Das Milliardengrab in Bremerhaven


Denkschrift

24 Argumente gegen den Oceanpark


 

1.
Der Oceanpark ist über das engere Konzept hinaus ein - vielleicht auch unbewußtes - Zeichen, wie sich diese Stadt wirtschaftlich-strukturell ihre weitere Entwicklung vorstellt. Während andere Regionen das kulturelle Moment herausstellen (Niederrhein), auf einen Imagewandel durch Grün, Landschaft und Innovation (Ruhrgebiet durch IBA) hoffen, durch den Aufbau eines Wissenschafts- und Forschungsstandortes (Bremen, Oldenburg und viele andere Universitätsstädte) den wirtschaftlichen Wandel beschleunigen möchten, auf die Entwicklung und Anwendung modernster Informations-, Kommunikations- und Produktionsverfahren (Bayern, Baden-Württemberg) hoffen, Handel und Presse (Hamburg) oder hochwertigen landschaftsbetonten Tourismus (Ostseeküste) betonen, erwartet Bremerhaven von der schnellebigen Simulations- und Animationstechnik den Anstoß für eine tiefgreifende wirtschaftliche Umstrukturierung. Bremerhaven setzt damit auf einen privaten Themen- und Vergnügungspark, auf Konzepte, die wie ein Blick in die jüngere Geschichte lehrt, sich oftmals als recht schnellebig erwiesen haben. Die Lunaparks, die vom New Yorker Coney Island ausgingen, gingen schon in den 20er Jahren pleite, das öffentliche sozialdemokratische skandinavische Tivolikonzept ist dort auch schon meistenorts wieder verschwunden. Bremerhaven scheint den Weg der südenglischen Vergnügungsstädte gehen zu wollen, eine Mischung aus Showeffekten, küstenbezogenen Attraktionen und billiger Unterschichtunterhaltung. Mit dieser stadtpolitischen Entscheidung ist angesichts der wirtschaftlichen Spezialisierung der Regionen eine Zukunftsentscheidung für die nächsten Jahrzehnte verbunden, die kaum rückgängig zu machen ist. Dieser Zusammenhang wurde bisher kaum reflektiert.

2.
Beim sogenannten Oceanpark handelt es sich um einen typischen aktuellen Vergnügungspark, der mit der spektakulären Inszenierung der Themen Ozean, Wasser und Tropen, Besucher anlocken will. Sein Konzept, setzt sich aus einzelnen Attraktionsmodulen (wie Blauer Planet, Harbour Village usw.) zusammen. Es ist damit ortsunabhängig und austauschbar, kann also überall gebaut und neu zusammengewürfelt werden. Der Oceanpark setzt sich zusammen aus Simulations- und Animationstechniken kombiniert mit Vergnügungs- und Verkaufstellen. Konsum und Freizeit bilden eine Einheit. Er ist damit eine Kombination aus Disneyland, Las Vegas und Ballermann 6. Mit der konkreten regionalen Situation Bremerhavens als Hafenstadt an der Wesermündung und an der Nordsee hat der Ozeanpark wenig zu tun, er besitzt keinen Ortsbezug. So wird beispielsweise das Vorläuferprojekt "Großaquarium", (nachdem Bremerhaven die Konzeption vorfinanziert hat) unter der Bezeichnung "Ozeanwelt" als ähnliches Konzept nun in Oberhausen realisiert.

3.
Der Oceanpark zerstört den potentiell schönsten Ort Bremerhavens, nämlich die alten Hafenanlagen zwischen Innenstadt und Wesermündung mit ihrem erlebbaren Hochseedeich. Dieses Gebiet, das für das Lebensgefühl der Bremerhavener von entscheidender Bedeutung ist, würde durch den Vergnügungspark den Bürgern entfremdet und enteignet. Der Deichspaziergang, der bisher zum selbsverständlichen Alltagsvergnügen und Alltagsrecht der Bürger gehört, wird dann zum Ausnahmevergnügen, das in einer Art Hinterhof nach einem Hindernislauf nur zwischen allerlei Attraktionsmodulen stattfindet. Zwar wird gegenwärtig noch von der Politik der eintrittsfreie Zugang behauptet, doch scheint mir es selbstverständlich, daß nach der Realisierung des Oceanparks ähnlich wie die Kurtaxe in anderen Städten (beispielsweise in Cuxhaven) Eintritt für den Deichbesuch erhoben wird. Den Mittelpunkt der Stadt, der doch wie eine Art "kollektives bauliches Gedächtnis" das Lebensgefühl der Bürger ausdrücken soll, würde ein privater Vergnügungssupermarkt bilden. Das Image der Stadt würde sich wandeln, von Schiffahrt, Fisch, Nordsee und Werften, hin zu einer Scheinwelt aus Plastik, Glas und Illusion. Das neue "potemkinsche" Image dürfte als negativer Standortfaktor der ökonomische Entwicklung der Stadt langfristig schaden, indem er sie erneut monostrukturiert. Wer möchte schon in einer "Attrappenstadt" leben?

4.
Der geplante Oceanpark weist, was dem notwendigen Wandel unseres gesellschaftlichen Verhältnisses zur Natur betrifft, in die völlig falsche Richtung. Mit einer vorgegaukelten "natürlichen" Scheinwelt aus der Retorte wird eine Alles-Ist-Machbar-Haltung des Menschen gegenüber der Natur suggeriert. Tiere (Fische) werden als schnell auswechselbare Schaustücke genutzt, eine höhere Form der Tierquälerei. Das Konzept steht in krassem Gegensatz zu einem umweltangepaßten sanften Tourismus- und Erlebniskonzept, das gerade für eine Stadt wie Bremerhaven Zukunft hätte. Auch läßt der Oceanpark in seiner Parkprogrammatik jede poetische Annäherung an den Gegenstand "Ozean" vermissen. Videoclipartige austauschbare Erlebnisse ohne konkreten Erfahrungshintergrund und ohne pädagogischen Wert ersetzen authentische Umwelterfahrung. Zieht man den Stecker aus der Scheinwelt, so fällt sie in wenigen Minuten in sich zusammen. Mit dem Oceanpark erhält unsere Region ein außenwirksames Kitschimage, daß einer nachhaltige Tourismusentwicklung auf Dauer schaden wird.

5.
Freizeitparks sind konzeptionell darauf ausgerichtet, daß sie neben dem Anlockthema (für das man Eintritt bezahlt) dazu verführen, möglichst viel Geld innerhalb des Betreibergeländes auszugeben. Ihr Konzept muß also nach innen gerichtet sein. Dies ist auch in den neu vorgestellten Bebaungsplänen spürbar, die nun von einer Art Insellage des Oceanparks ausgehen. Der Oceanpark gleicht in seiner architektonischen Außenwirkung immer mehr einem "Zirkus im Winterlager" wie neulich zu lesen war. Auch deshalb ist es illusorisch, vom Oceanpark eine kaufkraftbezogene Belebung der Innenstadt Bremerhavens zu erwarten. Vielmehr ist das Gegenteil zu befürchten: Der Prozeß der Verflachung des Konsumangebotes (hin zu Filialmärkten, Billigstangeboten und Kitschläden) wird sich fortsetzen. Für die Bremerhavener Bauwirtschaft werden sich aus dem Oceanpark ebenfalls kaum Arbeitsmöglichkeiten ergeben. Projekte dieser Größenordnung werden von internationalen Baukonzernen unter Beteiligung kostengünstiger ausländischer Zuarbeitungsfirmen errichtet.

6.
Der Oceanpark ist Teil des derzeit boomenden Themen- und Vergnügungsparkgeschäftes. Derzeit sind allein in der Bundesrepublik rund 30 dieser Themenparks in Planung oder Bau. Im Unterschied zu den traditionellen Vergnügungsparks, die sich meist aus dem mittelständischen Schaustellergewerbe entwickelten, wird bei den heutigen Themenparks mit großem Kapitaleinsatz auf eine Verknüpfung verschiedenster Konsum-, und Freizeitelemente gesetzt: Modernste Simulations-, und Animationstechnik kommt hier zum Einsatz. Hierin wird von einigen Tourismusforschern ein gutes zukünftiges Geschäft gesehen, andere sehen dies skeptischer, zumal die Besuchszahlen der Freizeitparks im letzten Jahr um rund 1% zurückgegangen sind (nach Opaschewsky). Es darf erwartet werden, das angesichts der zurückgehenden oder stagnierenden Kaufkraft, eines immer mehr virtuell orientierten Freizeitverhaltens, einem touristischen Gegentrend hin zu Authentizität und Ehrlichkeit (sanfter Tourismus) vor allem aber angesichts der zu erwartenden Übersättigung des Marktes (s.o.) zu einem harten Verdrängungswettbewerb zwischen den immer größeren Themenparks kommt, Bremerhaven dürfte hier hier aufgrund seiner Randlage und seiner schwierigen innerstädtischen Situation eher zu den Verlierern gehören. Was lockt die Leute nach Bremerhaven, wenn Chermajeffs "Ozeanwelt" mit einem ähnlichen Angebot in verkehrsgünstiger Lage mitten im Ruhrgebiet (Oberhausen) errichtet wird?

7.
Aufgrund der Randlage Bremerhavens ist eine längerfristige wirtschaftliche Rentierlichkeit des Oceanparks kaum zu erwarten. Vergnügungsparks wurden bisher aus gutem Grund verkehrsgünstig dort gebaut, wo die Leute wohnen. Außerdem scheint sich das Freizeitverhalten zu "enträumlichen", also hin zu virtuellen Raumerlebnissen zu verändern. Die Leute werden ihre Freizeit stärker vor Ort und am Bildschirm verbringen und hoffentlich in ihrem Urlaub authentische Natur- und Sozialerlebnisse suchen. Nach anfänglicher Begeisterung wird das Projekt nach bekannten Vorbildern erodieren, in wirtschaftliche Schieflage geraten, immer unansehnlicher werden, ein oder zwei Jahre von Stadt, Land und Arbeitsamt als Beschäftigungsprojekt gestützt, um anschliessend endgültig zu kollabieren. Allein die ständige aufwendige Festivalisierung des Projektes durch immer neue Attraktionen, Events und Sensationen könnte einen dauerhafteren wirtschaftlichen Betrieb dieses Projektes eventuell ermöglichen. Beispielsweise wurde die erst vor gut einem Jahr eröffnete "Time-Warner-Movie-World" in Bottrop schon wieder für Monate geschlossen, um neue Attraktionsmodule einzurichten. Diese wirtschaftlich vielleicht erfolgreiche Strategie hätte für das Lebensgefühl der Bremerhavener alptraumhafte Wirkungen: Bremerhaven wäre eine Ort - wie beispielsweise Helgoland im Sommer - des immerwährenden Trubels und Rummels, eine Stadt, wo alltägliches Leben für die Bewohner kaum möglich ist.

8.
Durch die städtebauliche und finanzielle Konzentration auf die Innenstadt verschlechtert sich die Lebensqualität vor allem für die Bewohner Lehes, Geestemündes, Leherheides und Wulsdorfs. Dies wäre sozial und städtebaulich eine Katastrophe. Der Verslumungsprozeß, der schon heutzutage vor allem in Teilen Lehes zu beobachten ist, wird sich weiter beschleunigen. Der Leerstand der Geschäftsräume an der Hafen- und Georgstraße und die Verflachung des Warenangebotes (Billigstangebote, Secondhandläden usw.), Entwicklungen die schon heutzutage deutlich sind, werden sich beschleunigen. Hinter der aufgeputzten Fassade der Innenstadt und den leuchtenden Attrappen des Oceanparks würde in den anderen Stadtteilen Armut und Verfall noch deutlicher spürbar. Durch die notwendige kommunale Konzentration auf Mitte, würde das Infrastrukturangebot in Lehe, Geestemünde, Leherheide, Wulsdorf und Weddewarden weiter abgebaut. Der Unterhalt der öffentlichen Grünflächen, Straßen, der Kulturangebote usw. würde sich auf "Mitte" konzentrieren, denn das knappe Geld muß dort ausgegeben werden, wohin man die Gäste locken möchte und nicht dort, wo die Bürger dieser Stadt wohnen. Dies wäre auch für den sozialen Frieden der Stadt schädlich, die Kluft zwischen verarmten und anderen Bevölkerungsschichten würde noch stärker in Erscheinung treten, als sie schon heutzutage zum alltäglichen Stadtbild gehört. Denn: Ein Großteil der Bürger Bremerhavens wird sich den Oceanparkbesuch nicht leisten können, während die besserverdienenden Schichten der weiteren Umgebung mit dem Shuttlesystem über die verarmte Stadt in eine Schweinwelt einschweben werden, was einer gespenstischen sozialen Situation gleichkäme, eine Art "Dritte Welt" mitten in der "Ersten Welt".

9.
Die finanzielle Attraktivität des Oceanparks beruht allein auf den gewaltigen öffentlichen Subventionssummen und den Steuersparmöglichkeiten möglicher Investoren. Nirgendwo in Europa ist in diesem Sinne derzeit mehr Geld zu holen als in Bremerhaven. Nicht Bremerhaven, sondern der prall gefüllte Subventionstopf lockt die Investoren. Ist das Projekt nach wenigen Jahren für die Investoren finanztechnisch und steuerlich abgeschrieben, so dürfte ihr Interesse schnell erlahmen. Mit diesem Projekt läßt sich leider auch gutes Geld verdienen, wenn es scheitert. Bremerhaven, das für dieses Projekt sein gesamtes "Tafelsilber" verkauft hat, wird mit dem Oceanpark für viele Jahre seine Fördermittel an ein einziges Großprojekt binden, d.h. kleinere Projekte zum Erhalt der Lebensqualität in dieser Stadt und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze wären praktisch unfinanzierbar. Bremerhaven setzt seine Zukunft auf eine einzige ungewisse Karte. Diese Glücksspielermentalität von Politik und Magistrat ist unverantwortlich.

10.
Das Oceanparkkonzept behindert eine allmähliche städtebauliche und wirtschaftliche Entwicklung des Gebietes am alten und neuen Hafen und damit auch eine gesunde marktwirtschaftliche Entwicklung der Innenstadt. Der Oceanpark dominiert alle anderen wirtschaftlichen und freizeitbezogenen Aktivitäten in diesem Gebiet (Zooausbau, Schiffahrtsmuseum usw.) und degradiert sie zu Randerscheinungen. Dieses Großprojekt ist, einmal errichtet, nicht veränderungs- oder irrtumsfähig, allerdings erweiterungsbedürftig. Weitere Entwicklungen des Oceanparks, die für das Projekt immanent notwendig sind werden das bauliche Korsett des Bereiches noch enger schnallen, so daß beispielsweise auch keine weitere wissenschaftliche und bauliche Entwicklung des AWI oder des Schiffahrtsmuseums baulich darstellbar ist. Der Oceanpark ist ein gigantomanisches Projekt, das entweder klappt oder scheitert. Ein Fehler im Konzept oder eine Fehleinschätzung der Bedarfslage würde zu seinem völligen wirtschaftlichen Scheitern und damit zum Zukunftsverlust für Bremerhaven führen.

11.
Es muß befürchtet werden, daß der Oceanpark gegen starke Bürgerbedenken in einem politischen und verwaltungsmäßigen Kraftakt sondergleichen schnellstmöglich durch- und umgesetzt wird. Es wird also für die Bürger darauf ankommen, peinlich darauf zu achten, daß sie ihre gesetzlichen Einspruch- und Mitwirkungsmöglichkeiten (im Rahmen der Bauleitplanung, der wasserrechtlichen Genehmigung, der Umweltverträglichkeitspüfung, des Naturschutzrechtes usw.) nutzen. Bürgerbeteiligungsrechte und Fristen müssen notfalls vor Gericht eingeklagt und durchgesetzt werden. Hierbei kommt den Bewohnern des Columbuscenters eine entscheidende Rolle zu, die aufgrund der gewaltigen neuen baulichen Körper bis in den 13 Stock hinein, ihre Aussicht auf die Unterweser verlieren. Da dieses Projekt mit sehr heißer Nadel gestrickt wird, könnte ein Normenkontrollverfahren, die Rechtmäßigkeit der Verfahrensschritte prüfen. Eine Fertigstellung des Projektes bis zur Jahrtausendwende ist daher illusorisch. Das Durchpeitschen des Projektes würde die Politik- und Parteienverdrossenheit in dieser Stadt weiter vergrößern.

12.
Die bisherige Verhandlungstaktik, soweit sie aufgrund der Geheimhaltungspolitik der Verantwortlichen überhaupt erkennbar ist, ist dilletantisch. Nicht als nüchterner Geschäftspartner trat man dem Entwickler gegenüber, sondern verklärt ihn - nach Grothe und Chermajeff nun Köllmann - als eine Art Heilsbringer, als personifizierte letzte Hoffnung dieser Stadt. Damit hat man sich in völlige Abhängigkeit von den Projektoren und potentiellen Investoren begeben, die selbstverständlich andere primäre Interesse haben, als Bremerhaven wirtschaftlich zu entwickeln. Als kühl rechnende Investoren werden sie diese einmalige Chance nutzen, was schon jetzt daran erkennbar ist, daß Stadt und Land mit vielen Millionen öffentlicher Mittel eine private Projektstudie finanzieren, die später auch anderswo umsetzbar ist, (wie Chermajeff dies gegenwärtig in Oberhausen übrigens unter Zuhilfenahme des selben Planungsbüros praktiziert).

13.
Die politische Begeisterung für das Oceanpark Projekt ist nicht rational begründbar, sondern allein psychologisch erklärbar. Die Politik hat sich darauf eingeschworen, daß am Weserdeich nun sofort etwas - was auch immer - passieren muß. Die Bagger müssen schnellstmöglich anrücken, was immer sie bauen. Die Politiker fühlen sich gegenüber den Bürgern in Zugzwang und möchten nun endlich als erfolgreiche Macher erscheinen, die die vorhandene Lethargie in dieser Stadt endlich aufgebrochen haben. Daß diese subjektiv wohlmeinende stadtpolitische Position zu unverantwortlichen Risiken und unkalkulierbaren Lasten für das Gemeinwesen führt, wird völlig verdrängt. Eine Ablehnung des Oceanparks ist also nach Abwägung der Risiken kein verstandesmäßiges, sondern ein psychologisches Problem. Dies macht den rationalen Diskurs dieses Projektes so unendlich schwierig. Außerdem wurde schon soviel Geld, soviel Hoffnung und soviel persönliches Prestige in dieses Projekt gesteckt, daß viele Politiker, den eventuellen Gesichtsverlust fürchten, der mit dem Scheitern des Vorhabens verbunden wäre.Leider wäre es nicht das erste Mal, daß ein Projekt vor allem aus politischen Prestigedenken und nicht aus nüchternem Kalkül errichtet wird. Angesichts der verzweifelten Situation der Stadt kann der Oceanpark Bremerhaven allerdings in den völligen wirtschaftlichen Ruin führen.

14.
Die für ein wirtschaftliches Gelingen des Projektes notwendigen Besucherströme werden - verkehrstechnisch gesehen - den privaten Verkehr im Innenstadtbereich zu bestimmten Tageszeiten regelmässig zusammenbrechen lassen. Die neuen notwendigen Parkplätze - beispielsweise auf der wunderschönen Geestehalbinsel - machen Bremerhaven zum öffentlichen Parkplatz für einen privaten Vergnügungspark. Das vorgestellte Shuttlekonzept - das in den Köllmannplanungen übrigens mit keinem Wort vorgesehen ist - wäre städtebaulich und verkehrstechnisch ja nur realistisch, wenn damit gleichzeitig eine autofreie Innenstadt verbunden wäre (die ja dieselben Interessensgruppen, die hinter der Oceanpark stehen, vehement ablehnen!). Deshalb ist das Shuttleprojekt nicht mehr als ein ökologisches Feigenblatt zur Beschwichtigung der Bürger, das bald in den Schubladen verschwinden wird. Es wird also zu dauerhaften Spannungen zwischem Bewohnern und Besuchern kommen, eine denkbar schlechte Bedingung für das konfliktfreie Zusammenleben zwischen den Bewohnern und Besuchern dieser Stadt, eine schlechte Situation aber auch für die Oceanparkbetreiber, die für ihr Konzept eine breitestmögliche Akzeptanz benötigen.

15.
Der Stadtbereich, den der Oceanpark überbaut, ist die historische Keimzelle der Stadtgründung Bremerhaven, also nicht nur die geografische, sondern auch die identitätsstiftende und historische Mitte der Stadt. Der Bereich am innerstädtischen Deich besitzt für die Bewohner Bremerhavens in ihrem inneren Stadtplan eine ähnliche Bedeutung wie die Binnenalster für die Hamburger oder der Domshof für die Bremer. Das rasche Zuschmeissen der Hafenbecken, um sie anschließend mit einem privaten Vergnügungspark zu überbauen, ignoriert in fataler Weise die Geschichte dieser Stadt und das Lebensgefühl ihrer Bewohner. Diese Hafenbecken wurden von Tausenden in mühevoller Handarbeit errichtet, hier schlug das tätige Herz der Stadt. An diesem Ort verband sich die Geschichte der Stadt mit den Lebensgeschichten ihrer Bürger. Der Oceanpark stellt hingegen ein antiurbanes Konzept dar, das diesen zentralen Ort in Bremerhaven privatisiert. Absurd wird die Planung des Oceanparks auch dort, wo sie im Bereich des kleinen geplanten Parks den Deich binnenwärts ins Wasser stellt. Vielleicht ist ist dies ja wasserbautechnisch noch lösbar. Der Mentalität der Menschen für die der Deich seit 800 Jahren Sturmflutbauwerk und Identifikationsobjekt ist, steht dieser Planungsgag diametral entgegen.

16.
Der Bau und Betrieb des Oceanparks ist mit beträchtlichen Umweltauswirkungen verbunden. Neben der verkehrlichen Belastung (Schadstoff- und Lärmimmission) kommt es zu einem starken zusätzlichen Energie- und Flächenverbrauch und zu einer Veränderung des Landschaftsbildes (beispielsweise des Deiches). Die umweltpolitischen Verpflichtungen, die Bremerhaven im Rahmen der Agenda 21 und des konkreten Kohlendioxidabbaues eingegangen sind, können mit einem derartigen Projekt nicht erfüllt werden. Die Errichtung des Oceanparks widerspricht jeder nachhaltigen umweltbezogenen Entwicklung Bremerhavens und paßt nicht in die umweltpolitische Landschaft der Gegenwart. Allein die zu erwartenden spürbaren Benzinpreiserhöhungen würde den Oceanpark ins Mark treffen, weil sich damit die Anreisekosten vervielfachen.

17.
Die durch den Oceanpark neu geschaffenen Arbeitsplätze in Bremerhaven stehen, was Anzahl und Qualität betrifft, in keinem Verhältnis zu den gewaltigen öffentlichen Finanzmittel, die hierzu aufgewendet werden: Für die nun gehandelten 640 Arbeitsplätze werden öffentliche Subventionen in Milliardenhöhe gezahlt. Die dafür notwendige weitere Verschuldung der Staats- und Stadtskassen dürfte teurer sein als die vom Oceanpark ausgezahlten Löhne. Auch stellt sich die Frage nach der Qualität und Dauerhaftigkeit der neuen Arbeitsplätze. Handelt es sich vor allem um gut bezahlte Vollzeitstellen, um minder bezahlte Servicestellen, um 610-Mark-Arbeitsverhältnisse, um Scheinselbständige oder um Saisonkräfte? Der sekundäre Arbeitsmarkteffekt, der von dem Oceanpark ausgeht, dürfte ebenfalls recht bescheiden ausfallen, denn anders als Stellen mit multiplikatorischen Wirkungen (beispielsweise im Bereich Forschung, Technologie und Verwaltung) oder Stellen im produktiven Gewerbe (Zulieferbetriebe!), ist bei der Beschäftigungsstruktur eines Vergnügungsparks kaum mit Sekundäreffekten für den Arbeitsmarkt zu rechnen. Außerdem ist geplant, die besserverdienende Managementebene (im Zusammenhang mit dem Spacepark) in Bremen anzusiedeln, so daß Bremerhaven einmal mehr - was hochwertige Arbeitsplätze betrifft - leer ausgeht.

18.
Beim Oceanpark handelt es sich um eine Jahrhundertentscheidung, die die zukünftige Entwicklung Bremerhavens grundlegender verändern wird, als jede andere städtebauliche Entscheidung oder jeder andere politischer Beschluß. Deshalb kann eine politische Zustimmung Oceanpark nur getroffen werden, wenn sie von den Bürgern mehrheitlich getragen wird. Dazu bedarf es einer breiten Diskussion aufgrund einer umfassendenen Informationslage und nicht der vorgesehenen alibihaften "Dreitagediskussion". Die geheimniskrämerische gutsherrnartigen Stadtentwicklungspolitik, die selektive Information und das Schönreden des Projektes, die personelle Verknüpfung von Oceanparkprojekt und Magistrat (beispielsweise war Herr Holm gleichzeitig Stadtbaurat und Geschäftsführer der Oceanparkentwicklungsgesellschaft!), die seltsame lobpreisende Semantik in den Verlautbarungen der Oceanparkentwicklungsgesellschaft nährt das Mißtrauen in dieses Projekt und verstärkt die bürgerschaftliche Ablehnung des Oceanparks. Unter demokratischen Gesichtspunkten sehr bedenklich ist auch die enge Kooperation zwischen den Fraktionsvorsitzenden und dem möglichen Investor. So finden in kurzen regelmäßigen Abständen vertrauliche Gespräche zwischen den Fraktionsvorsitzenden und Herrn Köllmann statt, ein stadtpolitisch einmaliger Vorgang, der ein bezeichnendes Licht auf das demokratische Selbstverständnis der Bremerhavener Politik wirft. Auch deshalb wird ein Bürgerentscheid notwendig, der den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt Gelegenheit gibt, sich zu diesem Vorhaben zu äußern. Guter demokratische Stil der Parteien wäre es, dieses Vorhaben ebenfalls zu unterstützen, um eine Beteiligung der Bürger an dieser Jahrhundertentscheidung zu ermöglichen, die ihr Alltagsleben und Lebensgefühl stark verändern wird.

19.
Das Entweder-Oder-Projekt Oceanpark ist Ergebnis einer völlig verfehlten Tourismusförderungspolitik in Bremerhaven. Tourismusförderung in dieser Stadt hat sich auf eine im vierjährigen Turnus veranstaltete Sail beschränkt und einige im jährlichen Rythmus stattfindende dröge Hafenfeste. Tourismusförderung in Bremerhaven arbeitet fast ausschließlich mit dem maritimen Image (und hier vor allem das der Segelschiffe), hat aber den Facettenreichtum dieser Stadt, die besonderen landschaftlichen Schönheiten ihres Umlandes und das ökologische Potential der Gegend bisher ausgeklammert (wunderschönes Umland, Geestebereich, 50er Jahre Architektur, Werften, Überseehafen, funktionierender Kulturbereich, Parks usw.). Als Ergebnis sind wichtige Tourismusbereiche verkommen (Geestemole, Weserbad usw.). So mußte die Tourismusförderung immer auf den ganz großen Wurf, auf das Megaevent vertrösten, das jetzt mit dem Oceanpark, Bremerhaven aus dem Sumpf ziehen soll. Phantasielosigkeit und Großmannssucht ersetzt hier zukunftsweisende Strategie und Alternativen aufzeigende Planung.

20.
Das Oceanparkprojekt polarisiert und spaltet die Bremerhavener Bevölkerung. Dort wo angesichts der schlimmen wirtschaftlichen, stukturellen und arbeitsmarktpolitische Situation eigentlich breitester Konsens, Kompromiß und Kooperation gefragt ist, findet eine unsinnige Lagereinteilung statt. Große Teile der Politik, des Magistrates und der Presse handeln in einer wesentlichen Frage der Bremerhavener Zukunft in einer dumpfen Schützengrabenmentalität. Dort wo Neutralität, Sachlichkeit und vorsichtiges Abwägen gefragt ist, steigert man sich in terminlichen und ideologischen Aktionismus und Augen-Zu-Und-Durch-Handeln. Insbesondere die reale Furcht vor Arbeitslosigkeit wird geschürt und die minimale und überteuerte arbeitsmarktpolitische Wirkung des Oceanparks wird als Totschlagargument gegen eine rationale Kosten/Nutzen/Abwägung verwandt. Eine unrühmliche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Nordseezeitung, die das Projekt herbeischreiben möchte, Gegner, Skeptiker, Kritiker kaum zu Wort kommen läßt und damit ihre Neutralitätspflicht verletzt.

21.
Die Öffentlichkeitspolitik der Oceanparkbetreiber aus Magistrat, Wirtschaft und Politik genügt nicht dem Inforamtionsinteresse der Bevölkerung. Vielmehr wird hier im Interesse einer parteilichen Öffentlichkeitspolitik mit Erwartungen, Behauptungen und Halbwahrheiten gearbeit. Die harten Fakten des Oceanparkprojektes kommen erst allmählich ans Licht der Öffentlichkeit. So war vor zwei Jahren die Rede von 2000 Arbeitsplätzen, im letzten Jahr reduzierte sich der arbeitsmarktpolitische Effekt auf 1050 Arbeitsplätze, dann auf 800 (davon 300 Teilzeitstellen) und inzwischen werden 640 Arbeitsplätze öffentlich gehandelt. Während sich die Arbeitsplatzerwartungen stetig nach unten korrigieren, werden die Attraktionsmodule immer mickriger und biederer. Die Ergebnisse der Designphase 2 bedeuten gegenüber der Designphase 1 viele grundlegende Verschlechterungen für die Bremerhavener Bevölkerung: beispielsweise wurde die städtbaulich sinnvolle Überbauung der Columbusstraße ebenso gestrichen wie ein allen zugängliches Tropikum. Eigentlich beschränkt sich die überregionale Attraktivität des Oceanparks nunmehr lediglich auf den Teil des sogenannten Blauen Planeten, der ein Grpßaquarium von rund 6500 qm Fläche beihaltet. Ob eine derartige schmale Attraktion, die beispielsweise auch in Oberhausen zu sehen ist, ausreicht, um Riesenbesucherströme kontinuierlich nach Bremerhaven zu lenken muß bezweifelt werden. Andererseits werden die Kosten der öffentlichen Hand immer größer und der von den Kritikern befürchtete Milliardenbetrag ist auch in den Betreiberverlautbarungen fast erreicht.

22.
Völlig undiskutiert bleiben die konkreten verkehrstechnischen und wirtschaftlichen Auswirkungen des zweijährigen intensiven Baubetriebes. Weit mehr als 1 Milliarde Mark soll in der Innenstadt Bremerhavens innerhalb von knapp 2 Jahren verbaut werden. Dies macht die Innenstadt zur jahrelangen Großbaustelle, wird vielen dortigen Fachgeschäften den wirtschaftlichen Garaus machen und zu enormen Beeinträchtigungen des städtischen Lebens führen.

23.
Was seine kulturell-gesellschaftliche Dimension betrifft, handelt es sich beim Oceanpark um ein Projekt, das eine völlig neuartige Dienstleistungsmentalität aufgrund neuartigem Konsumverhaltens bedeutet. Die räumliche Trennung von Tourismus, Konsum, Naturerlebnis und Vergnügungsbereich wird zugunsten einer Freizeit- und Konsummaschine aufgegeben, die all diese Bereiche zusammenfaßt und an einem Ort verbindet. Im Oceanpark kann und soll nicht mehr zwischen Einkauf, Freizeit, Urlaub und Vergnügen zwischen Simulation und Realität zwischen Wunsch und Wirklichkeit unterschieden werden: Freizeitverhalten wird zum Einkaufsverhalten, Einkaufen soll Spaß machen, Urlaub wird zum Konsum und die Grenzen von Haben und Sein verschwinden. Dies ist eine Herausforderung insbesondere für die tradtionelle Bremerhavener Geschäftswelt, die mit dem Oceanpark einen übermächtigen Konkurrenten erhält. Deshalb ist mit Begeisterung der Bremerhavener Geschäftswelt für den Oceanpark ein Stück Todessehnsucht verbunden. Der Bremerhaverner Geschäftswelt verbleibt nur, sich ebenfalls in dem neuen Stadtteil "Oceanpark" anzusiedeln oder allein für den Binnenbedarf Bremerhavens zu verkaufen. Es ist aber auch eine Herausforderung an das Lebensgefühl und damit an die kulturelle Identität der Bremerhavener. Das individuelle und kollektive Lebensziel des Menschen bedeutet in der Philosophie derartiger Projekte Konsum: Haben ersetzt Sein. Alles hat sich diesem Leitmotiv unterzuordnen. Daß sich damit auch traditionelle soziale Normen und Werte hin zu einer allein ökonomistischen Weltsicht verändern muß befürchtet werden. Das bürgerschaftliche Zusammenleben wird hektischer, härter, oberflächlicher und unsozialer. Auch deshalb muß der Oceanpark verhindert werden!

24.
Die konkrete Vorstellung des Oceanparkprojektes im Rahmen der sogenannten "Designphase 2"  verstärkt den Eindruck, daß es der Köllmanngruppe vor allem um die Entwicklung eines ortsunabhängigen Parkkonzeptes ging, das schwerpunktmäßig von der öffentlichen Hand bezahlt wurde. Die halbherzige Art der Präsentation - die uns 400 000 DM kostete -, das biedere Design der Modelle, Pläne und Zeichnungen, die eher antiquierte Form der Darstellung, die gute Auswechselbarkeit- und Neuverwendungsmöglichkeit der Ausstellungsmodule, die Selbstdarstellung der Köllmanngruppe, dies alles macht deutlich, daß sich die Köllmann AG gedanklich bereits vom Bremerhavener Projekt verabschiedet hat und man nun auf eine gute Gelegenheit des Ausstiegs wartet. Auch das weiterhin offene Finanzierungskonzept bei steigendem öffentlichen und sinkendem privaten Anteil und die definitive Einbindung von Stadt und Land in das betriebswirtschaftliche Betreiberrisiko über den sogenannten "Garantiefond" deuten auf einen baldigen Ausstieg von Köllmann hin. Dies führt dann zu einer traurigen und spannenden stadtentwicklspolitischen Diskussion: Da man seit nunmehr fast 4 Jahren alles auf den Oceanpark gesetzt hat, fehlen nun die ausformulierten städtebaulichen Alternativen! Für welche Projekte sollen denn nun die Mittel des Investitionssonderprogrammes (250 Millionen) ausgegeben werden? Durch die Konzentration auf das wahnwitzige Oceanparkprojekt haben wir wertvolle Jahre verloren, die besser zur Entwicklung einer sozial-, stadt- und wirtschaftsverträglichen Zukunftsstrategie für Bremerhaven genutzt worden wären.
 

Prof. Dr. Jürgen Milchert, im Dezember 1997


 

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