Rhetorik : Krieg in der Medizin

11. Die Sprache der Gewalt


17.02.2005

Wie in mehreren Texten [*] auf dieser Web-Site beschrieben: Es herrscht Krieg. Krieg gegen Kranke.

Um in diesem Krieg zu überleben, muß man die Rhetorik des Gegners kennen, sie analysieren und die Gegenmittel zur Hand haben. Das in Form eines Buches zu schreiben wäre ein großer Aufwand, der nicht einmal lohnt, weil die meisten Leser viel zu erschöpft sind, ein langatmiges - weil theoretisches - Buch zu lesen.

Aus diesem Grund wurden aus Diskussionen im WWW Analysen der Rhetorik gesammelt, die - sozusagen "am lebenden Objekt" - an realen Fällen zeigen, worauf Kranke achten müssen.

Als 11. Eintrag der Liste eine Betrachtung zur Gewalt in der Sprache. Geschrieben und analysiert von ama, dank dessen Erlaubnis ich diese Texte hier wiedergeben darf, die in den Tiefen des WWW in Foren entstanden sind.

[*] Die anderen Fälle finden Sie in der Übersicht: http://www.ariplex.com/ama/ama_rhet.htm

Aribert Deckers



Die Sprache der Gewalt

In einem Forum im WWW erscheinen nacheinander die folgenden 3 Beiträge (was dazwischen ist, lasse ich als unwesentlich weg):

Analysieren wir mal.

In Beitrag 1 kommt aus heiterem Himmel ohne jeden Zusammenhang mit dem Thema des Forumsthreads hereingeschossen die Frage

Während das auf den ersten Blick wirr erscheint, wird das als Angriff deutlich schon im nächsten Satz:

So eine Frage ist immer invers gemeint, sagt also das Gegenteil aus: "Er will uns etwas Böses."

Dann geht es "so richtig zur Sache":

Da gibt es also eine "Giraffensprache" - was immer das sein soll. Die wird von Trainingsfirmen angewendet (wer immer das sein soll) und - Achtung! - in Schulen und Kindergärten! Zu dem letzteren komme ich später.

Wichtig ist auch der letzte Satz:

Das ist ein konzentrierter Angriff - und zwar ohne jede inhaltliche Substanz!

Der Verweis auf etwas, das gut sein muß (sonst würde es nicht empfohlen zum "Scheibe abschneiden"), ist ein Angriff.

Wer so angreift, setzt sich eine Ebene höher, von der er herabblickt. So erhöht er sich indirekt selbst.

Zusammengefaßt: ein Angriff, bei dem sich der Angreifer selbst höher setzt, keinerlei sinnvolle Fakten angibt (nur den wirren Hinweis auf mit Google {also "irgendwo"} würde man es finden) und den Angegriffenen als (bösen!) Wolf darstellt.

Das merken wir uns.

Der 2. Beitrag führt in die Irre:

Eine "Meinung" ist nicht wertfrei. Die Behauptung, JEDER dürfe JEDE Meinung haben, wird IMMER kombiniert mit der Aufforderung und dem mehr oder minder massiv vorgetragenen Zwang, daß man (also die Allgemeinheit) diese Meinung "gelten lassen" muß.

Vor dem 3. Beitrag war ein analytischer Beitrag eines Kritikers. Der wird gekontert mit

Das belegt, daß die 1. Erwähnung des Wortes Wolf tatsächlich - und durchdacht, also keine Frage! - ein Angriff war.

Vor allem die Kombination des Satzes mit dem folgenden ist deutlich:

Also eine knallharte, schon paranoid zu nennende schwarz/weiß-Sicht der Welt. In der eingangs genannten Web-Seite eines "Trainers" heißt es:

Da wird der Gegensatz hergestellt zwischen klarem, logischem Denken und dumpfem Gefühl.

Diese primitive Grundeinstellung wird übertragen auf Tiere, hier den Wolf (hat scharfe Zähne, ist böse und frißt andere Tiere) und die Giraffe (der man in unserer nördlichen Mythologie nichts Negatives nachsagen kann). Die Giraffe ist ein Pflanzenfresser und groß, und hat eine gewisse Grazie.

Daß Wölfe sehr soziale Tiere sind und sehr fürsorgliche Eltern - und durchaus nicht die blutrünstigen Bestien, als die sie oft dargestellt werden -, wird bei den Klischee-Orgien unterschlagen.

Solche primitiven Klischees werden in "Trainingsfirmen" und Schulen und Kindergärten eingesetzt - und damit zum Beispiel Kindern aufpreßt.

Das ist ein Akt geistiger Vergewaltigung - eine ernst zu nehmende Gefährdung der geistigen Gesundheit der Kinder.

Was wird denn "gelehrt"? Antwort: die rhetorischen Tricks, mit denen man ohne Sachargumente seinen Willen durchsetzt.

"Du liebst mich nicht meeeeeeeehr!" ... Sie kennen diesen Satz - und Sie wissen, wie hilflos der damit Angesprochene ist...

Sollte er rational entgegnen, schallt ihm ein Geweine - "buhu" - entgegen.

Und emotional entgegnen? Emotional müßte er das tun, was der Angreifer will: ihm zu willen sein, ihn umscheicheln, ihm geben, was der Angreifer haben will. (Tut er das nicht, geht die Spirale der Gewalt erst richtig los...)

Sie fragen sich, wie Kinder es schaffen, ihre Eltern zu terrorisieren? Ganz einfach: indem sie wie Roboter solche Tricks abspulen.

Viele sind es nicht, sie sind einfachst zu lernen - wirklich kinderleicht.

Und sie erfordern keinerlei Sachkenntnis.

Und sie greifen dort an, wo mit Ratio nicht viel zu machen ist.

Kurz gesagt: es ist rhetorische Kriegführung...

Kriegführung. Dazu haben wir doch ein Beispiel:

"Du liebst mich nicht meeeeeeeehr!" ... bloß mit anderen Worten...

Die "gut gemeinte Hilfe", die auch noch "ehrlich" sein soll, alleine das sind schon böse Fallstricke für rhetorisch Unbedarfte. Um alleine diesen Satz

abzuwehren, bedarf es einiger fachlicher und rhetorischer Fähigkeiten. Doch wer hat die schon...?

Falls jemand den Kampf aufnimmt, bekommt er noch mehr solche Bomben an den Kopf. Was anderes können die Klischee-Primitivlinge nämlich nicht... Fachlich haben die doch nichts drauf!

Aber bleiben wir bei diesem Satz:

Mit "ehrlich gemeint" ist das so eine Sache und mit "Hilfe" auch. So wird man die "Hilfe" eines Menschen, der Einem im Dunkeln bei der Inspektion des Benzintanks mit einem brennenden Feuerzeug leuchten will, lieber ablehnen...

In einer Forumsdiskussion (oder im "Real Life") muß man also erst einmal klarstellen, daß die angebliche Hilfe gar keine Hilfe ist. Dazu muß man Sachargumente auffahren. Und zwar so, daß die Anderen sie verstehen. Womit das Unternehmen bei den Klischee-Primitivlingen scheitert, ja, scheitern muß...

Bei der zitierten Forumsdiskussion kommen noch weitere Brandbomben:

Das Klischee der "Eifersucht" fehlt nicht, ebensowenig das mit dem "Beleidigen". Und dann die "glücklichen Menschen"! Und natürlich der persönliche Geschmack (also eine Meinung, die JEDER haben darf und die die Anderen AKZEPTIEREN MÜSSEN)...

Alle vier Punkte

sind kompletter Blödsinn. Je mehr solchen Blödsinns der Angreifer verschießt, desto mehr Punkte muß sich der Angegriffene vornehmen und darauf entgegnen.

Aber wie...!?

Tut er es emotional, ist er dem Angreifer schon auf den Leim gegangen.

Tut er es rational, plärrt ihm der Angreifer entgegen wie eine Schallplatte mit Sprung, und das so lange, bis der Angegriffene brachial wird.

Worauf ihm ein "Du liebst mich nicht meeeeeeeehr! - Da sieht man es wieder." entgegen kommt... und die Spirale eskaliert...

Jeder einzelne der vier Punkte sind Angriffe, die mit der Sache überhaupt nichts zu tun haben. Es sind Ablenkungsmanöver. Sie ziehen den Angegriffenen in ein bestimmtes Verhaltensschema - und der Angreifer schiebt ihn ständig vor sich her..

Was tun?

Als Admin eines Forums hat man es leicht: Sofort diesen User sperren: "Mit sowas diskutiert man nicht!" Schon ist der Fall geklärt.

Als Teilnehmer (oder im "Real Life"): je nach Situation gar nicht darauf eingehen. Natürlich hängt es von der Situation ab, aber hier in der Forumsdiskussion ist es eine freie Rede. Also kann man den Angreifer ignorieren oder ihn mit wenigen Worten abkanzeln.

Wie?

Indem man die Situation erklärt. Man geht weder in die Falle(n) des Angreifers noch verschwendet man Zeit für sinnlose Erklärungen. Nein, man stellt den Angreifer bloß.

Wie?

Indem man ihm die Beschreibung dieses Mechanismus vorsetzt. Das wird dem Angreifer wenig schmecken, aber die anderen Leser erkennen die Methode und sind gewarnt.

 
In der Überschrift heißt es "Gewalt". Wo ist in dem Beispiel die Gewalt? Sehr einfach: überall!

Da ist jemand, der will seinen Willen durchsetzen. Das kann er mit sachlichen Argumenten nicht. Das will er auch nicht. Er ist zu dumm, er ist zu faul... Was auch immer... Er will es nicht. Deswegen greift er zur sprachlichen Keule, zur emotionalen Gewalt.

Mit vorgeblich freundlichen Worten schlägt er erbarmungslos zu. Jedes der benutzten Klischees ist eine Waffe, und sie ist verdammt hart, wenn man sich nicht zu wehren weiß.

Der Angreifer ist ja so freundlich. Er ist ja so arm dran. Weil da die bösen Wölfe sind. Die den Weltkrieg wollen...

Es wird von dieser Sort emotionaler Schläger immer behauptet, die Denker hätten kein Herz, sie seien brutal, rücksichtslos, gewissenlos, und überhaupt... Die Denker seien eiskalt und sie verübten Gewalt.

Man sollte den (ausgerechnet!) von den emotionalen Schlägern so heiß geliebten EQ ("Emotionaler Quotient") endlich als das erkennen, was er in Wahrheit ist: eine Waffe - eine Waffe der intellektuell Unterprivilegierten, mit denen sie ihre Dummheit, ihre Unfähigkeit und ihren Unwillen verbergen, sich mit sachlichen Argumenten zu verständigen.

Die wahren Gewalttäter, an ihrer Sprache könnt Ihr sie erkennen...

ama

 


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