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Kreationismus

Der Glaube an den Bericht über die Erschaffung des Universums laut dem 1. Buch Mose (Genesis). Einige Kreationisten halten die Theorie der Schöpfung, wie sie dort beschrieben wird, für einen wissenschaftlichen Bericht, die Theorie des Urknalls und der Evolution hingegen für falsch. 1 Diese Kreationisten nennen ihren Glauben Schöpfungswissenschaft.

Anhänger der Schöpfungswissenschaft haben eine Kampagne begonnen, um die biblische Version der Schöpfung als wissenschaftlichen Lernstoff in amerikanischen öffentlichen Schulen unterzubringen - parallel zur Theorie der Evolution, die sie bestreiten. Der US-Bundesstaat Arkansas verabschiedete ein Gesetz, das den Unterricht in Kreationismus an öffentlichen Schulen vorschrieb. Dieses Gesetz wurde 1981 von einem Bundesrichter kassiert, der es als verfassungswidrig identifizierte und Kreationismus als Religion bezeichnete. Ein ähnliches Gesetz in Lousiana wurde 1982 abgeschafft.

Zur Verteidigung haben Kreationisten betont, Evolution sei keine Tatsache, sondern nur eine Theorie. Einige Wissenschaftler, unter ihnen Carl Sagan, betonten andererseits, Evolution sei eine Tatsache, keine Theorie. Stephen Jay Gould behauptet, Evolution sei sowohl Tatsache als auch Theorie. Daß Evolution stattgefunden hat, ist eine Tatsache; der Mechanismus, aufgrund dessen dies geschah, ist theoretischer Natur. Darwin, stellt Gould fest, habe "laufend den Unterschied zwischen seinen beiden großen Errungenschaften betont: Die Etablierung der Tatsache der Evolution und das Einbringen einer Theorie - natürliche Auslese - um den Mechanismus der Evolution zu erklären." Darwins Theorie löste eine sehr produktive Diskussion aus. Kreationisten, die das Wort unsicher im Rahmen der Wissenschaft mit unwissenschaftlich verwechseln, betrachten die Debatte zwischen Evolutionsbiologen als Zeichen der Schwäche. Wissenschaftler hingegen sehen diese Unsicherheit einfach als unvermeidliches Element wissenschaftlichen Vorgehens und die Debatten über fundamentale theoretische Aspekte als positiv und stimulierend. Wissenschaft, so Gould, "macht dann am meisten Spaß, wenn sie mit interessanten Ideen spielt, ihre Implikationen untersucht und erkennt, daß altbekanntes Wissen in überraschend neuer Weise erklärt werden kann." Daher ist trotz der ganzen Diskussion über Evolutionsmechanismen kein Biologe auf die Idee gekommen, an der Evolution an sich zu zweifeln. "Wir reden darüber, wie es abgelaufen ist.", meint Gould.2

Ein sicheres Zeichen für eine nichtwissenschaftliche Idee ist die Behauptung, sie sei vollkommen sicher richtig und unwiderlegbar. Eine vollkommen sicher richtige Idee kann nicht empirisch getestet werden. Behauptungen von Unwiderlegbarkeit und das Verlangen nach absoluter Sicherheit charakterisieren nicht die Wissenschaft, sondern die Pseudowissenschaft. Die Konzeption des Kreationismus ist ein gutes Beispiel für eine nichtwissenschaftliche Theorie, da sie nicht falsifiziert werden kann. "Ich kann mir Beobachtungen und Experimente vorstellen, die jede mir bekannte Evolutionstheorie widerlegten.", schreibt Gould. "Aber ich kann mir nicht vorstellen, welche Ergebnisse Kreationisten dazu bringen könnten, ihren Glauben aufzugeben." Was den sogenannten "wissenschaftlichen Kreationismus" zur Pseudowissenschaft macht, ist sein Versuch, als Wissenschaft durchzugehen, obwohl er nichts mit wissenschaftlichem Denken zu tun hat. Der Kreationismus wird in alle Ewigkeit als Theorie unverändert bleiben. Er wird keine Diskussion unter Wissenschaftlern auslösen, die sich über die fundamentalen Mechanismen des Universums unterhalten. Er produziert keine empirischen Voraussagen, mittels derer man die Theorie testen kann. Er wird als unwiderlegbar angesehen. Keine falsifizierenden Beweise werden jemals akzeptiert werden.

Die Wissenschaftsgeschichte zeigt jedoch deutlich, daß wissenschaftliche Theorien nicht für immer unverändert bleiben. Diese Geschichte ist nicht eine von absoluten Wahrheiten, die auf absoluten Wahrheiten aufbauen. Sie ist vielmehr die Geschichte von Theorien, Tests, Diskussionen, Verbesserungen, Widerlegungen, Ersetzungen, weiteren Theorien und Tests usw. Sie ist die Geschichte von Theorien, die eine Weile gut funktionieren, bis sich Widersprüchlichkeiten einschleichen (z.B. Beobachtungen, die nicht mit den etablierten Theorien übereinstimmen) und neue Theorien vorgebracht werden, die schließlich die alten teilweise oder vollständig ersetzen.

Natürlich ist es Wissenschaftlern möglich, unwissenschaftlich zu handeln und dogmatisch oder unehrlich zu sein. Doch die Tatsache, daß man gelegentlich einen Spinner oder Scharlatan in der Wissenschaftsgeschichte findet (oder einen aufrichtigen und genialen Menschen unter Pseudowissenschaftlern), bedeutet nicht, daß es in Wirklichkeit keinen Unterschied zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft gibt. Aufgrund der öffentlichen und empirischen Natur der wissenschaftlichen Debatte werden die Scharlatane identifiziert und die Fehler korrigiert; die ehrliche Suche nach der Wahrheit bleibt am Ende höchstwahrscheinlich übrig. Das passiert nicht mit Pseudowissenschaften, bei denen es oft keine Methode gibt, Fehler aufzuspüren, ganz zu schweigen von Korrektur.

Einige Theorien sind so umfassend oder vage, daß sie nahezu alles voraussagen. Man kann sie nicht widerlegen, nicht einmal im Prinzip. Bei ihnen ist alles konsistent, sogar offensichtliche Widersprüche und Kollisionen! Andere Theorien erlauben präzise Voraussagen und können grundsätzlich widerlegt werden. Man kann sie durch Experimente und Beobachtung überprüfen. Eine religiöse Kosmologie, wie sie im 1. Buch Mose angeboten und von fundamentalistischen Christen sowie Juden als wörtliche Widergabe der Schöpfung akzeptiert wird, ist dem ersten Typ zuzurechnen. Die Theorien vom Urknall und vom beständigen Universum (Steady State) sind Beispiele für die zweite Gruppe. Die religiöse Kosmologie nennt man 'nicht-wissenschaftlich' oder 'metaphysisch'; Urknall und beständiges Universum sind 'wissenschaftlich'. Metaphysische Theorien sind "wasserdicht", wenn sie in sich geschlossen sind, also keine Möglichkeit zum Widerspruch bieten. Keine wissenschaftliche Theorie ist jemals wasserdicht.

Eine von einer religiösen Gruppierung vertretene Kosmologie kann jedoch wissenschaftlich sein. Sagt die Theorie beispielsweise, die Welt sei 4004 v.u.Z.. erschaffen worden, alle Beweise aber darauf hindeuten, daß sie mehrere Milliarden Jahre alt ist, dann ist die Theorie wissenschaftlich, wenn sie daraufhin als widerlegt gilt. Falls allerdings die Ad-Hoc-Hypothese aufgestellt wird, Gott habe die Welt 4004 v.u.Z.. komplett mit Fossilien erschaffen, um die Erde viel älter aussehen zu lassen, als sie ist (um unseren Glauben zu prüfen, oder vielleicht zur Erfüllung eines mysteriösen göttlichen Plans), dann ist die Theorie metaphysisch.3 Nichts könnte sie widerlegen; sie ist wasserdicht.

Werden Alter oder Datierungsmethoden der fossilen Belege bestritten, aber für die Wahrheit der religiösen Theorie als wichtig und von vorneherein als zur Theorie passend betrachtet, dann ist die Theorie metaphysisch. Wenn der religiöse Kosmologe bestreitet, daß die Erde Milliarden von Jahren alt ist und sich dabei auf wissenschaftliche Untersuchungen beruft, die zeigen, daß die Erde sehr jung ist, dann liegt die Beweispflicht beim Kosmologen - er muß zeigen, daß die Standardmethoden und -techniken zur Datierung von Fossilien u.a. fehlerhaft sind. Andernfalls sollte kein vernünftiger Mensch eine derart unbewiesene Behauptung ernstnehmen, die verlangt zu glauben, die gesamte Wissenschaft sei im Irrtum

Die unwissenschaftliche Art von pseudowissenschaftlichen religiösen Kosmologen ist nicht nur in ihrer wilden Entschlossenheit zu erkennen, die Tatsachen einer vorausgehenden Theorie anzupassen. Dies ist eine menschliche Neigung, die auch Wissenschaftler befallen kann.4 Sie wird außerdem deutlich in dem Glauben, die absolute Wahrheit sei bereits offenbart worden, und weiteres Nachforschen sei nicht mehr nötig, um die Wahrheit zu finden. Für den pseudowissenschaftlichen Geist ist die Wahrheit nicht etwas, das ständig offen für Nachfragen, Verbesserungen und möglicherweise Widerlegung sein muß. Für diese Menschen ist die Wahrheit etwas, von dem man glaubt, sie werde nur besonderen Menschen verkündet und anvertraut, auf daß sie sie für alle Ewigkeit hüten und bewahren.

Es gibt viele, die an eine religiöse Kosmologie wie die Genesis glauben, aber nicht behaupten, ihre Überzeugung sei wissenschaftlich. Sie glauben nicht, daß man die Bibel als Lehrbuch lesen sollte. Für sie enthält die Bibel Unterweisung im Bezug auf ihr geistiges Leben. Sie drückt geistige Ideen über die Natur Gottes und das Verhältnis Gottes zum Menschen und zum Rest des Universums aus. Diese Menschen glauben nicht, daß man die Bibel wörtlich nehmen sollte, wenn es um wissenschaftliche Dinge geht. Man solle sie wegen ihrer geistigen Botschaft und nicht als Biologie-, Chemie oder Physikbuch lesen.

Anmerkungen

    Einer der Hauptvertreter des 'wissenschaftlichen Kreationismus' ist Duane T. Gish, der Autor von Evolution, the Challenge of the Fossil Record ( San Diego, Calif. : Creation-Life Publishers, 1985) und Evolution, the Fossils Say No (San Diego, Calif. : Creation-Life Publishers, 1978).

    Stephen Jay Gould, "Evolution as Fact and Theory," in Hen's Teeth and Horse's Toes (New York: W.W. Norton & Company,1983), p. 256.

    Philip Henry Gosse stellte diese Behauptung zu Darwins Zeit in einem Werk auf, das den Titel trug: Creation (Omphalos): An Attempt to Untie the Geological Knot, published in 1857.

    Es ist allerdings wahr, daß ein Pseudowissenschaftler oft eine Theorie aufstellt, die zu seinem Glauben passt, und dann den Glauben als Stütze der Theorie verwendet. Diese Art von Zirkelschluss ist typisch für diejenigen, die alte Mythen und Legenden verwenden, um ihre Theorien zu stützen, und ihre Theorien, um die alten Mythen und Legenden zu erklären. Man vergleiche nur einmal die Werke von von Däniken und Velikovsky mit dem von Julian Jaynes in The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind (Boston: Houghton Mifflin, 1976).

     

    Islamischer Kreationismus

    Der Kreationismus ist nicht auf christliche Gruppen beschränkt. Eine interessante Webseite zum islamischen Kreationismus bietet das Orientalische Seminar der Universität Freiburg , auf die mich Martin Riexinger mit einem Leserbrief hingewiesen hat. Vielen Dank für diese Information!

 

Weiterführende Literatur (englisch)

Dawkins, Richard. River Out of Eden: A Darwinian View of Life (1995, BasicBooks). $8.00

Dawkins, Richard. Climbing Mount Improbable (1996 Viking Press). $11.96

Gardner, Martin, Fads and Fallacies in the Name of Science (New York: Dover Publications, Inc., 1957), ch. 11. $6.36

Godfrey, L. editor, Scientists Confront Creationism (1983, W.W. Norton and Company) $10.36

Gould, Stephen Jay, "Darwin and Paley Meet the Invisible Hand," in Eight Little Piggies (New York: W.W. Norton & Company, 1993). $10.36

Gould, Stephen Jay, "Evolution as Fact and Theory," in Hen's Teeth and Horse's Toes (New York: W.W. Norton & Company,1983). $11.16

Gould, Stephen Jay, Ever Since Darwin, (New York: W.W. Norton & Company, 1979). $9.56

Kitcher, Philip. Abusing Science (1982, MIT Press). $14.00

Schadewald, Robert. "Creationist Pseudoscience," in Science Confronts the Paranormal , edited by Kendrick Frazier. (Buffalo, N.Y.: Prometheus Books,1986). $19.16

Shermer, Michael. Why People Believe Weird Things : Pseudoscience, Superstition, and Other Confusions of Our Time, chs. 9-11, (W H Freeman & Co.: 1997) $16.07

Strahler, Arthur N., Science and Earth History: The Evolution/Creation Controversy, (Buffalo, N.Y.: Prometheus Books, 1987).

Weiner, Jonathan. The Beak of the Finch: A Story of Evolution in Our Time (1994, Vintage Books). $10.40

Weiterführende Literatur (deutsch)

Reichholf, Josef: Der schöpferische Impuls. Eine neue Sicht der Evolution. München 1992.

Reichholf, Josef: Das Rätsel der Menschwerdung. Stuttgart 1990.

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