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Skeptic's Dictionary
 

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Aromatherapie

Aromatherapie ist ein Begriff, der 1928 von dem französischen Chemiker René Maurice Gattefossé geprägt wurde, um die Verwendung sogenannter essenzieller Öle von Pflanzen, Blumen, Wurzeln oder Samen in der Heilkunst zu beschreiben. Die Bezeichnung ist etwas irreführend, da das Aroma eines Öls, sei es natürlich oder synthetisch, im Allgemeinen selber nicht therapeutisch wirksam ist. Aromen werden verwendet, um die Öle zu identifizieren und ihren Reinheitsgrad zu bestimmen oder als Gedächtnisstütze, aber nicht, um direkt eine Heilung zu bewirken. Es ist die "Essenz" des Öls - seine chemischen Eigenschaften - die ihm seinen heilenden Wert geben, wie auch immer dieser beschaffen sein mag. Darüber hinaus werden Dämpfe in einigen - nicht allen - Arten der Aromatherapie gebraucht. In den meisten Fällen wird das Öl in die Haut eingerieben oder in Tee und anderen Getränken eingenommen. Einige Aromatherapeuten halten sogar das Kochen mit Kräutern für eine Art von Aromatherapie.

Die heilende Kraft der essenziellen Öle ist der Hauptgrund für die Beliebtheit der Aromatherapie und außerdem das Hauptproblem für den Skeptiker. Es gibt nur sehr wenige Beweise für all die Behauptungen der Aromatherapeuten bezüglich der verschiedenen heilenden Eigenschaften von Ölen. Die meisten Belege für die Heilkraft von Substanzen wie etwa Teebaumöl hat die Form von Anekdoten:

  • Vor einigen Jahren, im Flugzeug auf dem Weg von Europa nach Indien, fing mein Zeigefinger an, schmerzhaft zu pulsieren. Ein Rosendorn hatte sich dort zwei Tage zuvor festgesetzt, als ich meine Rosen geschnitten hatte. Die Wunde war dabei, sich zu entzünden. Sofort rieb ich unverdünntes Teebaumöl auf den Finger. Bei meiner Ankunft in Bangalore war die Schwellung beinahe abgeklungen, und das Pulsieren hatte aufgehört. (Daniele Ryman, Aromatherapy)

Diese Art von Post-Hoc-Begründung ist überall in der "alternativen" Medizin und ihrer Literatur anzutreffen. Überzeugender wären sicherlich einige Kontrollstudien.

Finden sich Hinweise auf andere Aromatherapeuten, dann sehen diese gewöhnlich so aus:

  • Marguerite Maury verschrieb Rose für Frigidität und schrieb ihr aphrodisiakische Eigenschaften zu. Außerdem hielt sie Rose für ein hervorragendes Stärkungsmittel für Frauen, die an Depressionen litten. (Daniele Ryman, Aromatherapy, S. 205).

Zeugnisse dieser Art werden niemals mit Skepsis oder auch nur Neugierde betrachtet, wie die Beweise für sie aussehen könnten. Sie werden einfach weitergegeben, als handele es sich um Glaubensartikel.

Neben persönlicher Erfahrung scheinen Aromatherapeuten an Forschung nur insofern interessiert zu sein, wenn es darum geht, was andere Aromatherapeuten über Pflanzen oder Öle gesagt oder geschrieben haben. Die Praktiker und Verkäufer von aromatherapeutischen Produkten wirken gänzlich desinteressiert an wissenschaftlicher Überprüfung ihrer Behauptungen, von denen viele empirischer Natur sind und getestet werden könnten. Natürlich gibt es viele Aromatherapeuten, die nicht überprüfbare Behauptungen aufstellen, so etwa über die Auswirkung bestimmter Öle auf den "Astralleib", das Gleichgewicht der Chakren, die Wiederherstellung der harmonischen Energieströme oder ihren Beitrag zum spirituellen Wachstum. So schreibt etwa Val Larivi ère, eine selbsternannte Aromatherapeutin:

    In ihrem innersten Kern geht es bei der Aromatherapie um die Verwendung essenzieller Öle zur Wiederherstellung oder Verbesserung der mentalen, emotionalen, körperlichen oder spirituellen Gesundheit. Es geht bei ihr um Gleichgewicht, wie es bei Krankheit um Ungleichgewicht geht. Sie stellt die Rückkehr ins Zentrum dar, die Essenz der Gesundheit.

Behauptungen wie diese sind grundsätzlich nicht überprüfbar. Sie bilden Teil der New-Age-Mythologie und sind nicht wirklich Gegenstand einer sinnvollen Diskussion oder Debatte. Wenn Aromatherapeuten beruflich über empirische Themen diskutieren, geht es meist um Dinge wie die Überlegenheit natürlicher Öle gegenüber synthetischen, aber auch hier sucht man vergebens nach Verweisen auf wissenschaftlichen Studien zur Sache. Die Art, wie Daniele Ryman, eine Verteidigerin der natürlichen Öle, das Thema "Lavender" behandelt, ist typisch. In dem oben zitierten Buch gibt sie botanische und historische Informationen über die Pflanze, darunter auch die Behauptung eines Botaniker aus dem 16. Jahrhundert, Matthiole, Lavender sei ein Heilmittel, welches Epilepsie, Schlaganfälle und psychische Probleme beheben könne. Ryman gibt an, die Hauptbestandteile des Lavender seien Alkohole wie Borneol, Geraniol und Linalool; Ester (Alkohol-Carbonsäure-Verbindungen) wie Geranyl und Linalyl; Terpene wie etwa Pinen und Limonen. Weiterhin enthält Lavender einen hohen Anteil an Phenol, einem starken Antiseptikum und Antibiotikum. Ryman teilt außerdem mit, dass, während viele essenzielle Öle sehr giftig seien, es sich bei Lavender um eines der ungiftigsten überhaupt handele; danach informiert sie darüber, dass "Lavender das Öl ist, das am häufigsten mit Verbrennungen und Hautverletzungen in Verbindung gebracht wird". Es sei "sehr wirksam bei der Behandlung von (Zystitis, Vaginitis, Leucorrhea)"; als Kräutertee außerdem "gut als morgendliches Stärkungsmittel für Genesende, als Verdauungsmittel nach Mahlzeiten, gegen Rheuma und bei den ersten Anzeichen einer Erkältung oder Grippe." Gegen Krampfadern rät Ryman zu einer "Massage der Beine mit einem Öl, das aus 3 Tropfen Zypressenöl, jeweils 2 Tropfen Lavender- und Zitronenöl, und einer Unze von Sojaöl" besteht (S. 143). Sie gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass irgend jemand schon einmal irgend wo irgend welche Kontrollstudien mit Lavender durchgeführt hat, um einige dieser Behauptungen zu bestätigen. Zwar stimmt es, dass Ausdrücke wie 'sehr wirksam' oder 'gut für/gegen' nicht sehr präzise sind, aber sie sind auch keine kompletten Nebelkerzen wie 'hilft bei' (was sie etwa über Lavender als Badezusatz gegen Zellulitis sagt). Und 'in Verbindung mit' sagt nicht direkt, dass Lavender gegen Verbrennungen helfen kann. Trotzdem denke ich, man kann diese Behauptungen exakt genug eingrenzen, um sie zu testen; ich zweifele allerdings daran, dass Ryman oder andere Aromatherapeuten auch nur im Geringsten an solchen Tests interessiert wären.

Aus unbekanntem Grund schreibt Ryman in ihrem Kapitel über Lavender nicht viel über das Öl als Mittel zur Stressreduzierung. In einem Abschnitt über "Schlaflosigkeit" gibt sie jedoch an, "Lavender [sei] ein sanftes Schlafmittel, empfohlen bei geistiger und körperlicher Beanspruchung". Ryman erwähnt allerdings nicht die Studie, die die Wirkungen von Aromatherapie (mit Lavender), Massage und strikter Ruhe bei Intensivpatienten verglich. Man kam zu dem Schluss, dass Ruhe am besten sei (Dunn).

Allerdings würde ich nicht so weit gehen, die Aromatherapie in Bausch und Bogen abzulehnen. Wenn ich erkältet bin und die Nase zusitzt, nehme ich Vicks VapoRub, eine Mischung aus Kampfer, Menthol und Eukalyptusöl. Genau genommen bin ich vermutlich ein praktizierender Aromatherapeut. Wenn ich mir jedoch das anschaue, was die selbsternannten Aromatherapeuten alles behaupten, dann sehe ich mich zu dem Schluss gezwungen, dass es sich bei Aromatherapie zum größten Teil um eine pseudowissenschaftliche "alternative" Medizin handelt - eine Mischung aus Volksweisheit, Versuch&Irrtum, Anekdoten, Erfahrungsberichten, New Age-Spiritualismus und purer Träumerei. Man sollte sich vom Geruch der Öle nicht von dem des Bratens ablenken lassen.

Anmerkung des Übersetzers:

Marguerite Maury, die Große Alte Dame der Aromatherapie, ging davon aus, dass mit dem jeweiligen Aroma einer Pflanze auch deren "Seele" in den menschlichen Körper mit eingehe. Ein anderer Name für Aromatherapie ist "Osmotherapie". Es gibt Querverbindungen zu Aura-Soma und "Energiemeridianen", wie sie etwa aus der Lehre des chi bekannt sind. Etwa 80 Prozent der handelsüblichen Öle werden übrigens synthetisch hergestellt. Colin Goldner in Psycho:

  • "[...] für die behaupteten psychotherapeutischen Heileffekte fehlt jeder Hinweis. [...] Die Vorstellungen einer 'Seele' oder eines 'höheren Wesens' der Pflanzen [...] sind völlig willkürlich und ebenfalls durch nichts belegt. [...] Die ausdrücklichen therapeutischen Effekte indes, die den Harzen und Aromastoffen zugeschrieben werden, gehören ins Reich des Mythos." (S. 87f.)

Für mich spiegelt die Vorstellung der Heilkraft der "essenziellen Öle" unter anderem auch die Sehnsucht nach einem animistisch-spirituellen Weltbild wider, kombiniert mit der fehlgeleiteten Vorstellung, die Natur sei ausschließlich für den Menschen da (siehe auch Maria Treben) .

 

Weiterführende Literatur (englisch)

Dunn, C, et al, "Sensing an improvement: an experimental study to evaluate the use of aromatherapy, massage and periods of rest in an intensive care unit," Journal of Advanced Nursing, 21, 1995, pp 34-40.

McCutcheon, Lynn. "What's That I Smell? The Claims of Aromatherapy," Skeptical Inquirer, May/June 1996.

Raso, Jack. "Alternative" Healthcare: A Comprehensive Guide (Amherst, NY: Prometheus Books, 1994).

 

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