{"id":1118,"date":"2015-06-11T05:41:57","date_gmt":"2015-06-11T13:41:57","guid":{"rendered":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/?p=1118"},"modified":"2015-06-11T06:25:12","modified_gmt":"2015-06-11T14:25:12","slug":"das-hatte-ich-jetzt-nicht-gedacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/archives\/1118.htm","title":{"rendered":"Das h\u00e4tte ich jetzt nicht gedacht&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Normalerweise w\u00fcrde ich ein so gro\u00dfes Zitat einer von mir so gesch\u00e4tzten Journalistin nicht bringen. In diesem Fall jedoch MUSS ich es tun.<br \/>\n.<\/p>\n<ul>[*quote*]<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<br \/>\n<i>Kiyaks Deutschstunde<\/p>\n<p>10.06.2015<br \/>\nWas meinen Politiker, wenn sie sagen, was sie sagen? Und: Was meinen sie wirklich? Mely Kiyak sagt\u2019s Ihnen!<\/p>\n<p><strong>Ein trauriger Linker<\/strong> [1]<\/p>\n<p>Warum sitzen Politiker noch im hohen Alter in Talkshows und m\u00fcssen zu allem etwas sagen? Vielleicht gelingt ja Gregor Gysi der verdiente Abschied aus der \u00d6ffentlichkeit.<br \/>\nVON MELY KIYAK<\/p>\n<p>Sie alle machen es noch: Norbert Bl\u00fcm, Heiner Gei\u00dfler, Gerhard Schr\u00f6der, Joschka Fischer, Helmut Schmidt, Henry Kissinger, Michail Gorbatschow, Clinton, Bush. Die Liste ist lang. Sich zu Wort melden. Immer und immer wieder. Warum ist das so?   <\/p>\n<p>Warum ist das Kommentieren und Einmischen von und in Politik und Gesellschaft so reizvoll, dass man es aus\u00fcbt, noch weit \u00fcber das Mandat hinaus? Haben sie kein eigenes Leben? Keine Frauen, keine Freundinnen, keine Enkelkinder? Keine G\u00e4rten, keine Orte, an denen sie lieber w\u00e4ren? Sind schon alle Platten geh\u00f6rt und alle B\u00fccher gelesen und alle Frauen gek\u00fcsst?<\/p>\n<p>Besonders absurd wird es, wenn die Herren im hohen Alter in den Talkshows sitzen und besch\u00e4mt zugeben, zu selten daheim gewesen zu sein. Man wundert sich, dass in diesem Moment ihre Erkenntnis nicht dazu f\u00fchrt, sofort aufzustehen und nach Hause zu gehen. Wenn wer danach fragt, warum es so schwerf\u00e4llt, sich wie angek\u00fcndigt v\u00f6llig zur\u00fcckzuziehen, dann trauen sie sich nicht, die Wahrheit auszusprechen. Stattdessen antworten sie mit dem Verweis aufs Verantwortungsbewusstsein. Als Politiker definiert das Mandat die Pflicht.<\/p>\n<p>Wenn aber das Mandat nicht mehr vorhanden ist, woher r\u00fchrt dann das Pflichtgef\u00fchl? Die Antwort ist wohl eher, dass es sich weniger um Pflichtbewusstsein handelt als vielmehr um die Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust. Man war es so sehr gew\u00f6hnt, ein Jemand in der \u00d6ffentlichkeit gewesen zu sein, dass man im Privaten angekommen vor sich selbst erschrickt. Wer ist man denn dort? Ein St\u00f6renfried. Kaum in der Lage sich ins Familienleben ad\u00e4quat zu integrieren. Dann lieber wieder mitmischen. Dabei sein. Auffallen. Wahrgenommen werden. Anerkannt sein. Und da es so viele m\u00e4nnliche Politiker machen, ist gar nichts Peinliches dabei. So kommt es ihnen jedenfalls vor. Dabei ist es nat\u00fcrlich peinlich.<\/p>\n<p>Es ist auch den Zuschauern peinlich, dabei zuzusehen, wie sich die Moderatoren einschmeicheln und den Mandatslosen das warme Gef\u00fchl des Gebrauchtwerdens vort\u00e4uschen. Im Schnitt hat ein Talkgast maximal zehn Minuten Redezeit. Diese zehn Minuten sind es ihnen wert, anstrengende Wege in Kauf zu nehmen. Sich auf unbequeme St\u00fchle zu setzen und zum Thema Steuergerechtigkeit oder Au\u00dfenpolitik zu reden. Dabei schimpfen sie nicht selten \u00fcber die Abgehobenheit der amtierenden Politiker. Als w\u00e4ren sie nie Teil des politischen Establishments gewesen.<\/p>\n<p>Der leider verstorbene Reporter J\u00fcrgen Leinemann beschrieb dieses Ph\u00e4nomen in seinem Buch H\u00f6henrausch \u2013 Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker in zahlreichen Begegnungen mit Spitzenpolitikern. Er beschrieb ihre Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit als Sucht. Das Fernsehen diene dabei als Ersatzwirklichkeit mit der Gelegenheit, das eigene Ego aufzupumpen. In einer Begegnung mit Johannes Rau verr\u00e4t der Ex-Bundespr\u00e4sident, das Verh\u00e4ltnis des Machtmenschen zu sich und zur Wirklichkeit funktioniere wie eine Art &#8220;Sehst\u00f6rung&#8221;. J\u00fcrgen Leinemann erz\u00e4hlte in einem sp\u00e4teren Buch (Das Leben ist der Ernstfall), ausf\u00fchrlich seine Krebskrankheit und kam dabei zu dem Schluss, dass vieles von dem, was er im &#8220;H\u00f6henrausch&#8221; erkl\u00e4rte, auch f\u00fcr ihn, den Journalisten Leinemann, gelte. Also beschrieb der Publizist sein Leiden und fand dadurch weiter als Publizist statt.<\/p>\n<p>Man fragt sich, warum die paar Frauen, die es in die Politik schafften, auf diesem Gebiet unterrepr\u00e4sentiert sind? Man denkt eine ganze Weile nach, bis einem eine Politikerin einf\u00e4llt, die \u00fcber das Mandat in der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sent ist. Hildegard Hamm-Br\u00fccher und Renate Schmidt fallen einem ein. Heide Simonis. Obwohl: Man hat lange nichts von ihnen geh\u00f6rt. Wie verbringen eigentlich Rita S\u00fcssmuth, Andrea Fischer, Ulla Schmidt, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Madeleine Albright oder Condoleezza Rice ihre Freizeit? Haben sie nichts \u00fcber Gesundheitspolitik mitzuteilen, \u00fcber Krieg und Frieden, Kitastreik oder den G-7-Gipfel? Man wei\u00df es nicht. Sie sitzen jedenfalls nicht bei Plasbergillnermaischbergerjauch und sprechen \u00fcber die Maut.<\/p>\n<p>Dies alles vorausschickend erscheint es erstaunlich, dass Gregor Gysi auf dem Bundesparteitag in Bielefeld das Gef\u00fchl der eigenen Unersetzbarkeit kurz beschrieb. In einer Rede gab er bekannt, dass er den Fraktionsvorsitz in seiner Partei Die Linke im Herbst aufgeben werde. Sein Text war \u00fcbrigens sehr gut, analytisch und selbstkritisch, politisch und pers\u00f6nlich. Er bedankte sich bei seinen Kollegen und seiner Familie. Er h\u00e4tte an dieser Stelle einen Punkt machen k\u00f6nnen. Er ging aber einen Schritt weiter und das ist sehr ungew\u00f6hnlich, zumindest f\u00fcr deutsche Politikerreden. Fast weinte er, als er folgende Passage vorlas:<\/p>\n<p>Ich habe viel zu wenig Freundschaften gepflegt. Ich hatte viel zu wenig Zeit f\u00fcr meine Angeh\u00f6rigen. Es lag an mir, weil ich mich einfach zu wichtig nahm. Es ist eine gro\u00dfe Gefahr, wenn man in der ersten Reihe der \u00d6ffentlichkeit steht. Ich werde andere nicht davor bewahren k\u00f6nnen, aber bei meinen Angeh\u00f6rigen und Freunden m\u00f6chte ich mich heute aufrichtig entschuldigen. Es tut mir sehr sehr leid.<\/p>\n<p>Es ist das R\u00e9sum\u00e9 eines langen politischen Lebens. Eines, das ihn gesundheitlich ruinierte. Zwei Herzinfarkte, ein Aneurysma, in Folge der Operation der dritte Herzinfarkt. Er machte weiter. Vielleicht hatte Leinemann recht, vielleicht ist es ein H\u00f6henrausch, eine Sucht, etwas, dem mit normalem Menschenverstand und Familienleben nicht beizukommen ist. <\/p>\n<p>Gysis Worte klangen fast wie eine Abschiedsrede von der \u00d6ffentlichkeit. Hinter der Fassade des angriffslustigen Politikers schaute f\u00fcr einen Moment eine andere Person hervor:  Zwar immer noch links, aber sehr traurig. Obwohl Gysi nach dem Herbst sein Mandat behalten wird. Er k\u00fcndigte an, den Vorsitz in j\u00fcngere H\u00e4nde legen zu wollen und der Versuchung zu widerstehen, &#8220;heimlich&#8221; weiter zu f\u00fchren. <\/p>\n<p>Nach allem, was man wei\u00df \u00fcber m\u00e4nnliche Spitzenpolitiker oder, wie Gysi es nennt, das Personal der ersten Reihe, wissen alle Beteiligten, der Junkie kokst und kifft und spritzt, bis er nicht mehr kann. Das ist wirklich beunruhigend. Denn diese M\u00e4nner tragen Verantwortung f\u00fcr unser Land. Vielleicht sollte man ernsthaft dar\u00fcber nachdenken, Mandate f\u00fcr das Parlament zeitlich zu begrenzen. Und f\u00fcr die politischen Talkshows gleich mit.<\/i><\/p>\n<p>\u00a9 2015 ZEIT ONLINE GmbH<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<br \/>\n[*\/quote*]<br \/>\n.<br \/>\n.<\/p>\n<p>Ist das Mely Kiyak&#8217;s Abschiedsgru\u00df? Wird sie nicht mehr schreiben?<br \/>\n.<br \/>\n.<br \/>\n.<br \/>\n[1]<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2015-06\/gregor-gysi-linke-fraktionschef\">http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2015-06\/gregor-gysi-linke-fraktionschef<\/a><\/p>\n<p>[2]<br \/>\n&#8220;kostenlose Newsletter bei ZEIT ONLINE finden Sie hier:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/newsletter\">http:\/\/www.zeit.de\/newsletter<\/a><\/p>\n<p>[3] Auch Journalisten werden \u00e4lter. Und manche h\u00e4tte nie auch nur ein einziges Wort schreiben sollen bzw gedruckt werden d\u00fcrfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Normalerweise w\u00fcrde ich ein so gro\u00dfes Zitat einer von mir so gesch\u00e4tzten Journalistin nicht bringen. In diesem Fall jedoch MUSS ich es tun. . [*quote*] &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;- Kiyaks Deutschstunde 10.06.2015 Was meinen Politiker, wenn sie sagen, was sie sagen? Und: Was meinen sie wirklich? Mely Kiyak sagt\u2019s Ihnen! Ein trauriger Linker [1] Warum sitzen Politiker noch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-1118","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-dreinull"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1118","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1118"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1118\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1120,"href":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1118\/revisions\/1120"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1118"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1118"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1118"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}