Wenn das Kleingeld bei Kindern im Rachen steckt


10.6.2006

Den folgenden Bericht und den Kommentar, beide von Prof. Dr. med. Otfrid Butenandt, München, darf ich dank der freundlichen Erlaubnis des Verlags Urban & Vogel, München, hier mit Bild wiedergeben.

Sie erschienen 1995 im Heft Nr. 15 der "Fortschritte der Medizin" auf Seite 10.

Ich hatte um diese Erlaubnis gebeten, weil unsere Lokal-Zeitung schrieb, daß es ungefährlich ist, wenn Kinder Münzen verschlucken. (siehe Zeitungsjournalismus als Gefahr: Verschluckte Münzen)

Aber es ist eben NICHT ungefährlich! Es sind bereits Kinder durch verschluckte Münzen gestorben...

Auch am 5.4.2004 war wieder so ein Artikel erschienen... Der gleiche... Und wieder hat die Zeitung keine Richtigstellung gebracht. Die Zeitung hat trotz mehrfacher Aufforderung bisher (Datum 10.6.2005) keine einzige Richtigstellung gebracht und lullt die Leser weiterhin ein mit Dummheit.


Wenn das Kleingeld bei Kindern im Rachen steckt

Es wird über 73 Kinder im Alter von 6 bis 120 Monaten (!) berichtet, bei denen Münzen im Ösophagus steckengeblieben waen.

Saß die Münze im oberen Teil (53 mal) oder mittleren Teil des Ösophagus (5mal), mußten die Geldstücke endoskopisch entfernt werden, weil sie ihre Lage nicht veränderten.

Bei einigen Kindern lag die Ingestion bereits zwei Monate zurück! [1]

Roentgenbild: Muenze in der Speiseroehre steckengeblieben

Röntgenbild: Münze in der Speiseröhre steckengeblieben

Eine ösophageale Irritation wurde dann gefunden, wenn die Münze wenigstens 64 Stunden in der Speiseröhre steckte.

Bei 15 Kindern wurde das Geldstück röntgenologisch im digitalen Ösophagus nachgewiesen.

Bei 9 dieser Kindern rutschte die Münze spontan in den Magen weiter, bei 2 Kindern nach Einleitung einer Narkose. Bei den restlichen 4 Kindern mußte die Münze schließlich doch noch endoskopisch entfernt werden.

Nur 7% der Kinder wiesen keine Symptome auf, sonst wurde über ein Fremdkörpergefühl berichtet.

Die Autoren schließen aus ihren Beobachtungen, daß in jedem Fall endoskopiert werden muß, wenn die Münze im oberen Anteil des Ösophagus steckt.

Bei den übrigen Patienten sollte nach 24 Stunden eine Kontrolle durchgeführt werden, damit man dann noch intervenieren kann, wenn die Münze nicht spontan weitergeglitten ist.

[1] Jones, G. P., M. Chambelain, D. W. Ochsenschlag: "Symptoms and spontaneous passage of esophagal coins" Arch. Paediatr. Adolesc. Med. 149 (1995), 36-39
Abstract in Englisch: http://archpedi.ama-assn.org/cgi/content/abstract/149/1/36
Aufnahme in "Pubmed": http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi?cmd=Retrieve&db=PubMed&dopt=Abstract&list_uids=95128390

Referat und Kommentar: Prof. Dr. med. Otfrid Butenandt, Dr.-von-Haunersches Kinderspital der LMU München

* * *

Kommentar: Prof. Dr. med. Otfrid Butenandt, München

Kinder, insbesondere Kleinkinder, stecken fast alles in den Mund. Hier wird über eine Reihe von Kindern berichtet, welche Geldstücke verschluckt hatten - sogar noch im Alter von 10 Jahren!

Meist waren es kleine Münzen; aber auch "Quarter" (=1/4 Dollar von der Größe eines 2-DM-Stückes) wurden extrahiert.

Auch wenn einmal kein Fremdkörpergefühl oder dergleichen angegeben wird, sollte bei dringendem Verdacht eine Röntgenaufnahme des Thorax angefordert werden, da Münzen häufiger die obere Enge des Ösophagus nicht passieren.

Die entfernten Münzen decken zwar nicht die Kosten der endoskopischen Fraktion, müssen aber dennoch herausgeholt werden.

Übrigens wirken die Münzen im Röntgenbild oft größer, als sie in Wirklichkeit sind. Dennoch besteht die große Gefahr, daß im Ösophagus steckengebliebene Münzen nicht entdeckt und entfernt werden: es wurde über mehrere Todesfälle aufgrund von Mediastenitis berichtet.

Ob statt der Röntgendiagnostik der Einsatz von Metalldetektoren eine gleichgute Lokalisation der Münzen ermöglicht, ist noch nicht sicher. Denn Röntgenstrahlen sollten nur angewendet werden, wenn die Diagnose ohne die Maßnahme nicht gestellt werden kann und davon das weitere Vorgehen abhängig gemacht werden muß. Das aber ist hier der Fall!


hier geht's weiter !
[ Das Amalgam-Zentrum ]

Copyright © 1995
Verlag Urban & Vogel, München
and
Copyright © 2005
Aribert Deckers
and
Copyright © 2005
Antares Real-Estate

Jegliche Weiterverwendung der Texte der Amalgam-Page ist verboten.
Verlage dürfen sich wegen der Nachdruckrechte per Email an mich wenden.
Aribert Deckers