse!
Und nein, es sind ganz gewiß keine Vorurteile!
Gruß Winfried
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Aribert Deckers