Betroffene berichten..., 3
20.4.2001
Ein Beitrag aus einem Forum, den ich hier mit Genehmigung des Betroffenen veröffentliche.
Ich habe ebenfalls seit Jahre eine Mischung von Taubheit und Kribbeln beidseits im vorderen Teil der Füße, dazu ungewöhnlich trockene Haut von den Unterschenkeln abwärts. Durchblutung ok, eine Untersuchung der Nervenleitgeschwindigkeit war wegen technischer Probleme nicht sicher zu beurteilen. Diagnose: keine. Glücklicherweise ist der Zustand seit Jahren stabil, irgendwie merkt man es mit der Zeit kaum noch - nur wenn man daran denkt.
Ich hatte seit der Kindheit viele Dutzend Zeckenstiche, so daß schon von daher eine (chronische) Borreliose sehr wahrscheinlich war (in manchen Gegenden Deutschlands sehr häufig: z.B. ein Viertel der Menschen im mittleren Erwachsenenalter, vgl. D. Hassler und Kollegen in der DMW 1992). Da zudem während einer Streßphase vor ca. 10 Jahren eine Reihe typischer Borreliose-Symptome auftraten (Kopfschmerzen, wechselnde Mißempfindungen/sensorische Neuropathie, u.a. an den Unterschenkeln/Füßen, Neigung zu Wadenkrämpfen und unwillkürlichen feinen Muskelzuckungen/Faszikulationen an vielen Stellen einschl. Gesicht, Gelenkbeschwerden, Herzrhythmusstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Reizbarkeit, leichte Ataxie...), hielt ich einen antibiotischen Behandlungsversuch für angebracht, obwohl mehrfache (nachweislich unzuverlässige) serologische Test "negativ" waren. Auf Kassenkosten war das nicht zu haben (trotz Höchstbeitrag seit vielen Jahren): Als schon während der ersten Tage! der selbstbezahlten Behandlung Kopf- und Muskelschmerzen sowie Mißempfindungen verschwanden, wurde das als "Placeboeffekt" gedeutet. Es gab nach wenigen Monaten ein Rezidiv, was aber bei chronischer Borreliose und dem gewählten Behandlungsschema nicht ungewöhnlich ist. Die weitere Geschichte ist zu kompliziert, um sie hier zu erzählen, deshalb nur der "Schluß":
Weil Borrelien sich im Inneren von Zellen vor der Wirkung gängiger Antibiotika "verstecken" können, etwa in Herzmuskelzellen (und dort elektrische Instabilität und Rhythmusstörungen verursachen), nahm ich schließlich über Wochen eine relativ hohe Dosis des auch im Zellinneren wirksamen Antibiotikums Doxycyclin ein, nämlich 300mg/Tag (das Zeug ist spottbillig und zudem sehr gut verträglich, allerdings nicht für Kinder und Schwangere geeignet). Einige Wochen danach verschwanden sogar die Arrhythmien, die volle fünf Jahre bestanden hatten, und zwar endgültig. Ich habe seither keine Wadenkrämpfe und keine Muskelzuckungen mehr, Reizbarkeit, kognitive Störungen und nahezu alle weiteren Beschwerden sind verschwunden, insbesondere auch äußerst störende Mißempfindungen im Mundbereich, an die ich mich über mehr als ein Jahr überhaupt nicht gewöhnen konnte, und die Anlaß für fortgesetzte diagnostische und therapeutische Bemühungen waren. Zwischenzeitlich hatte immerhin eine gründliche stationäre neurolog. Untersuchung mit Lumbalpunktion "Verdacht auf chronische Neuroborreliose" ergeben.
Was zurückgeblieben ist, sind die eingangs geschilderten geringfügigen Dauerbeschwerden an den Füßen/Unterschenkeln. Irgendeinen erklärenden Kommentar dazu habe ich von keinem Neurologen erhalten. Man muß sich einfach klar machen, daß die Neurologie hinsichtlich der Erklärung neurologischer Störungen/Krankheiten noch nicht sehr weit gekommen ist - und auch die Therapieerfolge in sehr vielen Fällen dürftig bis äußerst dürftig sind (irgendwie logisch, wenn die Ursachen nicht verstanden werden...). Deshalb ist mir unverständlich, daß viele, möglicherweise die meisten Neurologen wenig oder Nichts von der möglichen Ursache "chronische (Neuro-)Borreliose" wissen wollen, obwohl zumindest in Einzelfällen nahezu jedes neurologische Krankheitsbild (auch) als Folge einer Borreliose beschrieben worden ist - oft mit guten bis sehr guten Behandlungserfolgen bei geeigneter antibiotischer Therapie. Um nur ein Beispiel zu nennen: 1989 wurden aus der neurolog. Uni-Klinik Würzburg fünf parkinsonartige Krankheitfälle beschrieben, bei denen nach Diagnose einer Neuroborreliose gute antibiotische Therapieerfolge erzielt wurden. Der Erstautor Kohlhepp scheint "verschollen" zu sein (ich habe ihn bei intensiver Suche im Internet, med. Datenbanken, Telefon-CD... nicht ausfindig machen können), und die Mitautoren scheint die naheliegende Möglichkeit, daß zumindest ein Teil der Parkinson-Patienten Nutzen aus einer antibiotischen Therapie ziehen könnte, nicht zu interessieren (das habe ich durch eingehende Literaturrecherchen herausgefunden: Parkinson als Borreliose-Folge ist offenbar kein Thema. Übrigens hat eine umfangreiche Untersuchung der Epidemiologen an der MH Hannover ergeben, daß Parkinsonpatienten sich signifikant häufiger an Zeckenstiche erinnern, was nahelegt, daß zeckenübertragene Infektionen zur Parkinsonentstehung beitragen könnten. Dieser wichtige Befund scheint aber in der Veröffentlichung dieser insgesamt wenig ergiebigen Forschungsergebnisse in Fachzeitschriften zu fehlen, jedenfalls in den leicht zugänglichen Kurzfassungen der Artikel - merkwürdig, nicht wahr?).
Was lernen wir daraus? Von Neurologen darf nicht allzuviel erwartet werden: Ausgeprägter noch als viele andere medizinische Disziplinen scheint es bei ihnen unüblich zu sein, nachhaltig nach eigentlichen Krankheitsursachen zu fragen und zu suchen. Derzeit ist es Mode, für alles "die Gene" verantwortlich zu machen, und es werden allein auf neurologischem Gebiet Dutzende von Millionen Mark pro Jahr für derartige Forschung aufgewendet. Aber bei den häufigen Krankheiten Parkinson, Alzheimer, MS ist durch epidemiologische (u.a. Zwillings- und Familien-)Untersuchungen bekannt, daß Umweltfaktoren entscheidend für die Krankheitentstehung sein müssen, auch bei individueller genetischer Prädisposition. Da die Gene absehbar nicht zu beeinflussen sind, müßte der Schwerpunkt der Forschung auf der Klärung dieser Umweltfaktoren liegen, aber das ist nicht der Fall, siehe oben. So kann vorhergesagt werden, daß die Neurologie auch in der näherenen Zukunft nicht viel mehr wird leisten können als das wenige, was derzeit möglich ist. Wirklich traurig...
PS. Es gibt eine genetische Störung, die sehr leicht und kostengünstig behandelbar ist: Über zehn Prozent der Bevölkerung neigen als Träger des Hämochromatose-Gens zu erhöhter Eisenspeicherung, und überschüssiges Eisen im Körper ist äußerst gesundheitsschädlich. Seit 1999 steht durch zwei der größten Untersuchungen ihrer Art fest, daß Träger(innen) dieses Gens ein erhebliche erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten/-Todesfälle haben, insbesondere auch den Schlaganfall (CIRCULATION Sept. 1999, siehe u.a. das Editorial von J.L.Sullivan). Schon vorher war bekannt, daß mäßige Eisenspeicherung sowohl mit Herzinfarkten als auch Schlaganfällen assoziert ist (übrigens auch mit Bluthochdruck), und daß blutspendende Männer ein dramatisch vermindertes Herzinfarkt-Risiko haben, nach anderen, weniger gründlichen Untersuchungen auch für Schlaganfälle und Krebs. Da diese Risiken immerhin für mehr als die Hälfte aller Todesfälle in Überflußgesellschaften verantwortlich sind, hätte man erwarten können, daß solche Forschungsergebnisse sofort zu breiten Untersuchungen geführt hätten, ob Blutspenden bzw. ein ganz gezielter Entzug erhöhter Eisenspeicher durch Aderlässe (identisch mit dem Vorgang des Blutspendens) vor Herzinfarkten, Schlaganfällen und weiteren Wohlstandskrankheiten schützt. Ich interessiere mich seit vielen Jahren für dies Thema und muß zu meinem Bedauern feststellen, daß es weder die für Schlaganfälle zuständigen Neurologen noch die Kardiologen, Internisten, Allgemeinmediziner, Gesundheitsforscher und -politiker zu interessiern scheint, ob durch Entzug überschüssigen Eisens die Volksgesundheit nachhaltig zu bessern wäre! (Es sei nur angedeutet, daß Eisenspeicherung auch mit dem sehr häufigen Darmkrebs und mit Alzheimer zusammenhängt, um nur zwei weitere Beispiele zu nennen; für Parkinson gibt es Hinweise.) Jeder mag sich selber seinen Reim auf dieses merkwürdige Desinteresse machen. Vielleicht hängt es damit zusammen, was mir ein Lehrstuhlinhaber einmal sagte, als ich ihm von meinen Einsichten in vermeid- und behandelbare Parkinsonursachen berichtete: "Irgendworan müssen die Leute ja sterben". Und je länger sie vorher krank sind, um so mehr Geschäft gibt es für den Medizinbetrieb, angeblich der größte Wirtschaftssektor noch vor der Automobilindustrie. Mein Tip an diejenigen, die lange gesund bleiben wollen: Blutspenden, sofern kein Eisenmangel vorliegt.
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