Über die Positivliste und die Medizin


23.1.2003

Ich danke Herrn Prof. Erdmann für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe seines Artikels, der auch in der FAZ in der Rubrik "Mit fremder Feder" im Dezember 2002 abgedruckt wurde.

Aribert Deckers


Über die Positivliste und die Medizin

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit wurde Ende November dieses Jahres der Referentenentwurf der sogenannten Positivliste einigen Kliniken und Fachgremien zugeschickt. Es handelt sich dabei um die vom "Institut für die Arzneimittelverordnung in der gesetzlichen Krankenversicherung" [1] erstellte Vorschlagsliste verordnungsfähiger Arzneimittel. Auf mehr als 400 Seiten sind verordnungsfähige und nicht verordnungsfähige Zubereitungen aufgeführt. Bis zum 10. Dezember 2002 sind Stellungnahmen möglich. Der Zeitdruck ist erstaunlich, möglicherweise beabsichtigt.

Die Bedeutung dieser "Positivliste- sollte nicht unterschätzt werden. Eine Reduktion der verordnungs- und damit erstattungsfähigen Medikamente in unserem Lande erscheint angebracht. Um so unverständlicher ist es, wenn nun doch Hunderte von Wirkstoffen, Extrakten und Gemischen ohne Wirksamkeitsnachweis aus ideologischen oder merkantilen Gründen in diese Liste aufgenommen wurden. Dabei sollten die dort genannten Arzneimittel eigentlich wie es in der Einleitung der Verordnung heißt, lediglich nach dem Stand der heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse als verordnungsfähig bezeichnet werden. Nicht nur viele wissenschaftlich ausgebildete Ärzte meinen, daß diese seit langem geforderte Aufzählung verordnungsfähiger Pharmaka beispielhaft zeigt, mit wie wenig Sachkenntnis und überlegter Ruhe heutzutage politisch Verantwortliche gravierende Entscheidungen treffen, die wohl einerseits dem Bürger Aktivität vorgaukeln sollen, andererseits aber keiner Interessengruppe wirklich weh tun dürfen. Wenn diese "Positivliste" verbindlich wird, machen wir uns im Europa zum Gespött " einmal abgesehen davon, daß wir unwirksame, nicht geprüfte und obskure Pharmaka auf Kosten der Allgemeinheit gläubigen Kranken verordnen können.

Worum geht es, warum die scharfen Worte?

Diese "Positivliste" besteht im Prinzip aus einem Hauptteil und drei Anhängen. Im Hauptteil werden die mehr oder weniger bekannten und chemisch definierten Medikamente in verordnungsfähige und nicht verordnungsfähige eingeteilt. Als Kriterien wurden Wirksamkeitsnachweis, Preiswürdigkeit und andere, recht vernünftige Maßstäbe benutzt, über die man natürlich auch streiten kann " dies erscheint aber zumindest im Augenblick sekundär. Das Problem liegt bei den drei "Anhängen-, in denen Phytotherapeutika, Homöopathika und Anthroposophika auf über 150 Seiten aufgelistet sind. Diese "Medikamente" wurden nicht dem Wirksamkeitsnachweis unterworfen sondern als "Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen ... entsprechend den Kriterien dieser Therapierichtungen beurteilt- und aufgenommen nach den "Vorschlägen der Sachverständigen der jeweiligen besonderen Therapierichtungen-. Nun könnte man beiseite schauen und Außenseiter gewähren lassen, wenn Sie mit pflanzlichen Zubereitungen, tierischen Extrakten und verdünnter Holzkohle zumeist harmlose Befindlichkeitsstörungen traktierten.

Die meisten Ärzte werden auch so denken und höchstwahrscheinlich keinen Blick in diese Anhänge werfen. Sollte aber doch jemand neugierig da reinschauen, dann glaubt er sich ins Mittelalter versetzt, zweifelt an den Ergebnissen der Aufklärung bzw. der schulischen Bildung in unserem Lande und verliert jedes Verständnis für die Verantwortlichen. Er wird als "verordnungsfähig" zum Beispiel dort finden:

aber auch oder gar

Daß Brechwurz, Vagina bovis, Blutegelextrakte, die Haut weiblicher Rinderfeten und Schweinezahn ebenso als verordnungsfähig aufgezählt werden wie Potenzholz, Gold, Kohle und allerlei tierische Bestandteile (Knochen, Drüsen und Innereien) ist dann schon fast zu erwarten, paßt ins Bild einer Schamanenmedizin für gläubige Mindergebildete.

Nun werden die wenigsten "Vertreter der besonderen Therapierichtungen" diese "verordnungsfähige Zubereitungen" wahrscheinlich in unverdünnter Form verschreiben. Das wäre ja auch ekelig. Statt dessen werden sie verdünnt, sogar stark verdünnt. Beim Verdünnen ( => Potenzieren!) ist der Apotheker dann angewiesen, das Gefäß zehnmal gegen den Erdmittelpunkt auf den Boden zu schlagen, um die "besondere Wirkung- zu erzeugen" - allerlei Kultisches ist schon dabei in dieser "Positivliste".

So sieht in der deutschen Medizin also das 21. Jahrhundert aus! Und Ulla Schmidt verordnet uns diese "Positivliste". Üblicherweise wird in unseren Schulen heutzutage ja das Lateinische nicht mehr so gern gelernt, der "gebildete Arzt der besonderen Therapierichtung- kann mit der Verfremdung den Schweinezahn eben als "dens suis", wahrscheinlich 10.000mal verdünnt und davon drei Tropfen mit dem Segen der Verordnungsfähigkeit an Kranke abgeben. Wenn wir auf den internationalen Kongressen über "evidence based medicine" mit unsern Fachkollegen diskutieren, treffen wir auf ungläubiges Staunen beim Erwähnen derartiger Gesetzesvorschläge. Diese sicher von keinem naturwissenschaftlich gebildeten Politiker (haben wir solche?) gelesene Auflistung merkwürdiger "Arzneimittel" ist also mal wieder so ein Jahrhundertentwurf dieser rotgrünen Regierung.

Auch die naturwissenschaftliche Medizin bedient sich der Psychotherapie, um Kranken zu helfen. Wenn aber einerseits eine Gesetzesvorlage im 21. Jahrhundert darauf Wert legt, geprüfte und durch Wirksamkeitsnachweis ausgezeichnete Medikamente nach strengen Richtlinien zu akzeptieren (und auch viele durchaus wirksame Pharmaka wegen zu hoher Kosten oder aus anderen Gründen auszusortieren), dann erscheint es absolut unverständlich, ja schon zynisch, wenn mit Kuhhaut- und Stierhodenextrakten, Asche und Potenzholz, Gold und Innereien nach frühmittelalterlichen Kulten behandelt werden soll. Es ist kaum zu verstehen, daß sich derart geachtete Pharmakologen wie Schwabe / Heidelberg oder Kliniker wie Köbberling / Wuppertal, dazu hergegeben haben, diese "Positivliste" unter ihrer Aegide zu erstellen. Aber vielleicht schaut ja der eine oder andere Abgeordnete einmal in die Gesetzesvorlage, bevor er die Hand hebt. Ich bin, das muß ich zugeben, von diesem Gesetzesentwurf einfach deprimiert und weiß auch nicht, wie ich diesen Zusammenhang meinen kritischen Studenten erklären soll.

Prof. Dr. med. E. Erdmann
Direktor der Klinik III für Innere Medizin
Klinikum der Universität zu Köln


[1] http://www.iagkv.de

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