George Bernard Blouwe







Die Alte

"Die Alte kann mich 'mal!" sagt er, mit Lächeln im Gesicht. Jetzt, wo er in Rente ist, da geht es ihm viel besser. Nicht mehr der ganze Streß auf der Arbeit oder im Verkehr. Aufstehen, wann er will, zu Bett gehen, wann er will, machen, was er will und wann er es will: all das hat ihm gut getan. Er ist in Rente gegangen zum ersten möglichen Termin, so früh wie nur möglich. "Ich bin doch nicht bekloppt und schaff' mich zu Tode!" Natürlich bekommt er deswegen weniger Rente als wenn länger gearbeitet hätte. Aber erstens will er ja noch was vom Leben haben und zweitens ist er ein genügsamer Mensch, hatte nie große Ansprüche. Das war schon immer so, so hat er sich auch die Frau ausgesucht. "Kochen muß sie können!", hat er sich gesagt. "Beim Rest funktionieren die Frauen sowieso alle gleich." Aber wenn er von der Arbeit heimkommt, dann will er wenigstens etwas, das gut ist: "Das Essen muß schmecken! Alt werden die Frauen von selber, aber das Essen muß immer gut sein." Hat er sich gesagt. Gut sieht er aus. Das Essen hat ihm sichtlich immer geschmeckt. Zufrieden ist er gewesen, hat nie übertrieben, war immer maßvoll, Firlefanz hat's nie gegeben. Das konnte er nicht leiden. Seine Alte, die hat sich daran gewöhnt. "Neumodische Ideen, Frauenpower - pah!" Einmal hat sie es mit der typisch weiblichen Masche versucht, Liebesentzug. Hat nicht lange gehalten. "Nach 2 Wochen war das Haushaltsgeld alle und die Sache war erledigt!" Er weiß aber, daß das nicht allen so geht und heute, bei den Jungen, schon gar nicht mehr. Seine Alte, die ist von ihm abhängig, von seinem Geld, von seiner Rente. Das weiß sie. Das weiß sie ganz genau. Also wozu darüber reden? Jeder muß seine Sache tun, er auf der Arbeit, sie daheim. Die Ehe ist Prostitution zu ermäßigtem Tarif. So ist die Welt nun mal. Dafür hat er früher den Lohn heimgebracht, heute gibt's die Rente. Bei seinen Kindern sieht das schon ganz anders aus : Die Frauen sind im Beruf, haben selbst Geld. Rente werden die Kinder auch nicht bekommen - der Staat ist pleite. Das ändert die Verhältnisse. Die Frauen machen, was sie wollen. Das mit dem Kochen ist auch nicht mehr. Sein Sohn hat die Frau aus der Küche geschmissen, die darf da nicht mehr rein. "Wenn es Essen aus der Dose gibt, dann will ich wenigstens, daß die Pampe nicht auch noch angebrannt ist. Also koche ich!" Ja, das sind Zeiten heute. Gut, daß das nicht für ihn gilt. Das Wirtschaftswunder ist 'was Feines, auch wenn es leider nur für eine Generation gilt.


George Bernard Blouwe
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