Das hätte ich jetzt nicht gedacht…

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Normalerweise würde ich ein so großes Zitat einer von mir so geschätzten Journalistin nicht bringen. In diesem Fall jedoch MUSS ich es tun.
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    Kiyaks Deutschstunde

    10.06.2015
    Was meinen Politiker, wenn sie sagen, was sie sagen? Und: Was meinen sie wirklich? Mely Kiyak sagt’s Ihnen!

    Ein trauriger Linker [1]

    Warum sitzen Politiker noch im hohen Alter in Talkshows und müssen zu allem etwas sagen? Vielleicht gelingt ja Gregor Gysi der verdiente Abschied aus der Öffentlichkeit.
    VON MELY KIYAK

    Sie alle machen es noch: Norbert Blüm, Heiner Geißler, Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Helmut Schmidt, Henry Kissinger, Michail Gorbatschow, Clinton, Bush. Die Liste ist lang. Sich zu Wort melden. Immer und immer wieder. Warum ist das so?

    Warum ist das Kommentieren und Einmischen von und in Politik und Gesellschaft so reizvoll, dass man es ausübt, noch weit über das Mandat hinaus? Haben sie kein eigenes Leben? Keine Frauen, keine Freundinnen, keine Enkelkinder? Keine Gärten, keine Orte, an denen sie lieber wären? Sind schon alle Platten gehört und alle Bücher gelesen und alle Frauen geküsst?

    Besonders absurd wird es, wenn die Herren im hohen Alter in den Talkshows sitzen und beschämt zugeben, zu selten daheim gewesen zu sein. Man wundert sich, dass in diesem Moment ihre Erkenntnis nicht dazu führt, sofort aufzustehen und nach Hause zu gehen. Wenn wer danach fragt, warum es so schwerfällt, sich wie angekündigt völlig zurückzuziehen, dann trauen sie sich nicht, die Wahrheit auszusprechen. Stattdessen antworten sie mit dem Verweis aufs Verantwortungsbewusstsein. Als Politiker definiert das Mandat die Pflicht.

    Wenn aber das Mandat nicht mehr vorhanden ist, woher rührt dann das Pflichtgefühl? Die Antwort ist wohl eher, dass es sich weniger um Pflichtbewusstsein handelt als vielmehr um die Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust. Man war es so sehr gewöhnt, ein Jemand in der Öffentlichkeit gewesen zu sein, dass man im Privaten angekommen vor sich selbst erschrickt. Wer ist man denn dort? Ein Störenfried. Kaum in der Lage sich ins Familienleben adäquat zu integrieren. Dann lieber wieder mitmischen. Dabei sein. Auffallen. Wahrgenommen werden. Anerkannt sein. Und da es so viele männliche Politiker machen, ist gar nichts Peinliches dabei. So kommt es ihnen jedenfalls vor. Dabei ist es natürlich peinlich.

    Es ist auch den Zuschauern peinlich, dabei zuzusehen, wie sich die Moderatoren einschmeicheln und den Mandatslosen das warme Gefühl des Gebrauchtwerdens vortäuschen. Im Schnitt hat ein Talkgast maximal zehn Minuten Redezeit. Diese zehn Minuten sind es ihnen wert, anstrengende Wege in Kauf zu nehmen. Sich auf unbequeme Stühle zu setzen und zum Thema Steuergerechtigkeit oder Außenpolitik zu reden. Dabei schimpfen sie nicht selten über die Abgehobenheit der amtierenden Politiker. Als wären sie nie Teil des politischen Establishments gewesen.

    Der leider verstorbene Reporter Jürgen Leinemann beschrieb dieses Phänomen in seinem Buch Höhenrausch – Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker in zahlreichen Begegnungen mit Spitzenpolitikern. Er beschrieb ihre Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit als Sucht. Das Fernsehen diene dabei als Ersatzwirklichkeit mit der Gelegenheit, das eigene Ego aufzupumpen. In einer Begegnung mit Johannes Rau verrät der Ex-Bundespräsident, das Verhältnis des Machtmenschen zu sich und zur Wirklichkeit funktioniere wie eine Art “Sehstörung”. Jürgen Leinemann erzählte in einem späteren Buch (Das Leben ist der Ernstfall), ausführlich seine Krebskrankheit und kam dabei zu dem Schluss, dass vieles von dem, was er im “Höhenrausch” erklärte, auch für ihn, den Journalisten Leinemann, gelte. Also beschrieb der Publizist sein Leiden und fand dadurch weiter als Publizist statt.

    Man fragt sich, warum die paar Frauen, die es in die Politik schafften, auf diesem Gebiet unterrepräsentiert sind? Man denkt eine ganze Weile nach, bis einem eine Politikerin einfällt, die über das Mandat in der Öffentlichkeit präsent ist. Hildegard Hamm-Brücher und Renate Schmidt fallen einem ein. Heide Simonis. Obwohl: Man hat lange nichts von ihnen gehört. Wie verbringen eigentlich Rita Süssmuth, Andrea Fischer, Ulla Schmidt, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Madeleine Albright oder Condoleezza Rice ihre Freizeit? Haben sie nichts über Gesundheitspolitik mitzuteilen, über Krieg und Frieden, Kitastreik oder den G-7-Gipfel? Man weiß es nicht. Sie sitzen jedenfalls nicht bei Plasbergillnermaischbergerjauch und sprechen über die Maut.

    Dies alles vorausschickend erscheint es erstaunlich, dass Gregor Gysi auf dem Bundesparteitag in Bielefeld das Gefühl der eigenen Unersetzbarkeit kurz beschrieb. In einer Rede gab er bekannt, dass er den Fraktionsvorsitz in seiner Partei Die Linke im Herbst aufgeben werde. Sein Text war übrigens sehr gut, analytisch und selbstkritisch, politisch und persönlich. Er bedankte sich bei seinen Kollegen und seiner Familie. Er hätte an dieser Stelle einen Punkt machen können. Er ging aber einen Schritt weiter und das ist sehr ungewöhnlich, zumindest für deutsche Politikerreden. Fast weinte er, als er folgende Passage vorlas:

    Ich habe viel zu wenig Freundschaften gepflegt. Ich hatte viel zu wenig Zeit für meine Angehörigen. Es lag an mir, weil ich mich einfach zu wichtig nahm. Es ist eine große Gefahr, wenn man in der ersten Reihe der Öffentlichkeit steht. Ich werde andere nicht davor bewahren können, aber bei meinen Angehörigen und Freunden möchte ich mich heute aufrichtig entschuldigen. Es tut mir sehr sehr leid.

    Es ist das Résumé eines langen politischen Lebens. Eines, das ihn gesundheitlich ruinierte. Zwei Herzinfarkte, ein Aneurysma, in Folge der Operation der dritte Herzinfarkt. Er machte weiter. Vielleicht hatte Leinemann recht, vielleicht ist es ein Höhenrausch, eine Sucht, etwas, dem mit normalem Menschenverstand und Familienleben nicht beizukommen ist.

    Gysis Worte klangen fast wie eine Abschiedsrede von der Öffentlichkeit. Hinter der Fassade des angriffslustigen Politikers schaute für einen Moment eine andere Person hervor: Zwar immer noch links, aber sehr traurig. Obwohl Gysi nach dem Herbst sein Mandat behalten wird. Er kündigte an, den Vorsitz in jüngere Hände legen zu wollen und der Versuchung zu widerstehen, “heimlich” weiter zu führen.

    Nach allem, was man weiß über männliche Spitzenpolitiker oder, wie Gysi es nennt, das Personal der ersten Reihe, wissen alle Beteiligten, der Junkie kokst und kifft und spritzt, bis er nicht mehr kann. Das ist wirklich beunruhigend. Denn diese Männer tragen Verantwortung für unser Land. Vielleicht sollte man ernsthaft darüber nachdenken, Mandate für das Parlament zeitlich zu begrenzen. Und für die politischen Talkshows gleich mit.

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    Ist das Mely Kiyak’s Abschiedsgruß? Wird sie nicht mehr schreiben?
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    [1]
    http://www.zeit.de/kultur/literatur/2015-06/gregor-gysi-linke-fraktionschef

    [2]
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    [3] Auch Journalisten werden älter. Und manche hätte nie auch nur ein einziges Wort schreiben sollen bzw gedruckt werden dürfen.

Post Title: Das hätte ich jetzt nicht gedacht…
Author: Putnam Groove
Posted: 11th June 2015
Filed As: DreiNull
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