Das Milliardengrab in Bremerhaven


Neue Arbeitsplätze durch Ozeanpark?


 

Leserbrief V (erschienen im Januar im Sonntagsjournal)

Das einzig relevante Argument, das für den Oceanpark zu sprechen scheint, ist seine positive Wirkung auf den katastrophalen Bremerhavener Arbeitsmarkt. Die Zahlenjongleure der Ozeanparkentwicklungsgesellschaft veranschlagen die Zahl der Arbeitsplätze je nach Stimmungslage und politischen Bedarf zwischen 690 und 3000. Dies sind allerdings windelweiche Zahlen, die sich aus der Absicht erklären, alle öffentlichen Förderungsmöglichkeiten abzuschöpfen. Es handelt sich also um Wunschzahlen ohne betriebswirtschaftlichen Hintergrund. Trotzdem werden die neuen Arbeitsplätze von der Parteien und den mit ihnen verbandelten Organisationen gefeiert und als Totschlagsargument gegen die Skeptiker des Oceanparks genutzt. Dabei ist arbeitsmarktpolitisch eine nüchterne Abwägung gefragt:

1. Bau und Betrieb des Ozeanparks schaffen Arbeitsplätze. Aber zu welchem Preis: Eine nüchterne Kosten/Nutzen/Analyse macht das Mißverhältnis zwischen öffentlichem Mittelaufwand und arbeitsmarktpolitischen Effekten deutlich: Jeder neue Arbeitsplatz wird mit mindestens 1 Million Mark öffentlicher Mittel subventioniert. Dies wurde vom Geschäftsführer der Ozeanparkentwicklungsgesellschaft, Herrn Dr. Lüneburg, "als ganz normal" bezeichnet.

2. Zur Realisierung des Ozeanparks wird das sogenannte "Tafelsilber" verkauft. Beim "Tafelsilber" handelt es sich aber um keine Luxusgegenstände, sondern um den über Generationen von den Bürgern hart erabeitete kommunalwirtschaftliche Besitz. Wenn nun die STÄWOG, die Stadtwerke, die Entsorgungsbetriebe, die Müllverbrennungsanlage und viele andere kommunalwirtschaftliche Betriebe verkauft werden, so werden viele dort Beschäftigte im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen ihre bisher sicheren Arbeitsplätze verlieren. Diese verlorenen Arbeitsplätze muß man von den durch den Ozeanpark abziehen.

3. Wie sehen eigentlich die Arbeitsplätze aus, die mit dem Ozeanpark, eine Verbindung aus Einkaufszentrum und Themenpark, entstehen? Neben wenigen Dutzend qualifierter Arbeitsplätze handelt es sich um jene schlecht bezahlten Jobs in Touristik und Handel, die am untersten Ende der Einkommenskala stehen: Reinigungskräfte, Animateure, Bewachungspersonal und Verkäufer. Auch handelt es sich zum großen Teil um Teilzeit- und Saisonstellen. Das große Vorbild des Ozeanparks, die CentrO in Oberhausen, wird vor allem durch 620-Marks-Jobs betrieben!

4. Ein Großteil der neuen Arbeitsplätze entsteht im neuen großen Einkaufszentrum, das mit dem Ozeanpark verbunden ist. Jedoch: Ein zusätzliches großes innerstädtisches Einkaufszentrum geht zu Lasten der bestehenden mittelständischen Handelsstruktur Bremerhavens. Für jeden gewonnenen Arbeitsplatz werden mindestens zwei bestehende in unseren Bremerhavener Geschäften wegfallen.

4. Vielleicht wäre die gigantische öffentliche Subventionierung ja hinnehmbar, wäre mit dem Oceanpark ein Imagegewinn für Bremerhaven verbunden. Die bisherigen Pläne beweisen das Gegenteil: ein bunte Scheinwelt aus Kitschbauten entsteht als neues Stadtzentrum, mit steinernem Schiff, hölzerner Windmühle, Plastikzoo und vielen anderen Geschmacklosigkeiten aus dem bunten Legokasten des Plancomputers. Dies beweist die mangelnde ästhetische Kompetenz der Köllmanngruppe und unseres Stadtbaurates, wirft aber auch ein Bild darauf, was uns unsere Stadtverordneten zumuten. Bremerhaven wird zu Kitschtown, bundesweit amüsiert, mitleidig und spöttisch belächelt. Das neue Image lockt keine neuen zukunftsträchtigen Investionen in diese Stadt, auch wenn sie nun ein eigenes drittklassiges Nummernschild erhält. Das Gegenteil ist zu befürchten. Der innovationsfreundliche Mittelstand, der ja Wert legt auf eine gutes kulturelles, landschaftliches und städtebauliches Angebot, wird dieser Stadt den Rücken kehren: Wer möchte schon im lauten Kitschtown leben oder investieren?

5. Arbeitsmarktpolitisch setzen die Befürworter des Ozeanparks alles auf eine wenig erfolgsversprechende Karte. Die Förderungsmittel sind ausgegeben und viele kommunalwirtschaftliche Reserven verbraucht. Für teure, aber arbeitsmarktpolitisch zukunftsweisende Projekte ist damit kein Geld mehr vorhanden.

Ein nüchternes Fazit muß also lauten: Durch den Ozeanpark entstehen mit gigantischer öffentlicher Förderung wenige schlecht bezahlte Arbeitsplätze. Demgegenüber stehen die Arbeitsplatzverluste in der Kommunalwirtschaft und im Bremerhavener Einzelhandel. Das Image der Stadt wird sich verschlechtern. Geld für zukunftsträchtige Projekte ist nicht mehr vorhanden. Das Jahrhundertprojekt Ozeanpark entpuppt sich also bei sachlicher Betrachtung als arbeitsmarktpolitisches Fiasko.

Prof. Dr. Jürgen Milchert, Bremerhaven
 

Copyright © 1999
Jürgen Milchert
and
Copyright © 1999
Antares Real-Estate