INS

Initiative neue Schulpolitik

Programmatische Erklärung

September 1995


Die Schulen im Lande Bremen sind seit mehr als 20 Jahren unentwegter Reform immer besser geworden - glaubt man den Hochglanzbroschüren des Senators für Bildung.

Tatsächlich sind nicht nur die Schulgebäude oft in beklagenswertem Zustand. Auch die Gesundheit der Lehrer ist unübersehbar angegriffen; ihr Durchschnittsalter von 50 Jahren läßt in dieser Hinsicht auch keine gute Prognose zu.

Die Schüler sind immer schwieriger geworden. Disziplin- und Gewaltprobleme belasten den Schulalltag. Das allgemeine Leistungsniveau ist bedenklich gesunken.

In dieser Situation trifft die Entscheidung, das Finanzwesen des Staates auch durch Einsparungen im Schulwesen zu sanieren, die Schulen hart. Die weitere Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für Lehrer als auch der Bildungschancen für Schüler ist unausweichlich.

Anstatt in dieser krisenhaften Lage Maßnahmen zur Sanierung des Schulbetriebs zu beschließen, hat das Bremer Parlament ein neues Schulgesetz und Schulverwaltungsgesetz beschlossen, welche den Weg freimachen für die Zerrüttung der inneren Schulstruktur, weiteren Bildungsabbau und die Auflösung des einheitlichen Bildungssystems.

In dieser Situation, in der sich offenbar keine gesellschaftliche Kraft von Gewicht zum Anwalt des Schulwesens macht, hat sich die Initiative Neue Schulpolitik (INS) gegründet, um die Interessen einer guten, d. h. arbeits- und leistungsfähigen Schule, und die Interessen der Schüler an einer qualifizierten Schulbildung zu verteidigen.

Die INS tritt ein für ein leistungsbezogenes, gegliedertes Schulwesen.

Lernbereitschaft und Lernerfolg können sich nur dann einstellen, wenn der Schwierigkeitsgrad des Unterrichts die Schüler weder über - noch unterfordert, sondern sie niveaugerecht zum Krafteinsatz herausfordert. Diese Grundtatsache der Pädagogik kann weder außer Kraft gesetzt, noch darf sie ignoriert werden, wenn Schule nicht nachhaltig Schaden nehmen soll.

Langjährige Erfahrungen in der Orientierungsstufe und in den Gesamtschulen haben bewiesen, daß leistungsstarke und lernschwache Schüler nicht erfolgreich gemeinsam unterrichtet werden können. Die Kompensation mangelnder Lernvoraussetzungen bei den Schwächeren geht zu Lasten der Leistungsstärkeren, deren Lernbereitschaft nachhaltig frustriert wird.

Da aber weder alle Defizite in den Leistungsvoraussetzungen kompensierbar sind, noch alle Begabungsprofile eingeebnet werden können und dürfen, bleiben in den Einheitsklassen die schwächeren Schüler erst recht auf den unteren Rängen, ohne Chance, sich einmal erfolgreich zu erleben.

Anspruch auf eine bestmögliche Schulbildung haben außerdem nicht nur diejenigen Schüler, die durch Minderleistungen auffallen. Deren Niveau kann nicht dadurch gehoben werden, daß man die Lernstärkeren und Begabteren an der Hebung ihres Leistungsniveaus hindert, was einer Bestrafung von Begabung und Leistungswillen und einer Diskriminierung von Elternhäusern gleichkommt, die ihre Kinder gut auf die Schule vorbereiten.

Das Integrationsziel ist durch die Einheitsschule (Gesamtschule) nicht erreicht worden. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Eine integrationsbetonte Führung einer Klasse sowie sozialintegratives Verhalten des Lehrers sind nur insofern schulartenabhängig, als sie das Vorhandensein eines stabilen Klassenverbandes und darin das Dominieren einer integrationsbereiten Gruppe voraussetzen.

Die gegenwärtig betriebene Umwandlung der Schulen vom Selbstverständnis einer überparteilich - staatlichen Institution mit klarem Lehr -und Erziehungsauftrag zu einer öffentlichen Dienstleistungseinrichtung mit Angebotscharakter wird es künftig jeder Schulart schwer machen, integrativ zu wirken.

Sogenannte selbstbestimmte Lernprozesse für angeblich autonome Schüler, bildungspolitisch erzwungene Permissivität der Schule in Erziehungssituationen und liberalistische Werte-Gleichgültigkeit der Gesellschaft haben schon längst dafür gesorgt, daß Gemeinschafts- und Solidaritätsvorstellungen zum Witz erniedrigt, Egozentrik und Vermassung zum konkreten Verhalten erhoben worden ist.

Binnendifferenzierung und Abschaffung der Notengebung stellen letzte, hilflose Mittel dar, das Scheitern des Gesamtschulkonzepts zu verschleiern, welche glaubte, Integration durch äußere Organisation erreichen zu können.

Binnendifferenzierung bedeutet immer die mehrfache Unterrichtsvorbereitung für eine einzige Klasse. Als Dauereinrichtung ist sie eine Form der Ausbeutung und Vergeudung von Lehrerarbeitskraft. Lernorganisatorisch ist sie ein Rückfall auf den Stand der Zwergschule.

In einer durch Einsparungen und Mehrarbeit, steigende Schülerzahlen und Überbelastung der Lehrer gekennzeichneten Situation der Schulen ist ein nach Leistung gegliedertes Schulwesen sowohl für Bildungs- als auch für Erziehungsziele das effektivste.

Nur die Organisation von Klassen mit annähernd gleichem

Leistungsniveau garantiert den Schülern Chancengleichheit und die Möglichkeit, sich in einem Schulsystem mit vielfältigen Übergangsgelegenheiten emporzuarbeiten. Nur sie wird der unterschiedlichen Begabung der Schüler und der Belastbarkeit des einzelnen Lehrers gerecht.

Die INS tritt deshalb ein für eine Abschaffung der Orientierungsstufe und die Wiedereinrichtung der 6-jährigen Grundschule mit einer vorgezogenen Übergangsmöglichkeit auf den gymnasialen Zweig nach dem 4. Schuljahr.

Als Modell für die Regelschule hat die integrative Gesamtschule ihre Untauglichkeit bewiesen. Die INS tritt deshalb ein für eine Beendigung dieses bildungspolitischen Weges.

Mit dem Konzept der autonomen Schule, das bemerkenwerterweise von denselben politischen Kräften propagiert wird wie die Gesamtschule, sind diese offen zur Desintegration des Schulwesens angetreten, welches bisher per Gesetz auf Gleichwertigkeit und Chancengleichheit ausgerichtet war. Die Schullandschaft wird zersplittert in einen undurchschaubaren Partikularismus, in welchem jede einzelne Schule konkret darüber entscheidet, was in ihr an Bildungs -und Erziehungsarbeit geschieht, so daß lauter Einzelwege beschritten werden.

Dieser Absicht stellt sich die INS entgegen und fordert den Erhalt des in Artikel 7 GG intendierten einheitlichen staatlichen Schulwesens.
Eine Schule, die die Schüler in möglichst homogenen Klassen fördern will, kann nicht auf den Bestand der Sonderschulen bzw. auf Sonderklassen verzichten.

Die Arten von Behinderungen und Verhaltensstörungen, die sich als Lernbehinderung oder -störung auswirken, sind außerordentlich zahlreich und komplex, z. B. geistige Behinderung, verminderte Intelligenz, Zerebralschädigung, Legasthenie, Sprachbehinderung, Körperbehinderung, chronische Krankheiten, Neurose, Psychose, Milieuschädigung, Persönlichkeitsstörung.

Dieser Umstand verbietet ebenso eine einheitliche Therapie wie eine einheitliche pädagogische Betreuung.

Die Regelklasse ist mit behinderten oder gestörten Schülern nur dann nicht überfordert, wenn es sich um minderschwere und integrationsfähige Fälle handelt. Das Kriterium für ihre Aufnahmefähigkeit in eine Regelklasse besteht darin, ob ein behinderter oder gestörter Schüler im Hinblick auf die Lernprozesse der Klasse innerhalb einer überschaubaren Zeitspanne seinen Sonderstatus ablege, auf eine regelmäßige Bevorzugung verzichten und damit eine Dauerbelastung der Klasse vermeiden kann, deren Recht auf eine bestmögliche Schulbildung dem Anspruch der Lerngestörten oder Behinderten nicht nachgeordnet ist.

Die Sonderbeschulung in eigenen Klassen soll möglichst in wohnortnahen Schulen erfolgen. Formen der Kooperation mit Regelklassen sind dann nicht ausgeschlossen.

Für die besonders von der 5. bis zur 10. Jahrgangsstufe gehäuft auftretenden Fälle von Verhaltensgestörten, welche den Unterricht schwer belasten oder sogar unmöglich machen, fordert die INS: Zum Training für die Eingliederung oder Wiedereingliederung in adäquaten Lerngruppen muß Fachpersonal vorgehalten werden, um Sonderklassen zu vermeiden, in denen sich die Ballung von Problemfällen leicht negativ verstärkend auswirken kann.

Zur Vermeidung von Verhaltensstörungen, welche durch längere Überforderungszeiten mit immer stärkeren Versagenserlebnissen dann entstehen ,wenn die Leistungsfähigkeit eines Schülers nicht für die gewählte Schulart ausreicht, fordert die INS

Für Schüler, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, muß vom Notendurchschnitt abgesehen und die Leistungsfähigkeit am vorgezeigten Lernfortschritt gemessen werden.

Ein leistungsbezogenes, gegliedertes Schulwesen erfordert Lehrpläne, welche schulformbezogene Lerninhalte und jahrgangsspezifische Standards ausweisen.

Das neue Bremische Schulverwaltungsgesetz betont zwar in Paragraph 39 (Grenzen der Mitwirkung), daß die Lehrpläne als Verwaltungsvorschrift zu beachten seien. Mit Rundverfügung Nr. 51/95 vom 19.Mai 1995 hat der Senator für Bildung aber die Richtlinien zur Verbindlichkeit und Handhabung von Lehrplänen (C2/1 vom 1.8.1985) aufgehoben.

Die bisher gültigen Lehrpläne sind in vielen Bereichen für Haupt -, Realschule und Gymnasium weitgehend identisch, also auf keine Schulgruppe und ihr Leistungsvermögen wirklich zugeschnitten. Paragraph 9 (2 u. 3) des Bremischen Schulgesetzes dokumentieren, daß weiterhin die Abschaffung der leistungsbezogenen Gliederung in Schulzweigen zugunsten von Einheitsklassen betrieben wird. Bei dieser Zielsetzung kann verständlicherweise kein behördliches Interesse an einer differenzierten Sicht kindlicher und jugendlicher Lernentwicklung und entsprechend angepaßten Lehrplänen erwartet werden.

Durch die Verpflichtung der Schulen ( Paragraph 9 BrSchG ), ein eigenes Schulprogramm unter weitestgehender Beteiligung von Schülern und Eltern zu entwickeln und schuleigene Standards verbindlich zu beschließen, wird Schule von einheitlichen Lehrplänen und dem durch sie vermittelten Stand der Fachdidaktik abgeschnitten.

Sowohl eine Chancengleichheit innerhalb der Bildungsgänge als auch eine Vergleichbarkeit der Schulabschlüsse ist unter diesen Umständen nicht mehr gewährleistet.

Wer für seine Kinder die bestmögliche Schulbildung wünscht, wird jetzt darauf angewiesen sein, sich nach geeigneten Privatschulen umzusehen. Bildung wird damit wieder vom Einkommen der Eltern abhängig, was einen Rückfall in gesellschaftliche Verhältnisse darstellt, deren Ungerechtigkeit wir überwunden glaubten.

Die INS tritt dafür ein, daß das Land Bremen durch verbindliche Lehrpläne und abschlußspezifische Standards das Bildungsniveau und damit die Vergleichbarkeit bremischer Schulabschlüsse mit denen aller anderen Bundesländer sichert.

Schulformbezogene Lehrpläne mit jahrgangsspezifischen Lerninhalten dürfen sich rationaler Überprüfbarkeit und demokratischer Kontrolle nicht entziehen, um als Vorschrift für ein rechtlich einheitlicheres Schulwesen gelten zu können. Sie sollen handhabbar sein und den Lehrern Handlungsräume eröffnen, welche von ihnen in Wahrnehmung der Methodenfreiheit ausgeschöpft werden können.

Die Wahl der Arbeitsformen und Unterrichtsmethoden hängt ab vom Unterrichtsstoff, von der Lerngruppe, von der professionellen Bewertung des Unterrichtenden. Arbeitsmethoden und Unterrichtsformen sind kein Gegenstand von Abstimmungen. Weder die Gesamtkonferenz noch die Fachberatung oder ein mit Eltern und Schülern besetztes Gremium dürfen die Berechtigung haben, dem einzelnen Lehrer vorzuschreiben, wie der Stoff vermittelt werden soll.

Der Beruf des Lehrers mit seiner umfangreichen fachdidaktischen, methodischen und pädagogischen Ausbildung sowie seiner gewachsenen und wachsenden Erfahrung verbietet es, ihn zum Ausführungsgehilfen von Gremien zu machen, die von Laien dominiert werden, welche zudem nicht auf parteipolitische Zurückhaltung verpflichtet sind.

Die INS fordert, die Methodenfreiheit der Lehrer unangetastet zu lassen. Die INS wird sich Bestrebungen widersetzen, die darauf abzielen, die Lehrer noch stärker parteipolitischen Einflüssen zu unterwerfen.

Die paritätische Besetzung der Schulkonferenz ( Paragraph 34 BrSchVG ) und die Erhebung zum obersten Beschlussorgan jeder Schule (Paragraph 33) unterminieren den Grundsatz, daß Schule als eine von Beamten geführte staatliche Einrichtung allein der Gesamtheit ( Paragraph 33 Bremisches Beamtengesetz: " ...dem ganzen Volke ... ") dient.

Die INS befürwortet den Beamtenstatus für Lehrer und setzt sich für seinen Erhalt ein.

Die INS tritt ein für die Beibehaltung der Fächer und des Fachlehrerprinzips.

Die Einteilung in Fächer ist nicht willkürlich und kein alter Zopf. Die Schulfächer haben nicht die Aufgabe, kurzfristige Zeitgeistbedürfnisse zu befriedigen, wie sie auch nicht unmittelbar auf Berufsbilder vorzubereiten haben.

Sie stehen als beispielhafte Bereiche für unterschiedliche Zugangsweisen zur Wirklichkeit, die sich aus der Erkenntnisgeschichte der Menschheit und unseres Kulturkreises entwickelt haben und gleichzeitig unser Weltbild ordnen helfen.

Die Forderung nach Erhalt der Fächer richtet sich

Dies alles halten wir für eine Verschlechterung der Schule zu Lasten der Schüler und ihres Rechts auf Bildung.

Der Zusammenhang zwischen dem Propagieren sog. integrierter Unterrichtsbereiche und dem wachsenden Mangel an Fachlehrern, die den in der Stundentafel festgeschriebenen Rechtsanspruch der Schüler auf Fachunterricht abdecken könnten, ist offensichtlich. Was Eltern und Schülern als Fortschritt angedient wird, ist aus unserer Sicht Mangelverwaltung und Qualitätsabbau.

Trotzdem bedarf unsere Forderung einiger Einschränkungen:

Die INS hält Schule vorrangig für einen Ort des Lernens und der Erziehung.

Schule soll die Heranwachsenden auf das Leben vorbereiten. Dazu gehört, daß in der Schule eine möglichst solide Grundbildung gelegt wird und daß Einstellungen, Haltungen und Sozialverhalten entwickelt und gefestigt werden.

Lernen ist nicht in erster Linie eine Angelegenheit des vergnüglichen Zusammenseins, und es gibt für Lernen nicht einen permanent leichten Weg, Schule kann aber trotzdem Spaß machen. Sie soll die Schüler zu Erfolgserlebnissen führen, zur Gewinnung von Einsichten und Fähigkeiten und dadurch zur Erweiterung der Persönlichkeit und zu Wachstum von Selbstvertrauen, ohne welches sich auch Verantwortungsbewussstsein nicht ausbilden kann. Hierin liegt die eigentliche Freude am Lernen!

Auch für ein Lernen, das in Selbstbestimmung mündet, sind Aufgabenstellungen und Leistungsanforderungen durch die Lehrkräfte notwendig. Über Wissen und Einsichten, welche die Schüler erst erwerben sollen, kann bei ihnen nicht vorab Entscheidungskompetenz und Primärmotivation vorausgesetzt werden. Aus diesem Grund bleiben alle kontinuierlichen Lernprozesse in einem hohen Maß von Fleiß, Ausdauer, Selbstüberwindung und Disziplin abhängig.

Erziehung bedeutet zuerst, Vorbild zu sein, dann aufzuzeigen, was sein soll und was nicht sein darf; sie bedeutet Sanktionen von Verhalten durch Lob und Ablehnung, im Extremfall auch Zwang und Strafe.

Die zwingenden Erziehungsmaßnahmen der Schule sind seit Jahren jedoch immer weiter eingeschränkt worden. Dadurch sind die Lehrer und die leidtragenden Schüler unter dem Zwang geraten, sich immer mehr Störungen und unsoziales Verhalten gefallen lassen zu müssen.

Die INS fordert, diesen erziehungsfeindlichen Prozess rückgängig zu machen.

Es liegt in der Natur des Heranwachsendendaseins, die Grenzen des eigenen Handlungsspielraums auszuprobieren und dabei auch zu übertreten. Schule hat die Aufgabe, diese Grenzen zu verteidigen und sie plausibel zu machen.

Wer als Lehrer und Erzieher den Streit mit seinen Schülern hierüber vermeiden will und bei Übertretungen daher unterlässt, provoziert die Schüler dazu, noch weiter zu gehen. Dies enthält das Risiko, daß sie sich in Fehlverhalten verstricken oder sogar mit dem Strafgesetz in Konflikt geraten.

Für die Beschulbarkeit ihrer Kinder sind in erster Linie die Eltern verantwortlich, nicht die Lehrer.

Wo Elternhäuser bei Lern -und Verhaltensstörungen ihrer Kinder Hilfe brauchen, können Lehrer die Aufgaben der sozialen und therapeutischen Dienste zwar unterstützen, sie aber nicht ersetzen.

Betreuung der Schüler, die es ihnen gestattet, sich über den Unterricht hinaus in der Schule aufzuhalten und hier sinnvoll zu beschäftigen, wird von der INS als vernünftige Antwort auf die offensichtlich schwindende Verfügbarkeit der Eltern für ihre Kinder angesehen.

Diese sozialpädagogische Betreuung darf aber nicht aus der immer knapper werdenden Lehrerstundenzuweisung bestritten werden, wodurch sie zwangsläufig zu Lasten der Unterrrichtsversorgung ginge, sondern sie erfordert die zusätzliche Einstellung von Fachkräften, die nicht unbedingt Lehrer sein müssen.

Mehr denn je benötigen heutige Schüler die längerfristig stabilen Beziehungsmöglichkeiten des Klassenverbandes, um Vertrauen zu sich selbst und anderen gewinnen und konstruktives Sozialverhalten entwickeln zu können.

Die INS fordert deshalb, dem Klassenverband Vorrang vor klassenübergreifenden Kursen und Gelegenheitsgruppen einzuräumen.

Schule ist Teil der staatlichen Daseinsfürsorge, die dem Grundsatz der Gleichbehandlung vor dem Gesetz und dem Grundsatz der Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse gerecht zu werden hat. Nur ein klares, allgemeing|ltiges Rechts- und Verwaltungssystem, worin Schule eingebunden ist, gewährleistet die Wirksamkeit dieser Grundsätze.

Daher darf der Staat sich nicht aus seiner politischen und rechtlichen Verantwortung für die Schule zurückziehen.
Die Gesetzesnovelle des Bremischen Schulgesetze und des Bremischen Schulverwaltungsgesetzes dokumentieren nach Einschätzung der INS den Rückzug des Staates aus dieser Verantwortung.

Die Novelle stellt ein juristisches Paradox dar, insofern sie den Schulen vom Senator für Bildung als sog. E n t w i c k l u n g s - Gesetz übergeben wurde.

Jeder einzelnen Schule ist die Aufgabe übertragen worden, eine vollständige Planung und Rechtfertigung des Schulbetriebes zu entwerfen, welche die Unterrichtsinhalte, die Stundentafel, schulinterne Standards und pädagogische Schwerpunktsetzungen mit Auswirkungen auf die Unterrichtsformen festlegt. Ihr durch alle Gremien diskutiertes "Schulprogramm" sollen die Schulen in einem Prozess der Selbstkontrolle mit allen Schulen der Region "koordinieren".

Nachdem sich die Bildungsbehörde aus ihrer Verpflichtung zurückgezogen hat, selbst handhabbare konzeptionelle Vorgaben zu machen, will sie im Nachhinein für Qualitätssicherung sorgen.

Die INS lehnt dieses Vorhaben der Behörde nicht nur im Hinblick auf die o. g. Rechtsgrundsätze, sondern auch wegen der Überforderung der schulischen Gremien ab.

Aus dem Personal der Schule und der Elternschaft ist kaum jemand auf eine derartig umfassende und weitreichende bildungspolitische Aufgabe vorbereitet. Sie den Schulen zuzuschieben, bedeutet auch, Kompetenzanmaßung, Borniertheit und pädagogische Kirchturmpolitik geradezu herauszufordern.

Überdies wäre die geforderte planerische Arbeit nicht ohne Freistellungen vom Unterricht zu leisten, was ebenso zu Lasten der Unterrichtsqualität ginge wie die Mehrbelastung der Kollegen durch ein erhebliches Anwachsen der Gremienarbeit.

Den Schulen zusätzlich zu ihrer ohnehin nicht leichten Unterrichts- und Erziehungsaufgabe eine fachwissenschaftlich wie juristisch komplexe und politisch brisante konzeptionelle Arbeit aufzunötigen, welche die personell gutbesetzte senatorische Behörde mit ihren hochdotierten Fachleuten nicht zu leisten bereit ist, ist nach Überzeugung der INS nicht zu verantworten.

Die INS wird sich dafür einsetzen, gemeinsam mit geeigneten Bündnispartnern die durch das neue Bremer Schulgesetz verstärkten Fehlentwicklungen politisch und juristisch zu begrenzen.

Unterricht und Erziehung sind in den vergangenen Jahren für die Lehrer immer schwieriger und belastender geworden. Hierin sind sich Lehrer, Eltern und Schulpolitiker über die Parteigrenzen hinweg einig.

Wissenschaftliche Gutachten haben in der Vergangenheit wiederholt belegt, daß die Lehrerarbeitszeit erheblich über der im öffentlichen Dienst üblichen liegt.

Der Lehrerberuf vereint ein riesiges Spektrum von völlig heterogenen, in kurzer Folge wechselnden Belastungsfaktoren. Wie kaum in einem anderen Beruf bringt das für den Lehrer erhebliche psychomentale Beanspruchungen mit sich. Die in einer Untersuchung des Münchener Arbeitsphysiologen Müller-Limroth festgestellten 205 verschiedenen und notwendigen Lehreraktivitäten kosten nicht nur enorm viel Zeit, sondern sie geschehen zumeist auch unter Zeitdruck und erfordern vom Lehrer höchstes Reaktionsvermögen.

Wenn gerade noch 5 Prozent der bremischen Lehrer die reguläre Pensionsgrenze erreichen, belegt das ein Überschreiten der Belastungsgrenze als Normalfall für unsere Berufsgruppe.

Die INS sieht ihre schulpolitischen Forderungen als Schritte zu einer Schule, in der Lehrer gesund bleiben können, ohne daß von den Qualitätsansprüchen an eine leistungsfähige Schule Abstriche gemacht werden müssen.

Die INS fordert, daß den Erkenntnissen über die Belastung der Lehrer endlich Rechnung getragen und vom Dienstherrn Entlastungen gewährt werden.

Die INS warnt davor, den Druck auf die Lehrerschaft durch Heraufsetzen der Unterrichtsverpflichtung weiter zu erhöhen, um sie zu gehaltsschädlichen Stundenreduzierungen zu drängen. Sie kritisiert die Praxis der Schulbehörde, Lehrer nur noch mit Angestelltenverträgen einzustellen, um sie im Falle gesundheitlicher Schädigungen, die sie im Dienst erlitten haben und welche sie zur vorzeitigen Berufsaufgabe zwingen, in die Rentenversicherung abschieben zu können.

Die INS beruft sich auf Paragraph 16 des Arbeitsschutzgesetzes, nach welchem " ... in Verwaltungen und Betrieben des Bundes, der Länder, der Gemeinden und sonstigen Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts ... ein den Grundsätzen dieses Gesetzes gleichwertiger arbeitsmedizinischer und sicherheitstechnischer Arbeitsschutz zu gewährleisten ... ist. Dieses Gesetz muß endlich auch auf den Arbeitsplatz der Lehrer Anwendung finden.


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