Betroffene berichten..., 4
20.4.2001
Ein Beitrag aus einem Forum, den ich hier mit Genehmigung des Betroffenen veröffentliche.
Hallo Michel,
ich bin zufällig in dieses Forum geraten (durch ein Link auf einer
Klinik-Seite, wo ich nach Infos über eine laufende antibiotische
MS-Therapiestudie suchte) und bin erstaunt, wie viel hier zum Thema Borreliose
gefragt wird. Es gibt ein recht gutes Forum unter http://www.borreliose.de,
wo z.T. hochkompetente Leute einer Borreliose-Selbsthilfe-Bewegung Rede und
Antwort stehen, und natürlich auch "einfache" Betroffene
untereinander sich Tips geben.
Ich habe seit vielen Jahren hunderte Fachartikel und diverse Bücher über die Borreliose gelesen, mit einem Schwerpunkt auf neuropsychiatrischen Krankheitsbildern. Während zumindest einige Neurologen allmählich begreifen, wie wichtig die Borreliose für ihr Fachgebiet ist, ist die Psychiatrie erschreckend rückständig in dieser Hinsicht. In Lehrbuchkapiteln über die Borreliose (etwa in Harrison's Priciples of Internal Medicine, davon gibt es auch eine dt. Ausgabe) werden psychische Veränderungen eher beiläufig erwähnt. Ansonsten gibt recht viele Hinweise auf Depression (nach Kopfschmerzen mit die häufigste Folge einer chronischen Neuroborreliose, dazu Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen, evtl. Reizbarkeit...). Auch der Gegenpol manischen Verhaltens ist beobachtet worden, weiterhin Psychosen, die von Schizophrenie nicht zu unterscheiden waren, aber nach Neuroborreliose-Diagnose auf geeignete antibiotische Therapie ansprachen, und weiterhin "querbeet" durch die Psychiatrie so ziemlich alles, was vorstellbar ist. (Nehmen wir die "Neurasthenie" vor ca. einem Jahrhundert: die würde heute wahrscheinlich vielfach als CFS/chronisches Müdigkeitssyndrom diagnostiziert, und das erfordert die Abgrenzung von der Neuroborreliose, also den "Ausschluß" letzterer, was nicht so leicht möglich ist... - weil die Krankheitsbilder sich nahezu vollständig überlappen. Alle Formen von "Neurosen" - der Begriff kommt in letzter Zeit zunehmend in Verruf, Zwangskrankheit usw. usf. sind zumindest vereinzelt als Borreliosefolge beschrieben worden.)
Ein Amerikaner, Fallone oder so ähnlich, ist auf dem Gebiet schreibend und aufklärend seit Jahren tätig, allerdings bisher wohl ohne nennenswerte Breitenwirkung. Neurologen, die nicht selten wenig von Neuroborreliose wissen/hören möchten, schicken Patienten mit unbestimmten neuropsychiatrischen Beschwerden/Störungen gerne zu den Kollegen von der Bruderdisziplin, damit die auch etwas zu tun haben. Ich weiß von zwei Fällen, wo Psychiater auf den Vorschlag, bei Hinweis auf das Vorliegen einer Neuroborreliose einen antibiotischen Therapieversuch zu machen, äußerst ungehalten reagierten, so als ob ihnen ein unsittliches Angebot gemacht worden wäre. Einer, ein Professor, ließ dann noch hören, daß - geschichtlich betrachtet - die Psychiatrie schon das einst große Gebiet der Neuro-Syphilis an die Neurologie verloren habe, und daß um Himmels willen nicht weitere "typische" psychiatrische Erkrankungen als Infektionsfolge erkannt werden mögen, sonst könnten die Psychiater gleich gegenüber der florierenden und irgendwie moderneren Neurologie einpacken. (Ich überzeichne die Darstellung etwas, um den Tenor zu verdeutlichen.)
Das möge man sich klarmachen: Psychiater - z.B. dieser forschende Professor an einer Uni - lehnen es schlicht ab, eine antibiotisch erfolgversprechend behandelbare ZNS-Infektion als mögliche Ursache eines psychiatrischen Krankheitsbildes überhaupt in Betracht zu ziehen!! Das ist so krass unwissenschaftlich, daß man es kaum für möglich hält. Da Neurologen meist auch die Facharztqualifikation für Psychiatrie haben, bestehen die besten Chancen, etwa eine Psychose auf eine Neuroborreliose zurückzuführen und einen entsprechenden Behandlungsversuch zu machen, wahrscheinlich bei einem Neurologen mit Doppelqualifikation und einer gewissen Aufgeschlossenheit gegenüber dem Thema Neuroborreliose, was selbst heute noch eher Ausnahme denn Regel zu sein scheint.
Zum Thema EBV fühle ich mich völlig inkompetent und habe auch keine Zeit, dazu jetzt etwa eine Medline-Recherche zu beginnen. Ich hoffe, ich habe die "vielschichtige Problematik" auf der sicherlich wichtigeren "Borreliose-Seite" etwas erhellen können...
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