Borreliose – im Kampf um die Deutungshoheit einer noch wenig erforschten Krankheit bleiben Anerkennung und Hilfen für die Kranken auf der Strecke. Unter den Betroffenen wachsen Ärger und Verbitterung über die Ignoranz vieler Ärzte und Versicherungsbürokraten gegenüber ihrem Leiden “Boriolose?” – Pech für die Wirklichkeit

Von Dr. Andreas Püttmann

Schlechte Zeiten für chronisch Kranke in Deutschland, noch schlechtere für solche, deren Krankheit noch nicht “etabliert”, oft nicht sichtbar, meßbar oder in bildgebenden Verfahren der Apparatemedizin darstellbar ist. Dieses Los haben Menschen mit Lyme-Borreliose gezogen, verursacht durch einen Zeckenbiß, bei dem die Spirochäte (schraubenförmigen Bakterie) Borrelia burgdorferi übertragen wurde.

Wer seine medizinische Ausbildung vor der Entdeckung des Erregers 1982 bzw. der noch späteren Aufnahme in die Lehrbücher absolvierte (also mehr als die Hälfte der Ärzte) und sich bei der Fortbildung auf die praxisrelevantesten “Volkskrankheiten” konzentrierte, wird Patienten mit dieser gefährlichen Krankheit mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch diagnostizieren und therapieren.

“Nur ein Drittel der Ärzte besitzt Grundkenntnisse über Borreliose”, beklagt Jürgen Peters, Vorsitzender des Borreliose-Bunds Deutschland. Angesichts der verbreiteten frappierenden Unkenntnis ist schon die richtige Schreibweise (statt “Borelliose” oder “Boriolose”) eine überdurchschnittliche Leistung.

Nicht immer verrät eine noch vorhandene Zecke oder die charakteristische Hautrötung (Erythema migrans) um die Einstichstelle das Verhängnis, und nicht selten wird selbst dieser Hinweis übersehen oder mit Salben falsch behandelt. So erreicht die anfangs leicht – durch mindestens drei Wochen Antibiotika (Doxycyclin) – heilbare Krankheit oft ihr zweites und drittes Stadium (systemische Generalisierung und Spätmanifestation), in denen Gelenke, innere Organe, Nervensystem und damit oft auch die Psyche schwer geschädigt werden können.

Das oft schleichende Fortschreiten der chamäleonhaft changierenden Symptomatik macht die Diagnose im Spätstadium keineswegs wahrscheinlicher, wenn nicht akute Zuspitzungen wie Gesichtsnervlähmung, Sehstörungen, Herzmuskelentzündung oder schwere Arthritis die Richtung weisen – je nachdem, wohin der “Schrotschuß” (Peters) der Infektion die Erreger im Körper geschwemmt hat.

Manche Borreliose wird erst nach einer jahrelangen Odyssee durch Arztpraxen verschiedenster Fachrichtungen oder nach einem Irrweg durch psychiatrische Kliniken erkannt, in denen – laut einer tschechischen Studie – der Anteil an Infizierten bezeichnenderweise etwa doppelt so hoch ist wie der “Durchseuchungstiter” der Gesamtbevölkerung, der auch von längst bewältigten Infektionen herrühren kann.

Vermutlich gibt es neben den rund 60.000 bis 100.000 Neuerkrankungen in Deutschland eine erhebliche Dunkelziffer von Patienten, die diagnostisch “unter falscher Flagge segeln”: Neben psychischen Erkrankungen aller Art – darunter neurotische Hypochondrie – Alzheimer, CFS (Chronisches Müdigkeitssyndrom), Fibromyalgie, HWS-Syndrom, Rheuma, Parkinson, Epilepsie, Multiple Sklerose. Für jede dieser Krankheiten gibt es Beispiele von Heilungen oder erheblicher Besserung nach Borreliose-indizierter Antibiotikatherapie.

Dr. Harald Bennefeld, Chefarzt der Heinrich-Mann-Klinik in Bad Liebenstein (Thüringen), hat unter Patienten, bei denen die Verdachtsdiagnose “MS” bestand, durch ausführliche Zusatzdiagnostik und anschließende Therapie, u.a. mit Antibiose, “schon einige aus dem Rollstuhl geholt”.

Dr. Dietrich Rosin, Bonner Neurologe und Psychiater, berichtet über Heilungen von jahrelanger Depression, in einem Fall sogar von diagnostiziertem “Parkinson”.

Systematisch gesammelt werden solche Fälle nirgends. Eine bundesweite Meldepflicht für Borreliose, die erregertypisch der Syphilis ähnelt, gibt es wohl deshalb noch nicht, weil die Krankheit nach derzeitigem Kenntnisstand – außer in der Akutphase von einer Schwangeren auf ihr Kind – nicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist.

Ebenso wenig gibt es umfassende Statistiken der Erfolgsraten unterschiedlicher Therapieschemata – gerade diese könnten aber Ärzten und Betroffenen eine praktische Orientierung geben. Denn Recht hat schließlich, wer heilt – wogegen man in der deutschen Borreliose-Diskussion den Eindruck gewinnt, der Streit um Definitionen und Gesetzmäßigkeiten habe Vorrang vor der klinischen Symptomatik und der praktischen Hilfe.

So soll Patienten mit unzweifelhafter Borrelieninfektion (Zeckenbiss, Erythem, Serumantikörper) und folgenden neurologischen Beschwerden bzw. psychischen Veränderungen nach herrschender Lehre nur dann die Diagnose “Neuroborreliose” gegeben werden dürfen, wenn durch Punktion im Nervenwasser eine bestimmte Antikörper-Konzentration bzw. -Konstellation nachgewiesen wurde. Individualfälle, die vom Modell abweichen, kommen in diesem medizinischen Weltbild nicht vor.

Wieso sollte aber eine neurologisch-manifeste Borreliose nicht “Neuroborreliose” heißen? Eigentlich sollte der Name doch die Krankheit beschreiben und nicht einen Laborbefund.

Die “Expertise” des Patienten für seinen eigenen Körper wird in dieser Denkungsart schon gar nicht anerkannt. Was “eigentlich nicht sein kann”, das muss der Kranke sich einbilden oder gar simulieren. Und verweist der Patient selbst auf Laborwerte, lautet die Argumentation plötzlich genau umgekehrt wie bei der Neuroborreliose: “Entscheidend ist die klinische Symptomatik”.

So leicht lassen sich Borreliosen reihenweise diagnostisch “wegzaubern”: Wahlweise durch “wenig aussagekräftige” Laborwerte, durch Bagatellisierung bzw. Psychosomatisierung der Symptome oder schlicht durch den Hinweis: “Sie sind doch therapiert worden”. Eins von den Dreien – im Zweifel das Letzte – zieht immer.

Der deutsch-amerikanische Arzt und “Guru” der Naturheilszene, Dietrich Klinghardt hingegen nennt in einem Artikel (h&i 2/2000): “Chronische Borreliosen – die Seuche des 21. Jahrhunderts”, weil sie “in der westlichen Welt nach AIDS die am schnellsten zunehmende Infektionserkrankung” seien. Trotzdem würden sie “bisher von medizinischer Seite unterschätzt, da sie oft nicht töten, aber sie schränken das Leben der Betroffenen zunehmend ein und führen zu oft unglaublichem – und unnötigem – Leiden”.

Dazu gehört neben der körperlichen und seelischen Tortur der nicht enden wollenden Krankheit oft das Versagen des sozialen Umfelds, das Zerbrechen von Beziehungen durch Unverständnis und Überforderung, der Verlust des Arbeitsplatzes nach zunehmenden Fehlzeiten, und angesichts immer öfter verweigerter Frühverrentung durch sparwütige Versicherungsbürokratien nicht selten das Abrutschen in die Sozialhilfe.

Vertreter von Selbsthilfeinitiativen, die bundesweit und international fast die ganze Beratung am Telefon und im Internet leisten, sprechen nach Hunderten von Erfahrungsberichten von “menschlichen Trägödien für die Kranken und ihre Familien”, kämpferische unter ihnen von einem “Medizin- und Sozialskandal”. Doch Kampf fällt mit dieser Krankheit, unter der die meisten Engagierten selbst leiden, naturgemäß schwer. In der Regel führt sie eher zu einem stillen Rückzug aus der Öffentlichkeit.

“Borreliose tötet nicht, sie nimmt das Leben”, faßt eine Patientin ihre Situation in Worte.

Zudem wird die medizinische “Borreliosepolitik” in Deutschland weitgehend von einem Institut gelenkt, das chronische Borreliosen praktisch gänzlich in Abrede stellt. Das Münchener “Pettenkofer Institut” ließ sich vor einigen Jahren auf Eigenantrag zum “Nationalen Referenzzentrum” für Borrelien (Leitung: PD Bettina Wilske) erklären und verteidigt in der allgemeinen Ratlosigkeit über therapieresistente Krankheitsverläufe verbissen seine Deutungshoheit gegenüber Abweichlern in den ärztlichen Schwerpunktpraxen: “In den letzten Jahren finden sich zunehmend Berichte in den Medien, bei denen der Eindruck entsteht, die Lyme-Borreliose führe typischerweise zu chronischen, unspezifischen Beschwerdebildern (…:) Myalgien, Arthralgien, Dys- und Parästhesien, Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Konzentrationsstörungen nach korrekter antibiotischer Therapie mit empfohlenen Therapieschemata. Obwohl die Ursache dieser Symptome bislang unklar ist, wurden allein aufgrund der zeitlichen Assoziation dieser Symptome mit einer definierten Lyme-Borreliose der Begriff ‘chronische Borreliose’ oder ‘Post-Lyme-Syndrom’ geprägt (…), Therapieversuche mit längerer und höherer Dosierung durchgeführt und die vermeintlichen Therapieerfolge als Fallberichte und unkontrollierte Studien veröffentlicht (Donta et.al. 1997)”.

Andere Studien (Seltzer 2000, Klempner 2001) sprächen jedoch gegen diesen Zusammenhang und dafür, “dass keine erneuten Antibiotikagaben indiziert sind”. Demnach wäre eine einmalige, drei- bis vierwöchige antibiotische Infusionstherapie gegen die Infektion ausreichend – was sich die Krankenkassen natürlich gern zu eigen machen. Wer danach über zurückkehrende oder fortwährende Beschwerden klagt, gilt den Anhängern der Münchener Lehrautorität – und mit ihrer Gutachterposition auch vielen Gerichten – meist als “psychosomatisch krank”, seine mit den Beschwerden korrespondierenden, noch so hohen Antikörpertiter (und breit gefächerten “Westernblots”) werden als “Serumnarben” ohne diagnostische Relevanz abgetan. Allenfalls “von lebenden Borrelien unabhängige, sekundär autoimmune Pathomechanismen” (Prof. Peter Herzer, München) werden den chronisch Kranken noch als mögliche somatisch-medizinische Legitimation konzediert (wogegen nicht Antibiotika, sondern Immunsuppressiva indiziert wären).

Neuere Forschungsergebnisse (2003) vom Institut für Immunologie der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig deuten dagegen darauf hin, dass Borrelien “von der Spiralform in eine kugelförmige, stoffwechsel-inaktive Überlebensform wechseln können, wenn die Bakterien ungünstigen Umweltbedingungen ausgesetzt sind. Diese Metamorphose könnte ein Grund dafür sein, dass die Borrelien letztendlich jedem Einsatz von Antibiotika widerstehen und nach dem Ende der Therapie erneut jene Entzündungsreaktionen hervorrufen, die sie so gefährlich machen” (PD Dr. Reinhard Straubinger, www.uni-leipzig.de/bbz).

Außerdem vermuten die Leipziger Forscher, “dass die Borrelien im Gewebe durch aktive Fortbewegung und nicht durch passiven Transport durch den Blutkreislauf an den Ort ihrer Wirkungsentfaltung kommen”. Dafür sprächen bereits die Rötung der Haut um die Bissstelle, die ersten Beschwerden in den Gelenken, die der Einbissstelle am nächsten liegen, und kein einziger bekannt gewordener Fall einer Übertragung durch Bluttransfusion sowie das Scheitern einer Infektion durch Injektion mit kontaminiertem Blut im Tierversuch. Andere Experten (wie der unter Naturheilkundlern verehrte Freiburger Arzt Dr. Hans Gustav Nolte) vermuten das Grundproblem des zunehmenden “Trigger-Phänomens” Borreliose eher in einer Belastung durch Umweltgifte, durch von der Infektion hinterlassene Neurotoxine oder durch den Komplikationsfaktor Koinfektionen (häufig mit Epstein-Barr- und Zytomegalie-Viren, Chlamydien und Candida-Pilzen), welche entweder Folge der durch die Grunderkrankung und lange Antibiosen hervorgerufenen Immunschwäche oder vorausliegende Ursache dafür sein könnten, dass die Borrelieninfektion nicht überwunden wird.

Die meisten Borreliosekranken versuchen es angesichts ihres Leidensdrucks und der nie kurzfristigen Erfolge naturheilkundlicher Therapieansätze dennoch mehrmals antibiotisch, wobei sich eine mindestens sechswöchige, evt. mehrfach wiederholte Tabletten-Kombinationstherapie (Roxithromycin und Trimethoprim) nach dem Grazer Spezialisten Professor Robert Gasser laut “Deutsches Ärzteblatt” (April 2003) als besonders wirksam (und kostengünstiger als stationäre Infusionstherapien) herausgestellt hat.

Der Gelsenkirchener Spezialist und Klinikchef Professor Claus Doberauer weiß allerdings von einer Patientin zu berichten, aus deren Hautbiopsie selbst nach einer (nicht von ihm verantworteten) einjährigen, intensiven Dauerantibiose noch Borrelien angezüchtet werden konnten.

Ist das Münchener Dogma von der ausreichenden Dreiwochenantibiose damit falsifiziert? Der internistische Rheumatologe Dr. Rüdiger Klütsch (Oberhausen) beobachtet jedenfalls, “dass die Antibiotika-Resistenz der Borrelien in zunehmendem Maße therapeutische Probleme aufwirft, da eine stetige Verschlechterung der Empfindlichkeit dieser Erreger festzustellen ist”, so dass in zahlreichen Fällen “von einer persistierenden Erkrankung auszugehen ist”.

Schon der Entdecker des Erregers, Willy Burgdorfer, betonte 2001: “Wir wissen, dass die Lyme-Borreliose Antibiotika widerstehen kann. Zu sagen, jemand sei geheilt, weil er eine bestimmte Menge Antibiotika erhalten habe, ist Unsinn”.

Für diese einfache Einsicht bedarf es allerdings des Abschieds vom Machbarkeitswahn, der mit der Ausrottung der großen Seuchen – jedenfalls der bakteriellen – auch die Infektionsmedizin befallen konnte.

Doch bestand in Deutschland, dem Heimatland der Glaubenskämpfe und politischen Ideologien, nicht schon immer die Tendenz zum Dogma und zu deduktiver Erkenntnistheorie, zum Primat der Ideen vor der Wirklichkeit?

Elisabeth Noelle-Neumann prägte für die Falsifikation von Hypothesen durch demoskopische Sozialforschung die geistreich-lapidare Sentenz: “Wenn wir überrascht sind, stehen wir vor der Wirklichkeit”.

Im Deutungskonflikt um die Borreliose scheint für die herrschende Lehre eher die Devise zu gelten: “Wenn wir überrascht werden, finden wir Gründe, warum es so eigentlich nicht sein kann”.

Für den Historiker Hagen Schulze ist dies jedenfalls ein typisch deutsches, fachübergreifendes Motto: “Wenn meine Ideen nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen, Pech für die Wirklichkeit”. Und für die in Wirklichkeit Leidtragenden, kann man im Blick auf die Opfer der Borreliose hinzufügen – die übrigens manchmal auch Todesopfer sind.

Aus einem Landesministerium ging vor wenigen Jahren ein Anruf bei einer Borreliose-Beratung ein: Bei der Obduktion mehrerer verstorbener Borreliosekranker seien regelrecht “zerfressene Herzmuskel” festgestellt worden; der Befund solle aber geheim gehalten werden, um keine “Panik” zu machen. Der Informant, selbst Naturwissenschaftler, wollte anonym bleiben. Vielleicht müssen erst – wie bei AIDS Rock Hudson – einige Medienprominente schwer erkranken, bevor sich die Kenntnis der Schrecken dieser “grausamen Krankheit” (Margrit Riemann, Ehefrau eines Borreliosekranken) verbreitet und die amtliche gesundheitliche Aufklärung die Borreliose als Desiderat entdeckt.

Hätte man endlich auch gegen diese “Zeckenkrankheit” eine Impfung, wie gegen die viel seltenere, aber bekanntere Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), dann könnte sich der Wind drehen, meint ein Insider aus der Pharma-Branche. Bis dahin gebe es zu mächtige finanzielle Interessen von Renten- und Krankenversicherungsträgern, denen eine Bagatellisierung der Borreliose als “Modekrankheit” gelegen komme. Ganz in diesem Sinne machte im letzten Sommer etwa der ZDF-“Teledoktor” einem Millionenpublikum weis, was schon eine große deutsche Qualitätszeitung in die Schlagzeile gefaßt hatte: “Unnötige Angst. Borreliose ist heilbar und trifft wenige”. Unter Berufung auf eine umstrittene amerikanische Studie (Klempner u.a.) hatte der Mikrobiologe Volker Brade von der Universität Frankfurt am Main den Journalisten versichert, “dass dieses chronische Lyme-Syndrom nicht durch irgendwo versteckt überlebende Bakterien verursacht wird. Denn die Langzeittherapie muß auch den letzten Erreger vernichtet haben” (Süddeutsche Zeitung vom 31.7.2001). Nur Pech, dass auch nach Langzeitantibiosen doch noch Borrelien angezüchtet werden konnten. Aber es ist ja nur ein Pech für die Wirklichkeit.

Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Andreas Püttmann

ANMERKUNG (Delfin):
Vor Dietrich Klinghardt muß DRINGEND gwarnt werden,
siehe “Die Akte Dietrich Klinghardt”

http://transgallaxys.com/~kanzlerzwo/index.php?board=86.0

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