Das Milliardengrab in Bremerhaven


Ozeanpark - Nein Danke


 

Leserbrief II (Sonntagsjournal) vom 29.6.1997

Wir befinden uns in einer gespenstigen stadtpolitischen Situation. Obwohl der Ozeanpark das Lebensgefühl der Bremerhavener grundlegender verändern wird als jedes andere Bauprojekt, gibt es parteipolitisch und stadtentwicklungspolitisch keine breite Diskussion um seine Sinnhaftigkeit und Stadtverträglichkeit. Andernorts werden derartige Freizeitparks mit gutem Grund außerhalb der Städte an Autobahnen gebaut, in Bremerhaven soll der Ozeanpark eine Innenstadt beleben, indem er das schönste Stück Bremerhaven (Alter und Neuer Hafen) auf Jahrzehnte "besetzt" und verunstaltet.

Schaut man sich die Bremerhavener Parteienlandschaft an, so geht es, moderiert von einem blaugelben Oberbürgermeister, von Schwarz, über Rot bis Grün jedoch nur noch um die schnellstmögliche Aufbringung der finanziellen Subventionen zur Realisierung des Ozeanparks und nicht um seine grundsätzliche Sinnhaftigkeit: Daß etwas passiert ist wichtiger, als das, was passiert. Während in der Parteienlandschaft Sprachlosigkeit, Aktionismus und verordneter Durchhaltewillen herrscht, umgeben sich die Verwaltungsspitzen, allen voran der öffentlichkeitsscheue Stadtbaurat Holm, mit der Aura des geheimnisvollen Schweigens. Stadtentwicklungspolitik wird hier betrieben, wie zu Zeiten des alten Fritz. Kritische Bürger werden als "Bedenkenträger" tituliert, was angesichts der vielen gemachten Fehler in der Stadtentwicklung eigentlich größtes Lob bedeutet.

Soviel steht immerhin fest: Die nun genannten finanziellen Größenordnungen für den Ozeanpak summieren sich auf mindestens 1,5 Milliarden DM, wobei die öffentliche Hand rund 1 Milliarde aufbringen soll. Demgegenüber stehen knapp 950 neue Arbeitsplätze, also gut 1,5 Millionen DM pro neuen Arbeitsplatz. Dagegen stellte sich die subventionierte Werftindustrie geradezu als Renditehit mit Zukunftsvision dar! Erstaunlicherweise sehen viele Politiker dies im persönlichen Gespräch ähnlich, verhalten sich jedoch öffentlich als Befürworter des Projektes. Wir müssen unsere Politiker also kaum inhaltlich von der Unsinnigkeit dieses Projektes überzeugen, sondern ihnen auf psychologischer Ebene vermitteln, daß wir ihnen nicht böse sind, wenn sie diese "einmalige Chance" der Stadtentwicklung selbstbewußt ablehnen.

Gleichzeitig wird von Politik und Presse eine Art "Endzeitstimmung" verbreitet: Ohne den Ozeanpark würde sich über Jahrzehnte kein Investor mehr über die Stadtgrenze trauen, niemals würden neue Arbeitsplätze entstehen und Bremerhaven würde zu einer sterbenden Stadt. Mit dieser Schwarzseherei, die sowohl jeglicher geschichtlicher Erfahrung wie heutiger Schnellebigkeit widerspricht, schaden die Stadtoberen dem Image ihrer Stadt. Eine Stadt, die für sich nur noch als Scheinwelt Zukunftschancen sieht, hat sich bereits aufgegeben! Auch tourismuspolitisch scheint mir keine Zukunft darin zu liegen, Scheinwelten zu konstruieren, die Erlebnisse ohne Erfahrungen vermarkten. Dem politischen Szenarium aus verordnetetem Jubel und geheimnisvollem Schweigen steht eine noch schweigende Bevölkerung gegenüber, die in ihrer Mehrheit das Projekt ablehnt, weil sie die gewaltigen Risiken des Ozeanparks spürt. Mit wem man sich auch unter vier Augen unterhält, ob mit Ärzten, Baubeamten, Einzelhändlern oder Werftarbeitern, fast alle haben Zweifel an einem Projekt, das diese liebenswerte Stadt zu einem Parkplatz für ein kitschiges Disneyland macht.

Da die Politik aufgrund der skizzierten psychologischen Umstände zu versagen scheint, bleibt uns Bürgern nur noch die Möglichkeit, den Ozeanpark durch öffentlichen Druck, also durch Bürgerinitiative zu verhindern. Ein Projekt derartiger Tragweite erfordert eine breite Bürgerzustimmung. Die Verfassungen des Landes und der Stadt sehen hierfür Bürgerbefragungen vor. Es wird Zeit, unseren Politikern deutlich zu machen, daß wir den Ozeanpark nicht wollen und wir von ihnen erwarten, dieses Projekt im Interesse der Stadt abzulehnen. Vielleicht liegt in der mutigen und selbstbewußten Ablehnung dieses Projektes psychologisch  d i e  große Zukunftschance für diese Stadt und ihre Bewohner, indem es bei uns neues Selbstbewußtsein mobilisiert. Bisher hat man immer auf den reichen Onkel aus Amerika, aus dem Hessischen oder auf die Landesherren nach Bremen geschaut. Nun sollten wir uns auf unsere eigene Kraft besinnen, es endlich selbst in die Hand nehmen, dieses schönste Stück Bremerhaven nach unseren Bedürfnissen zu entwickeln. Eine Stadt die uns gefällt, ist auch für unsere Besucher interessant!

Prof. Dr. Jürgen Milchert, Bremerhaven

Copyright © 1997-1998
Jürgen Milchert
and
Copyright © 1998
Antares Real-Estate