Netzwerke und Seilschaften
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MLM

"Reich werden mit Zahnpasta, ohne zu arbeiten?"


22.10.2004

Die "Sächsische Zeitung" (http://www.sz-online.de/) hat mir freundlicherweise erlaubt, diesen Artikel hier wiederzugeben.

Die originale URL des Artikels ist:
http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=690181

Aribert Deckers

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Sächsische Zeitung

Montag, 4. Oktober 2004

Wer wird Millionär?

Reich werden mit Zahnpasta, ohne zu arbeiten?

Mit Zahnpasta kann man angeblich viel Geld verdienen.

Ein Besuch bei dubiosen Geschäftemachern


Von Marcus Krämer

Da war also diese Anzeige in der Zeitung, kaum größer als eine Briefmarke: "Stefan G. kommt nach Dresden", stand dort ganz klein gedruckt, "und erzählt, wie er es mit 29 Jahren geschafft hat, Einkommensmillionär zu werden. Und warum es jeder schaffen kann." Dann nichts wie hin! Leider findet der Vortrag des Einkommensmillionärs nicht im Hilton-Hotel oder im Kongresszentrum statt - sondern in einem vergammelten, asbestverdächtigen Gebäudekomplex am Rande der Stadt. Egal jetzt. Wir wollen es wissen. Hinein.

Ein flacher, stickiger Raum mit kahlen, weißen Wänden und grauem Teppich. Gut 30 Frauen und Männer sitzen auf billigen Polster stühlen, brave Durchschnittsbürger mit einer erkennbaren Vorliebe für C & A-Mode. Viele scheinen sich zu kennen. Man duzt sich. Stefan G. betritt den Raum, ein junger Mann von hagerer Gestalt, das lange, braune Haar nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er trägt einen leicht zerknitterten, anthrazitfarbenen Anzug, darunter ein schwarzes Hemd ohne Krawatte. Stefan G. spricht stimmbrüchig-krächzend. Er wirkt unsicher, verspricht sich, verliert den Faden, kichert - wie ein Abiturient, der vor der Klasse ein Referat halten soll.

Mit einem Laptop projiziert Stefan G. Videos und Schaubilder an die Wand. Es geht erstmal gar nicht um Geld. Sondern um unsere Gesundheit. Es ist nämlich so, dass wir bald alle Krebs bekommen werden. Oder Asthma. Oder Neurodermitis. Oder Diabetes. Das liegt an der Chemie, der wir uns täglich aussetzen, indem wir handelsübliche Kosmetikprodukte verwenden: Zahnpasta, Haarshampoo, Duschgel, Hautcreme - alles Gift. Aber Stefan G. hat die Lösung: Kosmetikprodukte ohne schädliche Substanzen. Dazu gibt es einen Superspezialsaft namens "Noni", das ist ein Pflanzenextrakt, welcher uns abhärten soll gegen die Chemie-Attacken unserer Umwelt. Man muss natürlich die gesamte Produktpalette der amerikanischen Firma kaufen, sonst hilft es nichts. Stefan G. erzählt von seiner Freundin Claudia: Die habe zwar das giftlose Shampoo benutzt, sich aber weiterhin normales Haargel in die Frisur geschmiert. Die Folge: Haarausfall. Klar, oder?

Die Verbraucherzentrale warnt vor Abzocke

Das Tolle bei den von Stefan G. angepriesenen Produkten ist nun: Man kann sie nicht nur selber kaufen und seine Gesundheit retten. Man kann auch reich werden damit. Jetzt steht eine Frau aus Dresden auf und erklärt, wie das funktioniert: Sie habe die Produkte weiter empfohlen an Nachbarn, Bekannte, Freunde. Die hätten sie ihrerseits weiter empfohlen. Und so fort. So sei ein Riesennetzwerk entstanden, in Form einer Pyramide. Und jedesmal, wenn jemand aus diesem Netzwerk eines der Produkte kaufe, bekomme sie selbst eine Provision dafür, ohne einen Finger zu krümmen. So einfach sei das. Und jetzt dürfen alle mitmachen und selbst Einkommensmillionäre werden. Man muss nur einmal 14,95 Euro bezahlen, einen Vertrag unterschreiben und seine Adresse und Telefonnummer hinterlassen.

Nichts wie weg hier! Wer jetzt den Raum verlässt, ohne zu unterschreiben, wird noch mehrmals nach seiner Telefonnummer gefragt ("falls noch Rückfragen sind"), bekommt diverse Visitenkarten und Broschüren in die Hand gedrückt sowie eine Gratis-Tube giftloser Zahnpasta. Danke. Tschüs!

Anruf bei der Verbraucherzentrale Sachsen. Sprecherin Renate Janecek kommt das alles bekannt vor. "Es ist immer dieselbe Masche", sagt sie. Das Prinzip sei schon seit Jahren bekannt. In den Anzeigen werde das schnelle Geld versprochen. Auf der Verkaufsveranstaltung werde dann erzählt, wie leicht es sei, die Produkte weiter zu empfehlen und die Provision zu kassieren. "Aber so einfach ist das in Wirklichkeit nicht", sagt Janecek. "Manche vergrätzen ihre Freunde und Bekannten, wenn sie ihnen diese Produkte andrehen." Vor allem Arbeitslose sehen in solch dubiosen Versprechungen ihre letzte Chance. Ein Zeichen für unseriöse Geschäfte sei es, wenn Vorkasse verlangt wird ohne Gegenleistung. "Viele bezahlen diesen Betrag, kaufen einige der meist völlig überteuerten Produkte, und dann ist Schluss", sagt Janecek. Wäre ja auch zu schön gewesen.

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