{"id":478,"date":"2013-05-14T18:00:24","date_gmt":"2013-05-15T02:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/?p=478"},"modified":"2014-12-17T18:14:36","modified_gmt":"2014-12-18T02:14:36","slug":"artisten-in-der-zirkuskuppel-trostlos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ariplex.com\/folia\/archives\/478.htm","title":{"rendered":"Artisten in der Zirkuskuppel? Trostlos!"},"content":{"rendered":"<p>Die Medienlandschaft geht den Bach runter. Jeder greift nach einem Strohhalm. <\/p>\n<p>Die Einnahmen schwinden, die Leser\/Zuschauer ziehen weiter, zur\u00fcck bleibt ein leerer Platz. Der Zirkus ist leer und der Wind bl\u00e4st durch das Zelt. Einsame Szene im Wilden Westen. Das ist keine Analogie, sondern die Wahrheit. <\/p>\n<p>Die ersten, die von den neuen Medien ins Aus gedr\u00fcckt wurden, waren die Zirkusse. Was fr\u00fcher eine gro\u00dfe Attraktion war, zu der man kommen mu\u00dfte, um sie zu sehen, wurde durch das Fernsehen zur Allt\u00e4glichkeit. Wozu irgendwo f\u00fcr teures Geld unbequem in einem Zirkuszelt sitzen, wenn man auf der eigenen Couch mit Chips und Cola den L\u00f6wen und Tigern in Gro\u00dfaufnahme ins Gesicht sehen kann? Preiswerter (sic!) ist es auch. Und billig allemal. <\/p>\n<p>Das Fernsehen war ein neues Medium, und eine Branche hat es nahezu v\u00f6llig vernichtet. Nur noch vereinzelt gibt es so etwas wie einen Zirkus. Die letzten von ihnen werden von Tiersch\u00fctzern um ihre Attraktion &#8220;Tier&#8221; \u00e4rmer gemacht. Was bleibt, sind einige wenige Artisten, die in riesigen Firmen und Aufbauten einen extravagant teuren Hauch von Exotik bieten k\u00f6nnen, den das Fernsehen NICHT vermitteln kann. Der Rest &#8230; ist Vergangenheit. <\/p>\n<p>Die Zirkuslandschaft ist nahezu v\u00f6llig leer.<\/p>\n<p>Wer heute in Wiederholungen alter Filme Szenen mit Artisten sieht, wer war schon dabei, wer hat in seinem Leben EIN MAL in einem Zirkus gesessen? Ab einem Alter x sieht die Generation Netbook, schon gefolgt von Generation Tablet, Dinge aus einer Zeit vor ihr, Dinge die ebensogut im Mittelalter h\u00e4tten sein k\u00f6nnen, so gro\u00df ist die geistige Distanz. Weit, weit weg&#8230; <\/p>\n<p>Man sieht die alten Filme, h\u00f6rt das Wort Zirkus. Irgendwas seltsames mu\u00df das gewesen sein, der &#8220;Zirkus&#8221;. Die Leute damals fanden ihn &#8230; Wie? Spannend? Interessant? Selbst die Worte zur Beschreibung fehlen. Auch die Sprache hat sich ge\u00e4ndert. Gewaltig ge\u00e4ndert. Schrill ist sie geworden, und auch leer. <\/p>\n<p>Das bedruckte Papier stirbt. Nicht schnell, aber mit gro\u00dfen Spr\u00fcngen. Ein schwerer Schlag gegen die gedruckten Medien kam&#8230; durch das Fernsehen. Das Fernsehen war \u00fcberall, es kommt direkt ins Haus zu den Menschen. Es ist schnell und es kostet nahezu nichts. Bedrucktes Papier, das ist Druckerschw\u00e4rze, aber Fernsehen ist bewegte Bilder und ist Ton. Ja, bewegte Bilder, Ton,.. Dinge des Kinos. Auch das Kinosterben geht auf das Konto des Fernsehens. <\/p>\n<p>Kino wird nur von Wenigen gemacht: Filmstudios, irgendwo, und vor Ort in den St\u00e4dten Kinos. Sonst ist niemand beteiligt &#8211; au\u00dfer als Konsument. Aber eine Zeitung ist pers\u00f6nlicher. Im Ort gibt es mehr Menschen, die von und mit der Zeitung leben, die berichten, die Werbung machen, die \u00fcber ihre Vereine und \u00fcber das Leben in der Stadt berichten. Die Zeitung, das sind wir. Kino ist das nicht. Das Kinosterben ging an der Masse unpers\u00f6nlich vorbei. Der Journalist, den kannte man, gew\u00f6hnte sich an ihn, sah ihn vieleicht, sprach mit ihm. Zeitung, das war das Leben in der Stadt. <\/p>\n<p>&#8220;Zeitung, das sind wir.&#8221; Das ist vorbei.<\/p>\n<p>Die Zeitungen sterben. Immer weniger Geld durch direkten Verkauf und noch weniger Geld durch Werbeeinnahmen. Wovon die Leute bezahlen? &#8220;Kein Geld, keine Journalisten&#8221; &#8211; eine einfache Rechnung. <\/p>\n<p>Keine Journalisten, keine Inhalte. Womit dann die Zeitung f\u00fcllen? Womit die Leser anlocken? Nun, vieles in der Zeitung ist gar nicht von &#8220;der Zeitung&#8221;. Es stammt von Nachrichtenagenturen, die landesweit arbeiten, die Texte und Bilder liefern, die von den vielen Journalisten in den vielen Redaktionen gelesen und wiedergegeben werden, umgeschrieben werden, oder ganz einfach mit cut+paste kopiert werden. Die Ware Information, sie stammt nicht aus der Zeitung. An Tausenden von Orten wurde die gleiche Information anders und einzeln verkauft. Das geht aber nur solange gut wie die einzelnen Leser nur eine oder eine handvoll Zeitungen lesen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>In dem Moment, wo die Leser &#8211; inzwischen im Internet &#8211; alle diese Zeitungen parallel vor Augen haben, bricht das System Zeitung zusammen. Der L\u00f6wenanteil der Meldungen ist nicht vom Platz &#8220;vor Ort&#8221;, sondern national und international. Dieser gro\u00dfe Anteil des nicht den Ort betreffenden Inhalts ist f\u00fcr die meisten Zeitungen gleich. Lediglich ein paar eigene Artikel hier und dort, aber in der Mehrzahl Kommentare, und keine eigenen Berichte. <\/p>\n<p>&#8220;Zeitung, das sind wir.&#8221; Made in India.<\/p>\n<p>Von der wirklich den Ort betreffenden, das &#8220;Wir&#8221;-Gef\u00fchl erzeugenden Atmosph\u00e4re der Zeitung bleibt nicht viel. Zu wenig Inhalt, zu wenig Einnahmen. Oft auch zu wenig Stoff. Wo nichts passiert, gibt es nichts zu berichten. Wo nur Belangloses geschieht &#8211; wer will das schon lesen? Die \u00fcberregionalen Teile der Zeitung fangen diese Unzul\u00e4nglichkeit auf, aber nur solange es sie gibt! Und eine Zeitung nur aus Sonntagsbeilage, R\u00e4tsel und Sport? Kauft auch keiner. <\/p>\n<p>Sportmeldungen, die macht inzwischen der Computer. Lokale Meldungen werden in Indien getippt, zusammengeschustert aus im WWW zu findenden Puzzleteilen. Der Betrug an den Lesern ist aufgeflogen, aber aufgegeben wird er nicht. Solange es keinen Vermerk &#8220;hyperlokal = made in India&#8221; gibt, kann der Leser nichts davon erkennen. <\/p>\n<p>Alles kracht zusammen. Rette sich, wer kann. <\/p>\n<p>Weg vom langsamen und teuren bedruckten Papier &#8211; hin zur schnellen und billigen Internetversorgung. Die gedruckte Zeitung ist ein Komplettpaket, aus dem sich der Leser dieses oder jenes rauspickt. Wer liest schon eine ganze Zeitung, alle Meldungen von der ersten bis zur letzten Seite? Niemand. Aber bezahlen tut er sie. Im WWW aber nicht! Dort wird nur gelesen, was interessiert. Bezahlt wird (noch) nicht. Kostenlos mu\u00df es sein! <\/p>\n<p>Kostenlos? Wenn kein Geld durch den Verkauf von Einzelartikeln kommt oder durch Abonnements, gibt es nur 2 Geldquellen: Reklame und Spenden. Das mit der bezahlten Reklame ist alt. Und Spenden? Daran wird noch gearbeitet. Der neueste Schrei: das &#8220;Crowdfunding&#8221;. Aber das, was wirklich z\u00e4hlt, das gibt es noch nicht: da\u00df die Bewohner eines Ortes ihre eigene Zeitung freiwillig durch Spenden bezahlen. Bis so etwas geschieht, mu\u00df sich ein ausreichender Leidensdruck erst aufbauen. <\/p>\n<p>Wir, das ist Zeitung.<\/p>\n<p>Der Raubtierkapitalismus l\u00e4\u00dft sich Gelegenheiten zum Geldeinsacken nicht entgehen. Mit dem Wegziehen der B\u00fcrger aus dem realen Leben in virtuelle Internetwelten ergab sich eine neue Geldquelle: die B\u00fcrger schreiben lassen und deren Texte f\u00fcr Werbegeld vermarkten. Die Autoren kriegen nat\u00fcrlich nichts. Die schreiben von sich aus. Nat\u00fcrlich nicht jeder, aber wenn es ausreichend viele sind, kann man durch die Werbung Geld einfahren. Eine Maschine zum Gelddrucken. Soziale Netzwerke, das waren die Zielobjekte der Begierde. Sie wurden hochgefahren, sie wurden gekauft. Und sie implodieren. Aber noch floriert der Markt. Der Hang zum Ratschen und Tratschen, die Neugier, alles verlagert sich vom Gespr\u00e4ch auf die Stra\u00dfe, vom Treppenhaus &#8212; alles rein ins WWW. Niveau Null, aber in Milliardenzahl. Das bringt Geld. <\/p>\n<p>Facebook, Twitter,&#8230; Zeitvernichtung, Geldabsch\u00f6pfung, Ratlosigkeit. <\/p>\n<p>Die Frage ist: Wie k\u00f6nnen Zeitungen \u00fcberleben? Wie k\u00f6nnen Journalisten mit ihrer Arbeit Geld verdienen?<\/p>\n<p>Fragen wir lieber: Was ist \u00fcberhaupt noch Journalismus?<\/p>\n<p>Wenn alle Menschen ins WWW ziehen, wenn sie kein Geld zahlen wollen, wie kann ein Journalist dann noch bezahlt werden? Wer \u00fcberhaupt ist ein Journalist? Was mu\u00df er tun, damit er gelesen wird?<\/p>\n<p>Fr\u00fcher mu\u00dfte er seinen Chefs gefallen. Er wurde gedruckt und seine Artikel als Teile von Paketen verkauft. Heute z\u00e4hlt jeder einzelne Artikel. Geld kommt nur, wenn genug Surfer sie lesen und daf\u00fcr von den Werbenden genug bezahlt wird. <\/p>\n<p>Wer wird heute noch gelesen? Was wird gelesen? Wieviel wird gelesen? <\/p>\n<p>Damit sind wir wieder beim Zirkus. Wer kommt in den Zirkus und sieht den Artisten zu? Wie aufreizend mu\u00df seine Darbietung sein? Was mu\u00df der Dompteur tun f\u00fcr den Nervenkitzel? Und wie dompteuriert der Journalist seine Leser, damit sie ihm folgen? <\/p>\n<p>Einige wenige Journalisten sind sehr bekannt, haben viele &#8220;Follower&#8221; und Leser &#8211; und vielleicht auch bringen sie genug Anreiz f\u00fcr Werbung &#8211; und vielleicht auch bekommen sie sogar genug Geld zum Leben. Aber der Rest?<\/p>\n<p>Der Zirkus ist leer und der Wind bl\u00e4st durch das Zelt. Einsam schreibt ein Journalist seine Artikel. Doch keiner liest sie. Das WWW ist &#8211; genau besehen &#8211; eine riesige Geisterstadt. Hin und wieder zieht ein Touristenbus durch eine Stra\u00dfe vorbei &#8211; mit einer Horde johlenden Publikums und vornedrin die Animateure, sich gegenseitig \u00fcberbietend, eine Mischung aus Guru und Feuerschlucker &#8211; Gaukler, Schwindler, Magier, Losverk\u00e4ufer und Hellseher.<\/p>\n<p>Panem et circensis. <\/p>\n<p>Und die L\u00f6wen werden Euch fressen. Die sind echt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Medienlandschaft geht den Bach runter. Jeder greift nach einem Strohhalm. Die Einnahmen schwinden, die Leser\/Zuschauer ziehen weiter, zur\u00fcck bleibt ein leerer Platz. Der Zirkus ist leer und der Wind bl\u00e4st durch das Zelt. Einsame Szene im Wilden Westen. Das ist keine Analogie, sondern die Wahrheit. 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