Kinder im Würgegriff des Systems

Bericht 1


10.07.2005

Fehldiagnosen, Pfusch und Faulheit sind ubiquitär im deutschen Gesundheitssystem.

Besonders hart betroffen sind Kinder, weil denen damit oft gleichzeitig ihr ganzes Leben zerstört wird.

Im folgenden Bericht geht es um einen Neunjährigen, der seit Geburt als lernbehindert und Legastheniker abgestempelt wird. Anscheinend WOLLTE oder konnte sich 9 Jahre lang niemand die Zeit für eine saubere Diagnose nehmen. Und mit dem Stempel "Legastheniker" ist das Schicksal des Kindes dann endgültig besiegelt...

Aribert Deckers


Bericht

"Junge, 9 Jahre alt, Geburtstrauma (Gehirnblutung), Gangataxie, schlaffe Lähmung links (Hemiplegie), congenitaler Nystagmus (Augenzittern), seit Geburt in augenärztlicher Behandlung, stellt sich vor gut einem Monat bei mir vor wegen Legasthenie. Er wird ab September die Körperbehindertenschule besuchen, da er in der Regelschule nicht mitkommt.

Die Sehschärfe beträgt rechts cc 0,3 p L 0,4 p Zahlen.

Die Brille bekam er von meinem Kollegen vor gut 3 Monaten ordiniert.

Der andere Kollege, der den Jungen bisher betreute, hielt das für völlig unnötig. "Ob er eine Brille trägt oder nicht, ist absolut egal. Das ändert nichts am schlechten Sehen."

Die Sehschärfe in der Nähe war nur 0,2 Landolt. Ein klarer Fall für die Sehschwachenschule.

Die Vorschuluntersuchung verlief angeblich problemlos, was ich absolut nicht verstehe.

Wie kann sowas sein? Es unterblieb die Einweisung in die Sehschwachenschule, es unterblieb eine Förderung der visuellen Wahrnehmung, es unterblieb die Versorgung mit vergrößernden Sehhilfen, es unterblieb ein Mobilitätstraining.

Ich habe erneut eine subjektive Refraktion vorgenommen. Rechts jetzt cc 0,4, L 0,4p.

Wegen seines Nystagmus und einem kleinen Schielfehler legte ich die Gesichtsfelder mit prismatischen Gläsern übereinander. Der Nystagmus beruhigte sich deutlich.

Das Sehvermögen ist von binokular 0,4 damit auf 0,6 angestiegen. Das ist sehr viel für das Kind.

Weiterhin gab ich einen Nahzusatz von 3,00 sph für die Nähe dazu. Damit sieht er 0,8p vereinzelt Worte. Er wird weiterhin einen Kantenfilter erhalten, der das Sehvermögen noch mal um 10% für die Ferne erhöhen wird und eventuell ein Monokular für die Tafel zum Abschreiben.

Es besteht keine Legasthenie, eventuell eine Lese-Rechtschreibschwäche, weil zu keinem Zeitpunkt bisher eine Lesefähigkeit bestand aus rein visueller Problematik heraus.

Der Bub wird einen Sprung in seiner schulischen Entwicklung nehmen, die ihm bisher versagt war, weil Kollegen keine Zeit für eine entsprechende Diagnostik, Abklärung und Therapie fanden. Neun Jahre lang nicht. Was ist dem Kind da vorenthalten worden.

Ich bekomme ja nur einmal im Quartal für nur 6 Minuten meine 405 Punkte, muss einen Brief an den Kinderarzt schreiben, damit ich überhaupt abrechnen darf und habe keine Zeit für mal 2-3 Stunden intensivster Betreuung die aber nötig wären.

Wer bezahlt mir das? Die Kasse nicht. Niemand. Sowas sprengt ja den Rahmen jeder normalen Sprechstunde. Und deswegen passiert eben...nichts.

Oder man hat das Glück durch Zufall an eine Praxis zu geraten, die sich den Luxus gelegentlich leistet Problemfälle zu betreuen. Es dürfen nur nicht zu viele werden. Sonst bekommt man eventuelle wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Das ist bedauerlicherweise kein Einzellfall. Ich habe mehrere im Laufe der Jahre erlebt. Es lebe das gute soziale System in Deutschland."


 


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