Das Milliardengrab in Bremerhaven


Eine Scheinwelt wird Mittelpunkt Bremerhavens


 

Leserbrief I Sonntagsjournal vom 7.4.1997

In einer konzertierten Jubelaktion aus Politik, Magistrat und Nordseezeitung wird den Bremerhavener der sogenannte "Oceanparc" als einzig möglicher Rettungsanker für die Stadt verordnet. Merkwürdigerweise wird der "Oceanparc" dabei nicht als  e i n e nüchtern abzuwägende Alternative für die Innenstadt, sondern als d i e  neue Heilserwartung für die Stadt verkauft. Dieser Irrationalismus führt, wie Herr Dr. Ernst jüngst im Sonntagsjournal ausführte, dazu, daß der Magistrat gegenüber den möglichen Investoren eine ganz miserable Verhandlungsposition besitzt, wird durch der Glaube verbreitet, der "Oceanparc" sei Bremerhavens letzte Chance. Damit haben sich die Stadtoberen in eine schlimme Verhandlungsposition manövriert, die uns allen noch teuer zu stehen kommen wird. Wir müssen nun unseren Politikern Brücken bauen, damit sie wieder "Nein" sagen können:

1. Was bedeutet es für die Kultur einer Stadt, für das Selbstverständnis und Lebensgefühl seiner Bürger, wenn der Mittelpunkt dieser Stadt zukünftig aus einer inszenierten Scheinwelt besteht? Sollte es zum "Oceanparc" kommen, so würde diese disney-hafte Inszenierung aus Träumen, Plastik, Glas und Glitzer zum stadträumlichen wie kulturellen Mittelpunkt unserer Stadt. Es wäre das gleiche, als wenn man den für unsere Nachbarstadt geplanten "Weltraumpark" in Bremen auf dem Domshof errichten würde. Früher bildeten Marktplätze oder Kirchen den räumlichen wie sozialen Mittelpunkt einer Stadt und sie drückten damit das Fundament ihrer Bürger aus. Wie entwickelt sich das Selbstverständnis der Bürger, wenn eine Schweinwelt zum räumlichen, kulturellen wie wirtschaftlichen Mittelpunkt wird? Liegt nicht auch eine Art Selbstaufgabe Bremerhavens darin, wenn man sich zu einer Scheinwelt als wirtschaftliches Fundament bekennt?

2. Nach den Planungen soll der "Oceanparc" 1050 Millionen DM kosten, wobei rund zwei Drittel von der öffentlichen Hand, also von uns Steuerzahlern, bezahlt werden soll. Dabei wird uns von den Planern immer noch nicht reiner Wein eingeschenkt, denn beträchtliche zusätzliche Kosten für die Stadt werden fahrlässig verschwiegen. Was ist denn mit den Kosten für die Wiedererrichtung der alten Schleuse (etwa 70 - 80 Millionen DM), wer bezahlt die vielen Brücken im Vergnügungsparkgelände (ca. 40 Millionen) und woraus will man die heute schon erkennbare Bodenkontamination (vgl. das ähnlich gelagerte Gelände an der Barkhausenstraße) bezahlen? Zu den rund 650 Millionen kommen also, vorsichtig gerechnet, noch rund 150 Millionen für die Bürger dieser Stadt hinzu. Sollte ein gebauter "Oceanparc" wirtschaftlich scheitern, so wäre damit der finanzielle Ruin Bremerhavens verbunden.

3. Die abenteuerliche Politik des "Alles-auf-eine-Karte-Setzens" bedeutet stadträumlich, sich in den nächsten Jahrzehnten allein auf die Mitte Bremerhavens zu konzentrieren. Aber was wird aus den anderen Stadtbezirken der polyzentrischen Stadt Bremerhaven, was aus Lehe, Geestemünde, Leherheide und Wulsdorf? Droht in diesen Stadtteilen auf Kosten des Herausputzens der Innenstadt nicht ein deutlicher Rückgang der Lebensqualität? Wie werden dort die Straßen, Grünflächen, Sportanlagen und Sozialeinrichtungen aussehen, wenn das gesamte ohnehin knappe Geld in die Innenstadt fließt? Welche Partei sagt den Bürgern hier endlich die Wahrheit?

4. Völlig undiskutiert ist bisher die Umweltverträglichkeit des "Oceanparcs". Was bedeutet es, wenn täglich rund 7000 bis 10000 Besucherautos zusätzlich nach Bremerhaven fahren. Welche Lärm- und Abgasauswirkungen hat dies für die Umwelt und die Bürger Bremerhavens? Bei einem durchschnittlichen Anmarschweg von 200 Kilometern verbraucht ein Auto für den Hin- und Rückweg rund 30 Liter Benzin, also muß unsere Umwelt durch den "Oceanparc" täglich rund 200.000 bis 300.000 Liter verbrannten Benzins zusätzlich verkraften. Wieviel Kilowatt elektrischen Strom verbraucht die vollklimatisierte Scheinwelt denn täglich? Ist die eingesetzte Technik alterungsfähig? Wann ist sie abgenutzt und wann muß sie saniert werden? All das sind Fragen, die man sich stellen muß, bevor man eine derart gravierende Investitionsentscheidung trifft.

Mein Fazit: Wir sollten das gigantomanische Projekt "Oceanparc" dankend ablehnen und uns stattdessen auf die realen Möglichkeiten der Stadt und des Geländes besinnen, d.h. eine schrittweise und vorsichtige Entwicklung des Geländes betreiben, den Zoo ausbauen, die alte Schleuse wiedererrichten, vielleicht eine Marina entstehen lassen, durch Parks und Spielanlagen die Qualität des Geländes verbessern ... Eine schrittweise Entwicklung des Geländes ist einer dahingeklotzten Bebauung vorzuziehen, die alles auf eine Karte setzt.

Prof. Dr. Jürgen Milchert, Bremerhaven

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