Das Milliardengrab in Bremerhaven


"Schluß mit dem Oceanpark"


 

Leserbrief erschienen im "Bremerhavener Kurier" am 24.2.99

Die Kampagne für den Oceanpark wird mit unlauteren Mitteln geführt. Mit immer neuen Zahlen zu Arbeitsplätzen, Kosten und Besuchern wird je nach Bedarf jongliert und manipuliert. Unredlich ist auch die Stimmungsmache, die von Seiten vieler Funktionäre, Unternehmer und Politiker gemacht wird. Die verzweifelte Situation der vielen Arbeitslosen und der um ihre Arbeit bangenden wird genutzt und vorgeschoben, um eigene Karriereinteressen als Politiker, um geschäftliche Interessen und Pflichterfüllung gegenüber Bremen zu erreichen. Es geht nicht um die Zukunft dieser Stadt, sondern um viel Geld, daß dank vieler öffentlicher Förderungstöpfe in dieser Stadt zu machen ist. Andererseits sind die ausgewiesenen Gegner des Projektes als "Arbeithabende" Zielobjekte einer öffentlichen Neidkampagne, was zu Auftragsverlust, Mandatsentzug und anderen wirtschaftlichen Nachteilen führt.

Hoffentlich haben wir Bürgerinnen und Bürger mittlerweile ein Gespür dafür entwickelt, wie redlich die Argumentationen mancher Befürworter sind. Man hat Sensoren dafür, wie sehr sich das gesprochene Wort bei manchen von der eigenen Meinung unterscheidet. Da gibt es einen Oberbürgermeister und einen Fraktionsvorsitzenden, die vollmundig die Segnungen des Projektes verkünden (müssen), während ihre Körpersprache Skepsis, ja Ablehnung verrät. Da gibt es eine Jubelkampagne, die allmorgendlich gebetsmühlenhaft Wunschvorstellungen und Durchhaltewillen verkündet und Nachdenklichkeit diffamiert.

Die Emotionalisierung, die mit dem Bürgerentscheid einhergeht, hat auch eine tiefgreifende stadtkulturelle Dimension, die mit dem Lebensgefühl der Menschen, mit ihrem Heimatgefühl und letztlich auch mit unserem Stolz als Bremerhavener zu tun hat. In diesem Sinne ist der Oceanpark auch Ausdruck politischer Selbstentmündigung. Systematisch hat man über die letzten Jahrzehnte den Menschen hier ihren Stolz ausgetrieben, das Heil kam stets von Außen. Den eigenen politischen Mief mußten Visionen und Projekte überdecken, die immer größer, weltstädtischer und obskurer wurden, während das Normale in dieser Stadt keine Lobby hat. Der pflegliche Umgang mit dem Bestehenden, die behutsame Entwicklung des Vorhandenen, mit gewachsenen Werten und Chancen verkümmert, für die Entscheidungsträger dieser Stadt sind nur eruptive Veränderungssprünge möglich.

Alles an dem Oceanpark ist aufgesetzt und austauschbar: Idee, Thema, Betreiber und Besucher kommen von Außen. Der Oceanpark hat nichts mit unserer Geschichte, unserem Lebensgefühl, unserer Stadtkultur, unseren Identität und unseren Zukunftsträumen zu tun. Stattdessen erhalten wir eine klassische Stadtrandnutzung, die normalerweise am "Kamener Kreuz" anzusiedeln wäre, als neue Innenstadt. Dafür bekommen wir nun im Umweg über eine außengesteuerten Werbekampagne amtlicherseits wieder neues Selbstbewußtsein verordnet. Mir sind noch die peinlichen Bilder in Erinnerung, mit der sich die Entscheidungsträger dieser Stadt wie stolze Konfirmanden mit dem amerikanischen Heilsbringer Peter Chermajeff haben fotografieren lassen: Stolz hat man sich mit dem reichen Onkel aus Übersee präsentiert, der das gemütliche Bremerhaven zur ozeanischen Weltstadt entwickelt. Daß es Herrn Chermajeff nur um das reichliche Geld ging, das das arme Bremerhaven noch zu bieten hat, stellte sich später heraus. Ähnliches ist von Herrn Köllmann zu sagen. Wiederrum feiert man unverdrossen einen neuen weltmännischen Investor, der bisher für unsere 25 Millionen DM Steuergelder nichts anderes geboten hat als vollmundige Versprechungen, bunte Pläne, blaue Bücher und immer neue Zahlen.

Für Jürg Köllmann und seine Visionen hat man micht nur unser gutes Geld geopfert, sondern auch die eigene kommunale Planungshoheit. Nicht mehr in der "freiesten Gemeinde der Welt", wird über das Herz Bremerhavens entschieden, sondern in Wiesbaden, Frankfurt und Bremen. Deshalb geht es beim Bürgerentscheid im März nicht nur um das Projekt Oceanpark, sondern auch darum, ob wir als Bremerhavener uns wieder selber zutrauen, die Geschicke unserer Stadt zu bestimmen und Bremerhaven nach unseren Vorstellungen zu entwickeln. Sollte die Scheinwelt des Oceanparks als Ruine oder Dauerrummel dieser Stadt ihre Zukunft verbauen, werden uns unsere Kinder einmal fragen, warum wir nichts dagegen getan haben. Am 7. März haben wir die Chance, unser Geschick wieder in die eigene Hand zu bekommen.

Prof. Dr. Jürgen Milchert, Bremerhaven
 

Copyright © 1999
Jürgen Milchert
and
Copyright © 1999
Antares Real-Estate