Web-Page: http://www.ariplex.com/lyme/lymlieg1.htm

Das Original dieser Web-Seite ist http://www.x-l.net/Lyme/li.htm (Die alte URL http://www.sky.net/~dporter/li.htm gibt es nicht mehr.) Gegenüber dem Original der deutschen Übersetzung http://www.lymenet.de/liegner1.html wurde das HTML-Layout überarbeitet.
11.8.98, Aribert Deckers


LYME BORRELIOSE

Eine vernünftige Suche nach Antworten

Kenneth B. Liegner, M.D., P.C.

8 Barnard Road
Armonk, N.Y. 10504
USA

Original dieser Veröffentlichung
(Journal of Clinical Microbiology, Aug 1993, p. 1961-1963)

Übersetzung von Eva Schwarz

1989 veröffentlichten Preac-Mursic et al. einen bedeutenden Artikel(30), in dem sie die Anzüchtung von lebenden Borrelia burgdorferi bei Patienten dokumentierten, die durch die bei ihnen durchgeführte Therapie als geheilt galten. Dazu gehörte ein Patient, der zehn Tage lang intravenös mit Ceftriaxon behandelt worden war und von dessen Liquor der Organismus angezüchtet werden konnte (30). Dieser Bericht stieß auf ungläubige Skepsis von einigen Seiten. Es wurde die Vermutung geäußert, daß die Kulturen kontaminiert waren oder daß der Bericht auf andere Weise falsch gewesen sei. Seitdem sind jedoch eine Reihe von Berichten erschienen, die das Überleben von B. burgdorferi trotz aggressiver antibiotischer Behandlung auch bei Anwendung der wirksamsten intravenösen Anbitiotika bestätigen (12, 22). Die medizinische Fachwelt tut sich noch immer schwer, diese anscheinend anormalen Beobachtungen, die die Unzulänglichkeit des bestehenden Lyme-Paradigmas enthüllt, zu akzeptieren (15). Die Ergebnisse zeugen jedoch vom Beginn einer veränderten Wahrnehmung dieser Krankheit. Eine andere Haltung wird aber notwendig sein, um den biologischen Realitäten von B. burgdorferi Infektionen wirksam begegnen zu können (1).

Die neuere Forschung beginnt Klarheit darüber zu schaffen, wie es möglich sein kann, daß eine bakterielle Infektion sich trotz stärkster Antibiotika ihrer Eliminierung widersetzt. Montgomery et al. berichteten von intrazellulärer Lokalisation von B. burgdorferi in Makrophagen und dem Nachweis von Spirochäten in Zellkulturen (29). Klempner, Georgilis und ihre Mitarbeiter demonstrierten sehr überzeugend, daß B. burgdorferi eine intrazelluläre Lokalisation in Fibroblasten einnehmen kann und daß der Organismus in diesen Zellen nach einer Behandlung der Gewebekulturen mit Ceftriaxon in vitro angezüchtet werden kann (9, 14). Ma et al. berichten von einer intrazellulären Lokalisation von B. burgdorferi in einer menschlichen Nabelvene in Endothelzellen in vitro (25). In einem kürzlich veröffentlichten Leitartikel weist Mahmoud darauf hin, daß durch intrazelluläre Krankheitserreger verursachte Infektionen immer sehr schwer zu behandeln und zu heilen sind (26). Interessanterweise fand sich B. burgdorferi nicht auf der Liste der genannten Pathogene. Der Autor äußerte die Vermutung, daß der Verlauf einer Infektion auf Grund von intrazellulären Erregern genetisch reguliert sein könnte. Steere et al. gaben zu bedenken, daß genetische Regulation ein Wesenszug von Borrelieninfektionen sein könnte; sie betrachteten die Krankheit in Personen mit HLA-DR 2, 3, oder 4 Allelen als problematischer (33). Um derartige Infektionen wirksam bekämpfen zu können, hält Mahmoud ein besseres Verständnis der Adhäsion und Internalisation in Wirtszellen für nötig. Garcia Monco et al. (8), Coburn et al (1a) und andere untersuchen diesen Prozeß in B. burgdorferi Infektionen sehr intensiv.

Derartige Beobachtungen legen den Schluß nahe, daß ein bestimmter Teil der Lyme Borreliose Patienten einer längeren antibiotische Behandlung bedürfen und daß die derzeit vorhandenen chemotherapeutischen Modalitäten die Infektion unterdrücken, aber nicht heilen können. Somit ist es denkbar, daß Patienten, die nach aggressiver antibiotischer Behandlung Rückfälle erleiden, zeitlich unbegrenzt antibiotisch behandelt werden sollten unter der Voraussetzung, daß es ihnen dadurch besser geht, sie keine Nebenwirkungen haben und eine Behandlung wünschen (24). Orale Antibiotika sind vielfach ausreichend, um das Wohlbefinden eines Patienten zu erhalten und sicherlich im Hinblick auf unkompliziertere Verabreichung und aus Kostengründen vorzuziehen. Es muß jedoch nachdrücklich darauf hingewiesen werden, daß orale Therapien so zu gestalten sind, daß nicht nur der Bewegungsapparat und andere periphere Lokalisationen, sondern auch das Zentrale Nervensystem ausreichend behandelt werden (7, 17, 19). Leider reagieren einige Patienten nicht ausreichend auf Oraltherapie, insbesondere Patienten mit ernsthafter Beteiligung des Zentralen Nervensystems. Bei diesen Patienten ist möglicherweise eine längere intravenöse Behandlung erforderlich. In einem Fall wurde B. burgdorferi im Liquor trotz 21-tägiger intravenöser Cefotaxim-Gabe und 4- monatiger Minocyclin-Gabe erfolgreich angezüchtet (22). Dieser Patient hatte in der Zwischenzeit praktisch keine Möglichkeit der Reinfektion. Eine Liquor-Pleozytose, die über mehrere Jahre hinweg bestand und die sich durch intravenöse Verabreichung von Cefotaxim an 21 aufeinanderfolgenden Tagen nicht besserte, verschwand völlig nach 13 Wochen "gepulster" Cefotaxim-Therapie (4 g alle 8 Stunden/24 Stunden, wöchentlich) (11). Eine ausgeprägte neurologische Schädigung war bereits bei dem Patienten festzustellen. Auf Grund der Plastizität des Zentralen Nervensystems kann man hoffen, daß die Unterdrückung des Erregers durch die ausgedehnte Therapie weitere mikroben-induzierte Schäden vermieden oder zumindest verlangsamt werden können und daß vielleicht eine Rückkehr der neurologischen Funktionen mit der Zeit eintritt.

Viele Ärzte und Wissenschaftler räumen ein, daß es seronegative Lyme Borreliose gibt, behaupten aber, daß es sich um ein seltenes Phänomen handelt. Tatsächlich wurden in Forschungszentren bei Studien seronegative Patienten, deren Symptome mit denen von Lyme-Borreliose übereinstimmen, ausdrücklich ausgeschlossen. Es ist möglich, daß dies ein außerordentlich schwerer konzeptioneller und methodologischer Fehler ist. Das gegenwärtige Verständnis der menschlichen Immunreaktion auf B. burgdorferi ist rudimentär. Obwohl die Antikörperreaktion bei manchen Patienten stark und unveränderlich ist, kann sie mit der Zeit wachsen oder schwinden. Diagnostische serologische Titer sind möglicherweise bei manchen Patienten nicht nachweisbar - aus Gründen, die gegenwärtig nur wenig verstanden werden. Mindestens vier Gruppen von Wissenschaftlern halten es für möglich, daß Immunkomplexe in Serum und/oder Liquor vorhanden sind (3, 5, 10, 32). Bei Patienten mit Antigenüberschuß können Antikörper unnachweisbar sein und erst dann entdeckt werden, wenn solche Immunkomplexe dissoziiert werden. Somit sind gerade Patienten, die nicht in der Lage sind, ein meßbares Niveau an freien Antikörpern zu erzeugen und am wenigsten in der Lage, die Infektion einzudämmen und somit schwerer erkranken, auch ausgerechnet die, die keine Behandlung erhalten.

Zum Beispiel war die oben beschriebene Patientin in den ersten fünf Jahren ihrer Erkrankung seronegativ, entwickelte aber während dieser Zeit schwere und irreversible neurologische Schäden. Ihre Western-Blot-Testergebnisse waren nicht eindeutig, als B. burgdorferi von ihrem Liquor isoliert wurde. Dieses Beispiel unterstreicht, daß es ein Trugschluß ist zu glauben, der Western-Blot sei der "Gold-Standard"-Test für eine eindeutige Lyme Diagnose. Der Antigen-Capture Assay, entwickelt vom Rocky Mountain Laboratory of the National Institute for Allergy and Infectious Disease (6) macht abgespaltene, für B. burgdorferi spezifische Antigene im Urin von vielen Patienten sichtbar, bei denen zwar der Verdacht auf Lyme Borreliose bestand, die aber seronegativ waren (21).

Die Verfügbarkeit von direkten Antigenuntersuchungen, die polymerase chain reaction (PCR) und andere Ansätze zum direkten Nachweis des Erregers werden, wenn sie klinisch validiert sind, zu einer rationaleren pharmakologischen Therapie der Lyme Borreliose führen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden helfen zu erkennen, was pragmatische Ärzte seit langem durch das sorgfältige Studium ihrer Patienten erkannt haben: daß Seronegativität ein tatsächliches Phänomen bei Lyme Borreliose ist, das sowohl im Früh- als auch im Spätstadium der Erkrankung auftritt (4, 21).

Die Akzeptanz von seronegativer Lyme Borreliose macht eine empirische Behandlung von Patienten, bei denen der klinische Verdacht auf Lyme Borreliose besteht, zwingend notwendig. Therapeutische Maßnahmen sollten natürlich erst dann ergriffen werden, wenn gründliche aber zügige Untersuchungen andere Diagnosen ausgeschlossen haben. Irreversible neurologische Schäden sind zu Beginn der Erkrankung selten (23, 28) und können mit einer schnell beginnenden und genau abgestimmten Therapie vielleicht verhindert werden.

Die wachsende Einsicht, daß Lyme Borreliose, wenn sie da ist, eine chronisch persistierende Infektion sein kann, die mit gegenwärtig vorhandenen therapeutischen Ansätzen einige Patienten nicht heilen kann, unterstreicht die Dringlichkeit einer Präventivbehandlung von Zeckenbißen, insbesondere, wenn die Zecken längere Zeit am Körper waren. Die Vernichtung der Spirochäte vor der Dissemination und der Bestimmung einer intrazellulären Lokalisation ist von größtem Vorteil (16, 18, 20).

Eine chronisch persistierende Infektion, die auf antibiotische Behandlung nicht reagiert, ist ein Dilemma für den Patienten, den Arzt und die Versicherungen, die vertraglich zur Bezahlung notwendiger medizinischer Leistungen verpflichtet sind (34). Die Lösung ist nicht das Leugnen der Krankheit oder die willkürliche Festlegung von Behandlungszeiträumen, sondern die Verfügbarmachung von effektiveren, aber weniger kostspieligen Behandlungsmethoden, die die Gesundung der Patienten unterstützt.

Abgesehen von der Vorsorge, die natürlich an erster Stelle steht, müssen Methoden zur sicheren Heilung bereits erkrankter Patienten entwickelt werden. Antibiotika sind nicht unbedingt die Antwort. Eher wird die Anwendung neuer Methoden der Molekularbiologie, metabolische oder reproduktive Schlüsselprozesse des Bakteriums zu unterbrechen, wo immer es sich im Körper auch aufhält, auch im intrazellulären Bereich, möglicherweise effektivere und gezieltere Therapiemöglichkeiten bieten (2, 13, 27, 31, 35).

Ein Paradigmenwechsel ist im Gange, was die Natur von Lyme Borreliose und die Behandlung von erkrankten Patienten angeht. Objektive Anzeichen für die Aktivität der Krankheit, wissenschaftliche Arbeitsmittel (4, 6, 21) helfen, den wahren Umfang chronisch persistierender Infektion und seronegativer Erkrankung zu sehen. Damit wird es möglich werden, zielgerichtet die Effektivität verschiedener Therapiemöglichkeiten festzulegen und bessere Methoden zu entwickeln. Lyme Borreliose, komplex und mysteriös, wird uns, unsere Patienten und die Gesellschaft als Ganzes auch in Zukunft vor schwierige Aufgaben stellen, wenn menschliche Intelligenz bestrebt ist, B. burgdorferi, einen biologischen "bösen Genius", zu ergründen und zu besiegen.

References