Das Milliardengrab in Bremerhaven


Bürgerentscheid zum Oceanpark notwendig


 

Leserbrief III (Sonntagsjournal) vom 10.1.1998

Zwischen Stadtpolitikern und Bürgern gibt es deutliche Unterschiede in der Einschätzung des Oceanparks: Obwohl politisch bejubelt, steht die Mehrheit der Bevölkerung ihm skeptisch oder ablehnend gegenüber. Betrachten wir deshalb einmal die drei möglichen Szenarien, die sich aus diesem Projekt für unsere Stadt ergeben:

A.  Der Ozeanpark hat wirtschaftlichen Erfolg:
Folge wäre ein großer touristischer Zulauf auf das Parkareal und ein Imagewandel der Stadt. Das hohe jährliche Besucheraufkommen würde die kulturellen und wirtschaftlichen Grundlagen entscheidend verändern. Bremerhaven wäre Disneyhaven, eine touristische Scheinwelt aus Plastik, Illusion, Animation, voll mit Autos und permanentem Rummel, eine Mischung aus Disneyland, Centerparc und Ballermann 6. Die Arbeits- und Geschäftsstruktur würde sich den Bedürfnissen der Freizeitfabrik unterordnen: mehr Konsumkitsch, mehr Fast-Food-Läden und mehr Handelsketten. Die Erwerbsmöglichkeiten orientieren sich an den schnellebigen Ansprüchen des Oceanparks: also Saisonkräfte, Aushilfsstellen, Scheinselbständige und 610 DM-Jobs. Unsere Lebensqualität, vor allem in Lehe und Geestemünde, verschlechtert sich, weil die Stadt ihre Mittel auf das ständige Herausputzen der neuen "Mitte" konzentrieren muß: Immer neue Attraktionsmodule müssen her, um die Besucherzahlen zu halten.

B.  Der Oceanpark scheitert:
Die wirtschaftlichen Annahmen der Oceanparkbetreiber und der Politiker erweisen sich als falsch. Der Oceanpark erzielt nach anfänglicher Euphorie weniger Besucherzahlen als erhofft: die Betreibergesellschaft geht in Konkurs. Der Oceanpark wird vor dem endgültigen Aus noch einige Monate lang mit reduziertem Aufwand und durch Zuwendungen des Arbeitsamtes, der Stadt und des Landes als Beschäftigungsprojekt weitergeführt. Korallenriff und Mangrovensumpf werden zur fotogenen Ruinenlandschaft. Bremerhaven ist das Armenhaus der Republik. Die depressive Stimmung in der Stadt verstärkt sich. Öffentliche Gelder sind kaum mehr vorhanden, denn das letzte Tafelsilber wurde für das private Projekt verkauft, die Unterstützung der hochverschuldeten Stadt durch Land und Bund beschränkt sich auf die Zuweisung von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld. Bremerhaven ist das bundesweit bespöttelte Beispiel verfehlter Stadtentwicklungspolitik aus Großmannssucht und Spielermentalität, das Schilda der Nation!

C.  Der Oceanpark wird verhindert.
In einem Bürgerentscheid spricht sich die Mehrheit gegen das wahnwitzige Projekt aus. Das ökologische, finanzielle und image-mäßige Debakel der Stadt wird verhindert. Das neue bürgerschaftliche Selbstbewußtsein führt zu einer politischen Aufbruchstimmung: Endlich besinnt man sich auf die eigene Kraft und die realistischen Möglichkeiten, ohne auf den neuen Heilsbringer von Draußen zu warten. Die politischen Kräfte der Selbstbesinnung, der Besonnenheit, der Bescheidenheit und der Erneuerung gewinnen an Einfluß. Ein "Ruck" geht durch die Stadt, ein ehrlicher und ideologiefreier Selbstbesinnungsprozeß kann allmählich zur wirtschaftlichen und sozialen Gesundung der Stadt führen: Arbeitsmarktpolitische Foren, Ideenbörsen und runde Tische zur Stadtentwicklung entstehen, Forschung und Wissenschaft werden gestärkt, ökologischer Stadtumbau umgesetzt, pfiffige Existenzgründungen unterstützt, ehrliche Imagepflege und kulturbezogene Standortpflege betrieben sowie intelligenter Tourismus entwickelt: Die innerstädtische Deichlandschaft wird allmählich zum urbanen Kleinod, wo sich Bewohner und Besucher wohlfühlen. Bremerhaven ist eine bundesweit beachtete Stadt, die mit viel Kreativität, Witz und Innovation ihren eigenen Weg aus der wirtschaftlichen Krise sucht.

Prof. Dr. Jürgen Milchert, Bremerhaven
 

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