Amalgam, das Gift im Mund


9.8.2001
24.5.1999

Dieser Artikel wurde mir freundlicherweise von der Autorin, Danièle Weber, und vom TAZ-Verlag zur Veröffentlichung auf meiner Web-Site zur Verfügung gestellt.

Das Original ist im WWW nicht mehr verfügbar. Deswegen als neue Quellenreferenz: die Homepage der TAZ: http://www.taz.de/


Ist Amalgam gesundheitsschädlich? Seit Jahrzehnten schon streiten Wissenschaftler über diese Frage. Neuere Studien zeigen, daß das Schwermetall im Mund auch die Funktionen des Gehirns beeinträchtigt

Von Danièle Weber

Über 150 Jahre ist sie alt und immer noch fast in aller Munde: die gute alte Zahnplombe. Kurz nachdem die ersten Mediziner auf die Idee kamen, ein Gemisch aus Quecksilber und anderen Metallen in löchrige Zähne zu stopfen, brach in den USA auch schon der erste "Amalgamkrieg" aus. Nachdem unbekannte Krankheiten aufgetreten waren, wurde das neue Füllmaterial bereits einige Jahre später wieder verboten. "Quacksalber" nannte man die Zahnärzte - eine Anspielung auf das krankmachende Quecksilber, das sie an ihre PatientInnen verabreichten. Nur wenig später feierte das Amalgam allerdings ein großes Comeback: Vor allem die Industrie pries die Vorteile des billigen und leicht zu verarbeitenden Füllungsbreis an. Heute tragen rund neunzig Prozent aller EuropäerInnen Amalgamfüllungen im Mund - noch immer besteht die metallisch graue Mischung aus rund 50 Prozent Quecksilber sowie Anteilen aus Silber, Kupfer und Zinn.

Und der Amalgamkrieg tobt derweil weiter. Der Versuch, den letzten Stand der Forschung zusammenzufassen, wurde vor kurzem in Luxemburg unternommen: Auf Einladung der Fraktion der europäischen Grünen trafen erstmals Amalgam-Befürworter und -Gegner auf einer internationalen Konferenz aufeinander. Deutlich wurde dabei, daß die KritikerInnen in den letzten Jahren an Boden gewonnen haben - in einigen Ländern der EU wird über mehr oder weniger starke Restriktionen des umstrittenen Materials nachgedacht.

Eine Entwicklung, die auch die Europäische Kommission beschäftigt. Anfang Januar legte eine von ihr beauftragte Arbeitsgruppe ihren Bericht vor. Fazit: Laut aktuellem Stand der Wissenschaft stellt Zahn-Amalgam kein "nicht-akzeptables" Risiko für die Gesundheit der allgemeinen Bevölkerung dar. "Wir haben keine Beweise dafür gefunden, daß ein Zusammenhang zwischen freigesetztem Quecksilber und schweren Erkrankungen besteht", sagt etwa Joseph Putzley von der EU-Kommission.

Die Betonung liegt auf "Zusammenhang". Denn daß Quecksilber giftig für den menschlichen Körper ist, dürfte inzwischen nachgewiesen sein: Das Metall schädigt und blockiert bestimmte Hormone, Rezeptoren und Enzyme. Kein Wunder, daß die Symptome sehr vielfältig sind: Von Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen und Depressionen über Muskelschwäche und Gelenkschmerzen bis hin zu Herzrhythmusstörungen und Anämie reicht die Palette der Krankheitsbilder.

Amalgam bewirkt Hirnveränderungen

Immer wieder wird das Leiden der PatientInnen als "psychisch" eingestuft. Einer der Gründe, weshalb Kurt Müller, Vorsitzender des deutschen "Berufsverbandes der Umweltmediziner", auf die Idee kam, das Gehirn solcher PatientInnen zu untersuchen. Vor allem jene, die über längere Zeit hinweg mit Zahnamalgam in Berührung kamen, zeigten deutliche Hirnfunktionsstörungen, lautet das Ergebnis seiner Studie.

Eine weitere Neuheit in der Amalgam-Debatte: Gustav Drasch vom Institut für Rechtsmedizin in München konnte letztes Jahr nachweisen, daß Amalgamfüllungen den Quecksilbergehalt der Muttermilch erhöhen. Darüber hinaus hatten andere Untersuchungen desselben Instituts zuvor ergeben, daß mütterliches Zahn-Amalgam die Konzentration von Quecksilber im Gewebe der Niere, der Leber und des Gehirns des Kindes erhöht. "Der Einsatz von Amalgam sollte deshalb vor allem bei Frauen in gebärfähigem Alter überdacht werden", so Draschs Schlußfolgerung.

Sehr intensiv wurde in den letzten zehn Jahren in Schweden geforscht. Bemerkenswert ist der sogenannte Melisa-Test, der speziell entwickelt wurde, um im großen Stil PatientInnen zu testen, die über mögliche Nebenwirkungen von Amalgam- oder anderen Metallbelastungen klagen. Melisa steht für "Memory Lymphocyte Immuno-Simulation Assay" und bedient sich einer besonderen Art der weißen Blutkörperchen. Diese sogenannten T-Lymphozyten werden aktiviert, wenn sie mit Bakterien, Viren, verschiedenen Chemikalien oder Metallen in Kontakt kommen. Sensible PatientInnen speichern diese Information ab - werden sie dem Stoff wieder ausgesetzt, reagieren sie prompt allergisch darauf.

Inzwischen wurde nach dieser Methode die Empfindlichkeit gegenüber verschiedenen Metalle von über 3.000 PatientInnen in zwei schwedischen und einem deutschen Labor untersucht. Am häufigsten reagierten sie auf Nickel, an zweiter Stelle stand Quecksilber, danach kamen Gold und Palladium. Vera Stejskal vom Karolinska-Institut in Stockholm hat den Melisa-Test an bestimmten Patienten-Gruppen durchgeführt. Zuckerkranke Kinder etwa zeigten sich sensibler gegenüber Quecksilber als gesunde; PatientInnen, bei denen multiple Sklerose diagnostiziert worden war, ebenso. "Wir müssen herausfinden, welche Menschen besonders durch Metallbelastungen gefährdet sind", so Vera Stejskal.

Wer sich dazu durchgerungen hat, die alten Plomben für immer aus seinem Mund zu verdammen, steht vor einem weiteren Problem: Welche Alternativen gibt es? Ein Bereich, der immer noch unterentwickelt ist. "Den vollkommen "bio-kompatiblen" Stoff, das heißt für den Menschen allgemein verträglichen, gibt es zur Zeit nicht", sagt Gottfried Schmalz vom Zahnmedizinischen Institut der Uni Regensburg. In seinen Untersuchungen hat er Unverträglichkeiten bei Ersatzmaterialien wie Kunststoff oder Gold festgestellt. Gottfried Schmalz: "Wir können das Amalgam-Problem nicht lösen, indem wir ein Verbot aussprechen".

Schweden bereitet Verbot vor

In Schweden wird das nicht so gesehen. Dort soll bis zum Jahr 2001 Zahn-Amalgam ganz verboten werden. Bereits jetzt werden Amalgam-Füllungen nicht mehr von den Krankenkassen übernommen. "Der wirkliche Beweis, daß Amalgam mit bestimmten Krankheiten verbunden ist, fehlt zwar noch", gibt Birgitta Wittorp vom schwedischen Gesundheitsministerium zu. Allein die Aussage der Weltgesundheitsorganisation WHO, "bestimmte Patientengruppen sind besonders risikobehaftet", sei bedenklich genug, so Wittorp. Dazu kämen die sehr großen Umweltbelastungen des Amalgams, welche die Verarbeitung und Entsorgung des Quecksilbers mit sich bringen.

Ein Alleingang Schwedens würde innerhalb der EU Probleme mit sich bringen: Die Kommission sorgt sich um den freien Warenverkehr. Laut EU-Regeln ist nämlich ein Verbot von Amalgam nur dann gerechtfertigt, wenn tatsächlich ein Risiko nachgewiesen werden kann. "Es stört mich, daß dieser Aspekt für die EU-Kommission im Vordergrund steht", sagt Paul Lannoye, Europa-Abgeordneter der belgischen Grünen. "Für mich besteht in erster Linie ein Umwelt- und Gesundheitsproblem."

Einer Harmonisierung der Rechtslage in Sachen Amalgam innerhalb der EU steht noch einiges im Wege. Denn während die einen aussteigen wollen, halten andere vehement an der alten Plombe fest. Zum Beispiel Frankreich: Dort bezichtigte die Ärztekammer den Arzt Jean-Jacques Melet im vergangenem Jahr der "Scharlatanerie". Der Grund: Er ließ Haare, Blut und Urin von bestimmten PatientInnen auf Quecksilber untersuchen und riet unter anderem MS-PatientInnen dazu, Zahn-Amalgam zu entfernen.

taz Nr. 5752 vom 3.2.1999 Seite 17 228 Zeilen
TAZ-Bericht Danièle Weber

© Contrapress media GmbH
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags

Die TAZ erreichen Sie hier: http://www.taz.de

9.8.2001 : Aktueller Nachtrag:

taz muss sein: Was ist Ihnen die
Internetausgabe der taz wert? Sie helfen uns,
wenn Sie diesen Betrag überweisen auf:
taz-Verlag Berlin, Postbank Berlin (BLZ 100
100 10), Konto-Nr. 39316-106
Für Österreich: TAZ Verlags- und Vertriebs
GmbH, Konto-Nr.: 92.134.506, Österr.
Postsparkasse (P.S.K.)


hier geht's weiter !
[ Das Amalgam-Zentrum ]

Copyright © 1999
Aribert Deckers
and
Copyright © 1999
Antares Real-Estate

Jegliche Weiterverwendung der Texte der Amalgam-Page ist verboten.
Verlage dürfen sich wegen der Nachdruckrechte per Email an mich wenden.
Aribert Deckers