Das Milliardengrab in Bremerhaven


Siebzehn Thesen gegen den Oceanpark

 

1.
Beim sogenannten Oceanpark handelt es sich um einen typischen aktuellen Vergnügungspark, der mit der spektakulären Inszenierung der Themen Ozean, Wasser und Tropen, Besucher anlocken will. Sein Konzept, setzt sich aus einzelnen Attraktionsmodulen (wie Blauer Planet, Harbour Village usw.) zusammen. Es ist damit ortsunabhängig und austauschbar, kann also überall gebaut und neu zusammengesetzt werden. Mit der konkreten regionalen Situation Bremerhavens als Hafenstadt an der Wesermündung und an der Nordsee hat der Ozeanpark kaum etwas zu tun, er besitzt keinen Ortsbezug. So wird beispielsweise das Vorläuferprojekt "Großaquarium", (nachdem Bremerhaven die Konzeption vorfinanziert hat) nun in Oberhausen realisiert.

2.
Der Oceanpark zerstört den potentiell schönsten Ort Bremerhavens, nämlich die alten Hafenanlagen zwischen Innenstadt und Wesermündung mit ihrem erlebbaren Seedeich. Dieses Gebiet, das für das Lebensgefühl der Bremerhavener von entscheidender Bedeutung ist, würde durch den Vergnügungspark den Bürgern entfremdet und enteignet. Der Deichspaziergang, der bisher zum selbsverständlichen Alltagsvergnügen der Bürger gehört, wird dann zum teuren Eintrittsvergnügen. Den Mittelpunkt der Stadt, der doch wie eine Art "kollektives bauliches Gedächtnis" das Lebensgefühl der Bürger ausdrücken soll, würde ein privater Vergnügungspark bilden. Das Image der Stadt würde sich wandeln, von Schiffahrt, Fisch, Nordsee und Werften, hin zu einer Scheinwelt aus Plastik, Glas und Illusion. Das neue "potemkinsche" Image dürfte als negativer Standortfaktor der ökonomische Entwicklung der Stadt langfristig schaden, denn wer möchte schon in einer "Attrappenstadt" leben.

3.
Der geplante Oceanpark weist, was dem notwendigen Wandel unseres gesellschaftlichen Verhältnisses zur Natur betrifft, in die völlig falsche Richtung. Mit einer vorgegaukelten "natürlichen" Scheinwelt aus der Retorte wird eine Alles-Ist-Machbar-Haltung des Menschen gegenüber der Natur suggeriert. Das Konzept steht in krassem Gegensatz zu einem umweltangepaßten Tourismus- und Erlebniskonzept, das gerade für eine Stadt wie Bremerhaven Zukunft hätte. Auch läßt der Oceanpark in seiner Prakprogrammatik jede poetische Annäherung an den Gegenstand "Ozean" vermissen. Videoclipartige austauschbare Erlebnisse ohne Erfahrung und ohne pädagogischen Wert ersetzen authentische Umwelterfahrung. Zieht man den Stecker aus der Scheinwelt, so fällt sie in wenigen Minuten in sich zusammen. Mit dem Oceanpark erhält unsere Region ein tourismusbezogenes Kitschimage, daß einer nachhaltige Tourismusentwicklung auf Dauer schaden könnte.

4.
Freizeitparks sind konzeptionell darauf ausgerichtet, daß sie neben dem Anlockthema (für das man Eintritt bezahlt) dazu verführen, möglichst viel Geld innerhalb des Betreibergeländes auszugeben. Ihr Konzept ist also nach innen gerichtet. Auch deshalb ist es illusorisch, vom Oceanpark eine kaufkraftbezogene Belebung der Innenstadt Bremerhavens zu erwarten. Vielmehr ist das Gegenteil zu befürchten: Der Prozeß der Verflachung des Konsumangebotes (hin zu Filialmärkten, Billigstangeboten und Kitschläden) wird sich fortsetzen.

5.
Aufgrund der Randlage Bremerhavens ist eine längerfristige wirtschaftliche Rentierlichkeit des Oceanparks kaum zu erwarten. Vergnügungsparks wurden bisher aus gutem Grund verkehrsgünstig dort gebaut, wo die Leute wohnen. Außerdem scheint sich das Freizeitverhalten zu "enträumlichen", also hin zu virtuellen Raumerlebnissen zu verändern. Die Leute werden ihre Freizeit stärker vor Ort und am Bildschirm verbringen und hoffentlich in ihrem Urlaub authentische Erlebnisse suchen. Nach anfänglicher Begeisterung wird das Projekt erodieren, in wirtschaftliche Schieflage geraten und immer unansehnlicher werden. Allein eine ständige aufwendige Festivalisierung des Projektes durch immer neue Attraktionen, Events und Sensationen könnte einen dauerhaften wirtschaftlichen Betrieb dieses Projektes eventuell ermöglichen. Diese wirtschaftlich vielleicht erfolgreiche Strategie hätte für das Lebensgefühl der Bremerhavener alptraumhafte Wirkungen: Bremerhaven wäre eine Stadt - wie beispielsweise Las Vegas - des immerwährenden Trubels und Rummels, eine Stadt, wo alltägliches Leben für die Bewohner kaum möglich ist.

6.
Durch die städtebauliche und finanzielle Konzentration auf die Innenstadt verschlechtert sich die Lebensqualität vor allem für die Bewohner Lehes, Geestemündes, Leherheides und Wulsdorfs. Dies wäre sozial und städtebaulich eine Katastrophe. Der Verslumungsprozeß, der schon heutzutage vor allem in Teilen Lehes zu beobachten ist, wird sich weiter beschleunigen. Der Leerstand der Geschäftsräume an der Hafen- und Georgstraße und die Verflachung des Warenangebotes, Entwicklungen die schon heutzutage deutlich sind, werden sich beschleunigen. Hinter der aufgeputzten Fassade der Innenstadt und der leuchtenden Attrappe des Oceanparks würde in den anderen Stadtteilen Armut und Verfall noch deutlicher spürbar. Durch die notwendige kommunale Konzentration auf Mitte, würde das Infrastrukturangebot in Lehe, Geestemünde, Leherheide, Wuldsorf und Weddewarden weiter abgebaut. Der Unterhalt der öffentlichen Grünflächen, Straßen, die Kulturangebote usw. würde sich auf Mitte konzentrieren, denn das knappe Geld muß dort ausgegeben werden, wohin man die Gäste locken möchte und nicht dort, wo die Bürger dieser Stadt wohnen.

7.
Die finanzielle Attraktivität des Oceanparks beruht allein auf dem gewaltigen öffentlichen Subventionssummen und den Steuersparmöglichkeiten möglicher Investoren. Nirgendwo in Europa ist in diesem Sinne derzeit mehr Geld zu verdienen als in Bremerhaven. Nicht Bremerhaven, sondern der gefüllte Subventionstopf lockt die Investoren. Ist das Projekt nach wenigen Jahren für die Investoren finanztechnisch und steuerlich abgeschrieben, so dürfte ihr Interesse schnell erlahmen. Bremerhaven, das für dieses Projekt sein gesamtes "Tafelsilber" verkauft hat, wird mit dem Oceanpark für viele Jahre seine Fördermittel an ein einziges Großprojekt binden, d.h. kleinere Projekte zum Erhalt der Lebensqualität in dieser Stadt und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze wären unfinanzierbar. Bremerhaven setzt seine Zukunft auf eine ungewisse Karte. Diese Glücksspielermentalität von Politik und Magistrat ist unverantwortlich.

8.
Das Oceanparkkonzept behindert eine allmähliche städtebauliche und wirtschaftliche Entwicklung des Gebietes am alten und neuen Hafen und damit auch eine gesunde marktwirtschaftliche Entwicklung der Innenstadt. Der Oceanpark dominiert alle anderen wirtschaftlichen und freizeitbezogenen Aktivitäten in diesem Gebiet (Zooausbau, Schiffahrtsmuseum usw.) und degradiert sie zu Randerscheinungen. Dieses Großprojekt ist, einmal errichtet, nicht veränderungs- oder irrtumsfähig. Es ist ein gigantomanisches Projekt, das entweder klappt oder scheitert. Ein Fehler im Konzept oder eine Fehleinschätzung der Bedarfslage würde zu seinem völligen wirtschatlichen Scheitern und damit zum Zukunftsverlust für Bremerhaven führen.

9.
Es muß befürchtet werden, daß der Oceanpark gegen starke Bürgerbedenken in einem politischen und verwaltungsmäßigen Kraftakt sondergleichen schnellstmöglich durchgesetzt wird. Es wird also für die Bürger darauf ankommen, peinlich darauf zu achten, daß sie ihre gesetzlichen Einspruch- und Mitwirkungsmöglichkeiten (im Rahmen der Bauleitplanung, der wasserrechtlichen Genehmigung, der Umweltverträglichkeitspüfung, des Naturschutzrechtes usw.) nutzen. Bürgerbeteiligungsrechte müssen notfalls vor Gericht eingeklagt und durchgesetzt werden. Da dieses Projekt mit sehr heißer Nadel gestrickt wird, könnte ein Normenkontrollverfahren, die Rechtmäßigkeit der Verfahrensschritte prüfen. Eine Fertigstellung des Projektes bis zur Jahrtausendwende ist daher illusorisch. Das Durchpeitschen des Projektes würde die Politik-  und Parteienverdrossenheit in dieser Stadt weiter vergrößern.

10.
Die bisherige Verhandlungstaktik, soweit sie aufgrund der Geheimhaltungspolitik der Verantwortlichen überhaupt erkennbar ist, ist dilletantisch. Nicht als nüchterner Geschäftspartner trat man dem Geschäftspartner gegenüber, sondern verklärt ihn - nach Grothe und Chermajeff nun Köllmann - als eine Art Heilsbringer, als personifizierte letzte Hoffnung dieser Stadt. Damit hat man sich in völlige Abhängigkeit von den Projektoren und potentiellen Investoren begeben. Als kühl rechnende Investoren werden sie diese einmalige Chance nutzen, was schon jetzt daran erkennbar ist, daß Stadt und Land mit vielen Millionen öffentlicher Mittel eine private Projektstudie finanzieren, die später auch anderswo umsetzbar ist, (wie Chermajeff dies gegenwärtig in Oberhausen praktiziert).

11.
Die politische Begeisterung für das Oceanpark Projekt ist nicht rational begründbar, sondern allein psychologisch erklärbar. Die Politik hat sich darauf eingeschworen, daß am Weserdeich nun sofort etwas - was auch immer - passieren muß. Die Bagger müssen schnellstmöglich anrücken, was immer sie bauen. Die Politiker fühlen sich gegenüber den Bürgern in Zugzwang und möchten nun als erfolgreiche Macher erscheinen, die die vorhandene Lethargie in dieser Stadt endlich aufgebrochen haben. Daß diese subjektiv wohlmeinende stadtpolitische Position zu unverantwortlichen Risiken und unkalkulierbaren Lasten für das Gemeinwesen führt, wird völlig verdrängt. Eine Ablehnung des Oceanparks ist also nach Abwägung der Risiken kein verstandesmäßiges, sondern ein psychologisches Problem. Dies macht den rationalen Diskurs dieses Projektes so unendlich schwierig. Außerdem wurde schon soviel Geld und soviel Hoffnung in dieses Projekt gesteckt, daß viele Politiker, den eventuellen Gesichtsverlust fürchten, der mit dem Scheitern des Vorhabens verbunden wäre.

12.
Die für ein wirtschaftliches Gelingen des Projektes notwendigen Besucherströme werden - verkehrstechnisch gesehen - den privaten Verkehr im Innenstadtbereich zu bestimmten Tageszeiten regelmässig zusammenbrechen lassen. Die neuen notwendigen Parkplätze - beispielsweise auf der wunderschönen Rickmershalbinsel - machen Bremerhaven zum öffentlichen Parkplatz für einen privaten Vergnügungspark. Dies wird zu dauerhaften Spannungen zwischem Bewohnern und Besuchern führen, eine denkbar schlechte Bedingung für das konfliktfreie Zusammenleben zwischen den Bewohnern und Besuchern dieser Stadt.

13.
Der Stadtbereich, den der Oceanpark überbaut, ist die historische Keimzelle der Stadtgründung Bremerhaven, also nicht nur die geografische, sondern auch um die identitätsstiftende und historische Mitte Bremerhavens. Der Bereich am innerstädtischen Deich besitzt für die Bewohner Bremerhavens in ihrem inneren Stadtplan eine ähnliche Bedeutung wie die Binnenalster für die Hamburger oder der Domshof für die Bremer. Das rasche Zuschmeißen der Hafenbecken, um sie anschließend mit einem privaten Vergnügungspark zu überbauen, ignoriert in fataler Weise die Geschichte dieser Stadt und das Lebensgefühl ihrer Bewohner. Diese Hafenbecken wurden in mühevoller Arbeit von Tausenden in Handarbeit errichtet, hier schlug das tätige Herz der Stadt. An diesem Ort verband sich die Geschichte der Stadt mit den Lebensgeschichten ihrer Bürger. Der Oceanpark stellt hingegen ein antiurbanes Konzept dar, das diesen zentralen Ort in Bremerhaven privatisiert.

14.
Der Bau und Betrieb des Oceanparks ist mit beträchtlichen Umweltauswirkungen verbunden. Neben der verkehrlichen Belastung (Schadstoff- und Lärmimmission) kommt es zu einem starken zusätzlichen Energie- und Flächenverbrauch d zu einer Veränderung des Landschaftsbildes (beispielsweise des Deiches). Die umweltpolitischen Verpflichtungen, die Bremerhaven im Rahmen der Agenda 21 und des konkreten Kohlendioxidabbaues eingegangen sind, können mit einem derartigen Projekt nicht erfüllt werden. Die Errichtung des Oceanparks widerspricht jeder nachhaltigen umweltbezogenen Entwicklung Bremerhavens.

15.
Die durch den Oceanpark neu geschaffenen Arbeitsplätze in Bremerhaven stehen, was Anzahl und Qualität betrifft, in keinem Verhältnis zu den gewaltigen öffentlichen Finanzmittel, die hierzu aufgewendet werden: Für 950 Arbeitsplätze werden öffentliche Subventionen in Milliardenhöhe gezahlt. Die dafür notwendige weitere Verschuldung der Staats- und Stadtskassen dürfte teurer sein als die vom Oceanpark ausgezahlten Löhne. Auch stellt sich die Frage nach der Qualität und Dauerhaftigkeit der neuen Arbeitsplätze. Handelt es sich vor allem um gut bezahlte Vollzeitstellen, um minder bezahlte Servicestellen, um 610-Mark-Arbeitsverhältnisse oder um Saisonkräfte? Der sekundäre Arbeitsmarkteffekt, der von dem Oceanpark ausgeht, dürfte ebenfalls recht bescheiden ausfallen, denn anders als Stellen mit multiplikatorischen Wirkungen (beispielsweise im Bereich Forschung und Technologie) oder Stellen im produktiven Gewerbe (Zulieferbetriebe!), ist bei der Beschäftigungsstruktur eines Vergnügungsparks kaum mit Sekundäreffekten für den Arbeitsmarkt zu rechnen.

16.
Beim Oceanpark handelt es sich um eine Jahrhundertentscheidung, die die zukünftige Entwicklung Bremerhavens grundlegender verändern wird, als jede andere städtebauliche Entscheidung. Deshalb kann eine politische Entscheidung für den Oceanpark nur getroffen werden, wenn sie von den Bürgern mehrheitlich getragen wird. Dazu bedarf es eines breiten Diskussion aufgrund einer umfassendenen Informationslage und nicht der vorgesehenen alibihaften Dreitagediskussion Die geheimniskrämerische gutsherrnartigen Stadtentwicklungspolitik, die selektive Information und das Schönreden des Projektes, die personelle Verknüpfung von Oceanparkprojekt und Magistrat (beispielsweise sind Herr Niederquell und Herr Holm gleichzeitig Magistratsmitglieder und Geschäftsführer der Oceanparkentwicklungsgesellschaft!) nährt das Mißtrauen in dieses Projekt und verstärkt die bürgerschaftliche Ablehnung des Oceanparks. Deshalb muß ein Bürgerentscheid ins Auge gefaßt werden, der den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt Gelegenheit gibt, sich zu diesem Vorhaben zu äußern.

17.
Das Entweder-Oder-Projekt Oceanpark ist Ergebnis einer völlig verfehlten Tourismusförderungspolitik in dieser Stadt. Tourismusförderung in dieser Stadt hat sich auf eine vierjährig stattfindende Sail beschränkt und einige im jährlichen Turnus stattfindende dröge Hafenfeste. Tourismusförderung in Bremerhaven arbeitet fast ausschließlich mit einem maritimen Image (und hier vor allem Segelschiffe), hat aber den Facettenreichtum dieser Stadt, die besonderen landschaftlichen Schönheiten ihres Umlandes und das ökologische Potential der Gegend ausgeklammert (wunderschönes Umland, Geestebereich, 50er Jahre Architektur, Werften, Überseehafen, funktionierender Kulturbereich, Parks usw.). Als Ergebnis sind wichtige Tourismusbereiche verkommen (Geestemole, Weserbad usw.). So hat die Tourismusförderung immer auf den ganz großen Wurf, auf das Megaevent vertröstet, das jetzt mit dem Oceanpark, Bremerhaven aus dem Sumpf ziehen soll.
 

Prof. Dr. Jürgen Milchert im Oktober 1997

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