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Traumatische Erinnerungstherapie

 

[AdÜ: Ich möchte bei diesem schwierigen und sensiblen Thema noch einmal darauf hinweisen, dass es mir leid tut, wenn ich einen Fachbegriff falsch oder schlampig übersetzt haben sollte. Für Tips bin ich immer dankbar.]

Eine Psychotherapieform, deren Praktizierer davon ausgehen, dass Probleme wie Bulimie, Depression, sexuelle Störungen, Schlaflosigkeit, Angstzustände usw. auf unbewusst verdrängte Erinnerungen an sexuellen Missbrauch im Kindesalter zurückgehen. In der Traumatischen Erinnerungstherapie nimmt man an, dass ein gesunder psychologischer Zustand nur dadurch wiederhergestellt werden kann, dass man diese verdrängten Missbrauchserinnerungen zurückholt und sich mit ihnen auseinandersetzt.

Wie verbreitet ist sexueller Missbrauch im Kindesalter?

Das amerikanische Büro für Rechtsstatistik berichtet, dass in einer Umfrage, die 1996-97 unter den Häftlingen in einem Frauenstaatsgefängnis durchgeführt wurde, ungefähr 36 % angaben, sie seien bis zu ihrem 17. Lebensjahr sexuell oder körperlich misshandelt worden. Die Begriffe „sexueller Missbrauch" und „körperliche Misshandlung" wurden nicht klar definiert; ein Drittel gab allerdings an, sie seien vor ihrer Inhaftierung vergewaltigt worden. Im Vergleich dazu ergaben 16 Studien von Kindesmissbrauch in der Gesamtbevölkerung, dass 12 bis 17 Prozent davon erzählten, sie seien als Kinder „missbraucht" worden.

Was sagen Wissenschaftler und Organisationen?

Es gibt kaum wissenschaftliche Beweise für die Vorstellungen, dass a) sexueller Missbrauch im Kindesalter beinahe immer zu psychologischen Problemen bei Erwachsenen führt; b) dass Erinnerungen an diesen Missbrauch unwissentlich verdrängt werden; c) dass der Rückgriff auf verdrängte Missbrauchserinnerungen zu einer deutlichen Verbesserung der psychologischen Gesundheit der Stabilität führt. Das Royal College of Psychiatrists in Großbritannien hat seinen Mitgliedern offiziell untersagt, Therapien anzuwenden, die dazu entwickelt wurden, um verdrängte Erinnerungen an Kindesmissbrauch wieder hervorzubringen. Die British Psychological Society hingegen untersagt diese Therapieformen ihren Mitgliedern nicht, aber ein Bericht aus dem Jahre 1995 forderte sie dazu auf, „das Ziehen voreiliger Schlussfolgerungen über Erinnerungen zu vermeiden, die während der Therapie hervorgeholt wurden". Der Bericht merkte an, dass die wiederhergestellte Erinnerung eines Patienten metaphorischer Natur sein oder aus Träumen und Fantasievorstellungen stammen könnte. Darüber hinaus wurde in dem Bericht die Existenz von Beweisen geleugnet, die darauf hinausliefen, dass Therapeuten in großem Maßstab falsche Missbrauchserinnerungen in ihren Patienten fabrizierten.

Die American Psychological Association-Arbeitsgruppe für die Untersuchung von Erinnerungen an Missbrauch im Kindesalter brachte im selben Jahr ebenfalls einen Bericht heraus. In ihm wird festgestellt, dass wiedererlangte Erinnerungen selten sind. Außerdem heißt es, „es gibt einen Konsens zwischen Gedächtnisforschern und Medizinern, dass die meisten Menschen, die als Kinder sexuell missbraucht werden, sich an alles oder einen Teil der Ereignisse erinnern, auch wenn sie sie vielleicht nicht vollständig verstehen oder preisgeben [...] Zum aktuellen Zeitpunkt", so der APA-Bericht, „ist es ohne weitere Beweise unmöglich, eine echte Erinnerung von einer falschen zu unterscheiden." Daher, laut APA, „wird ein kompetenter Psychotherapeut wahrscheinlich eingestehen, dass der momentane Wissensstand es nicht erlaubt, ohne weiterführende Beweise den definitiven Schluss zu ziehen, dass eine Erinnerung echt oder falsch ist." Und doch halten viele Therapeuten in diesem Bereich es für überflüssig, zusätzliche Beweise für den Missbrauch zu suchen, an die sich ihre Patienten in der Therapie erinnern.

Was ist die Position der Befürworter der Traumatischen Erinnerungstherapie?

Viele der bekannteren Befürworter verwenden eine Checkliste, um verdrängte Erinnerungen an Missbrauch im Kindesalter als die Ursache für die Probleme eines Patienten zu ermitteln, ungeachtet der Tatsache, dass es „keine spezielle Reihe von Symptomen gibt, die automatisch darauf hinweisen, dass ein Mensch Opfer von Kindesmissbrauch war" (APA-Bericht). Trotzdem sind Bücher über Kindesmissbrauch, die genau diese Vorstellung vertreten, sehr populär bei Therapeuten und Talkshowmastern, die als Gäste Ellen Bass, Laura Davis, Wendy Maltz, Beverly Holman, Beverly Engel, Mary Jane Williams und E. Sue Blume empfangen. Durch gegenseitige Verstärkung werden viele empirisch unbestätigte Ideen – einschließlich der Behauptung, etwa 50 % aller Frauen seien sexuell missbraucht worden – von vielen Menschen als „Tatsachen" behandelt. So schreibt etwa Dr. Carol Tavris:

    "In einem System, das man nur inzestuös nennen kann, verlassen sich die Autorinnen dieser Bücher gegenseitig aufeinander, um Beweise für ihr eigenes Buch zu erhalten; allesamt loben und empfehlen sie diese Bücher ihren Leserinnen weiter. Bringt eine von ihnen eine selbstgestrickte Statistik vor – etwa „mehr als die Hälfte aller Frauen sind Überlebende eines sexuellen Traumas in der Kindheit" – so werden diese Zahlen weitergegeben wie Sammelbildchen, in jedem Buch neu abgedruckt und schließlich in den Rang einer Tatsache erhoben. Auf diese Art speist sich der Kreislauf von Fehlinformation, falschen Statistiken und unbestätigten Behauptungen selber."

Ein wichtiger Unterschied zwischen diesen Expertinnen und beispielsweise einer Gruppe von Biologinnen ist, dass die Kindesmissbrauch-Expertinnen ihren Status als Autoritäten nicht durch wissenschaftliche Ausbildung, sondern durch a) Erfahrung [sie waren selber Opfer von Kindesmissbrauch oder behandeln solche Opfer in ihrer Funktion als Sozialarbeiterinnen] oder b) durch das Schreiben eines Buches über Kindesmissbrauch erhalten haben. Diese Expertinnen sind nicht wissenschaftlich ausgebildet, was, so Tavris, „nicht ihre Schreibtalent oder ihre therapeutische Begabung abwerten soll, aber einer der Gründe für ihre wissenschaftliche Unbildung zu sein scheint."

Hier sind ein paar der unbewiesenen, unwissenschaftlich erforschten Ideen, die von diesen Expertinnen für Kindesmissbrauch in Umlauf gesetzt werden:

    1) Wenn Sie daran zweifeln, dass Sie als Kind missbraucht wurden, oder glauben, es sei nur Ihre Fantasie, ist dies ein Zeichen von „Post-Inzest-Syndrom" (Blume)

    2) Können Sie sich an keinen speziellen Fall von Missbrauch erinnern, haben aber trotzdem das Gefühl, dass etwas Schlimmes mit Ihnen passiert ist, „ist dies wahrscheinlich auch so" (Bass und Davis)

    3) Wenn ein Mensch sich an seine Kindheit nicht mehr erinnern kann oder sehr vage Erinnerungen hat, „muss man Inzest immer als Möglichkeit in Betracht ziehen" (Maltz und Holman)

    4) „Falls Sie irgendeinen Verdacht hegen, irgendeine Erinnerung haben, egal wie vage, ist es wahrscheinlich wirklich passiert. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass Sie die Erinnerungen blockieren und ableugnen, dass es geschehen ist." (Engel)

Therapiemethoden

Bevor man sich mit den Methoden und Techniken der Traumatischen Erinnerungstherapie befasst, sollte man festhalten, dass nur sehr wenige wiedergewonnene Erinnerungen an sexuellen Missbrauch im Kindesalter zuerst spontan auftreten. Falls doch, so sind sie mit größerer Wahrscheinlichkeit von Beweisen gestützt als diejenigen, die in einer Therapie hervorgerufen werden. In manchen Fällen dienen solche Beweise sogar als Auslöser für die verdrängte Erinnerung. Die Erinnerungstherapie scheint in der Lage zu sein, Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in der großen Mehrzahl ihrer Patientinnen hervorzurufen. Für die Therapeuten ist dies ein Beleg für die Macht und Effektivität der Therapie. Für skeptische Kritikerinnen handelt es sich um ein Warnsignal: Diese Erinnerungen sind konfabuliert, hervorgerufen durch eine stochernde und suggestive Therapie.

In der Traumatischen Erinnerungstherapie werden zahlreiche Methoden eingesetzt – darunter Hypnose, Visualisierung, Gruppentherapie und Tranceschreiben – um der Patientin dabei zu helfen, sich an das traumatische Erlebnis zu „erinnern". Hypnose ist riskant, weil es leicht ist, Patientinnen durch suggestive und direktive Fragen zu ermutigen. Es wurde niemals nachgewiesen, dass Tranceschreiben irgendeinen therapeutischen Wert hat (Schacter). Gruppentherapie kann wiederum zu gegenseitiger Verstärkung von Wahnvorstellungen führen, wenn der Therapeut nicht vorsichtig ist. Mitglieder der Gruppe können andere dazu ermuntern, bizarre Geschichten zu erzählen, ohne davor Angst haben zu müssen, sich lächerlich zu machen. Die Gruppe ist vielleicht nicht der Urheber der verdrängten Erinnerung, kann aber ihre Entstehung fördern und das Wachstum grauenhafter Wahnideen nähren.

Die Verwendung von Visualisierung in der Therapie kann ebenfalls gefährlich sein. Sherri Hines beschreibt, wie ihr Therapeut diese Methode verwendete, um ihr dabei zu helfen, eine Erinnerung an einen Missbrauch durch ihren Vater wieder aufzufinden:

     Mein Vater badete mich und malte dann oft auf dem Spiegel, auf dem Dampf, und er malte Comicfiguren. Das war der Keim einer Erinnerung; damit würden wir anfangen.
    Und [mein Therapeut] sagte dann: ‚Sie sitzen in der Badewanne. Ihr Vater ist da. Er malt auf dem Spiegel. Was malt er?' Dann sagte er: ‚Gut, jetzt kommt Ihr Vater herüber zu Ihnen in der Badewanne. Er streckt seine Hand aus, um Sie zu berühren. Wo berührt er Sie?' Auf diese Art wurden die Erinnerungen erschaffen (Hallinan, 1997)

Hines glaubte schließlich, sie sei von ihrem Vater belästigt worden und wurde so depressiv, dass sie einen versuchten Selbstmord beging. Sie hat die Therapie beendet und ist jetzt überzeugt, die Erinnerungen seien falsch gewesen und in der Therapie erzeugt worden.

Auch der Fall Diana Halbrook stellt die Zuverlässigkeit der Traumasuchmethoden in Frage. In einer Tranceschreibsitzung hatte Halbrook geschrieben, ihr Vater habe sie belästigt. Für sie waren das schockierende Neuigkeiten! Sie nahm an einer Gruppentherapie teil und hörte dort bizarre Geschichten von satanistischen rituellen Opferungen. Bald darauf traten diese Arten von bizarren Erlebnissen auch in ihren Tranceschreibsitzungen auf, einschließlich der Erinnerung daran, dass sie ein Baby getötet hatte.

    Weil Diana Halbrooks Erinnerungen an rituellen Missbrauch so unglaubwürdig scheinen, wuchsen ihre Zweifel an der Realität dieser und ihrer anderen wiedererlangten Erinnerungen weiter. Doch diese Zweifel trafen auf den Widerstand der Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe und ihres Therapeuten. „Ständig hinterfragte ich die Erinnerungen, bezweifelte sie, aber als ich den Therapeuten fragte, schrie er mich an und sagte mir, ich brächte meinem ‚kleinen inneren Mädchen' nicht  genügend Vertrauen entgegen. Er sagte mir, ich würde die Realität leugnen. Ich wusste nicht, was ich glauben sollte. Aber ich vertraute ihm." (Schacter, 1996).

Halbrook verließ die Therapie – von Daniel Schacter als „giftig" bezeichnet – und glaubt nicht länger an ihre absurden Erinnerungen. Schacter merkt dazu an, dass „die vernünftigste Interpretation ist, dass die Ereignisse [die in der Therapie hervorgerufen wurden] keine Grundlage in der Wirklichkeit haben."

Jede der beschriebenen Methoden hat sich als sehr erfolgreich herausgestellt, wenn es darum ging, Patientinnen dazu zu bringen, sich an viele Dinge zu „erinnern", derer sie sich vor der Therapie nicht bewusst waren. Diese „Erinnerungen" schließen nicht nur solche an sexuellen Missbrauch im Kindesalter ein, sondern auch sehr bizarre Dinge wie etwa eine Entführung durch Außerirdische zum Zwecke sexueller Experimente oder Züchtung, die Teilnahme an satanistischen Ritualen oder ein Trauma in einem früheren Leben.

Der Psychologie Joseph de Rivera meint, dass in dieser Therapieform „der Therapeut, anstatt dem Patienten zu helfen, Wahrheit von Wahnvorstellung zu trennen, den Patienten ermuntert, mehr von dem angeblichen Träuma ‚hervorzuholen'. Und wenn der Patient ein Bild vor Augen hat – einen Traum oder ein Gefühl, dass irgend etwas geschehen sein könne – fühlt sich der Therapeut bestätigt, lobt die Mühen des Patienten und versichert ihm, alles sei wirklich so geschehen." Diese Art von Therapie, so de Rivera, „verwischt den Unterschied zwischen echtem und fantasiertem Missbrauch und fördert die Zerstörung von Familien" (de Rivera, 1993).

Die False Memory Syndrome Foundation behauptet, Hunderte solcher Fälle in ihren Akten zu haben. Einige davon sind vor Gericht verhandelt worden, und Therapeuten wurden für schuldig befunden, ihren Patienten durch das Einpflanzen falscher Erinnerungen Schaden zugefügt zu haben. Trotz der Behauptungen über Hunderte von erfolgreichen Nachforschungen zum Auffinden verlorener Erinnerungen durch Traumasuchtherapeuten akzeptieren einige Richter auf diese Art wiedergefundene Erinnerungen nicht als Beweise. Richter William J. Groff, New Jersey, schrieb zu einem Fall von 1995:

     [...] das Phänomen der Erinnerungsverdrängung und der Verlauf der Therapie, die in diesen Fällen verwendet wurde, um die Erinnerungen wiederzuerlangen, sind innerhalb der Psychologie nicht anerkannt und wissenschaftlich nicht verlässlich. (nach Schacter, 1996).

Eine andere Richterin aus New Jersey, Linda Dalianas, erlaubte zwar eine solche Aussage in einem späteren Fall, merkte aber an, dass

     [...] das Gericht keine Expertenmeinung über den Vorgang oder die Wahrscheinlichkeit der ‚Wiedergewinnung' einer angeblich verdrängten Erinnerung zulassen wird, da die Experten keinerlei Material vorgelegt haben, dass irgendeine Theorie stützt oder widerlegt, die sich mit der Frage befasst, ob oder wie eine ‚verlorene' Erinnerung wiedererlangt werden kann. (Schacter, 1996).

In Kalifornien, wo wiedererlangte Erinnerung nicht nur zugelassen war, sondern als Grundlage für eine Verurteilung wegen Mordes ausreichte, wurde das Urteil kassiert, weil versäumt worden war, der Jury mitzuteilen, dass die Quelle beinahe jedes erinnerten Details über den Mord jedermann leicht zugängliche Zeitungsberichte hätten gewesen sein können. Außerdem kam heraus, dass die Zeugin, die angab, eine spontane Rückerinnerung an das Verbrechen gehabt zu haben, diesbezüglich gelogen hatte, wie auch über den Umstand, dass sie einige, wenn nicht alle, ihrer Erinnerungen während einer Hypnotherapie wiedergewonnen hatte.

Fabrizieren Traumasuchtherapeuten falsche Erinnerungen an Missbrauch?

"Krieg der Erinnerungen" ist der passende Titel für Daniel Schacters Kapitel über verdrängte Erinnerungen  in seinem Buch Wir sind Erinnerung. Das Eintreten in die Kontroverse um verdrängte Erinnerungen und die Psychotherapien, die verwendet werden, um Erinnerungen an sexuellen Missbrauch im Kindesalter „wieder hervorzuholen", ist gleichbedeutend mit dem Eintreten in ein Kriegsgebiet. Auf der einen Seite – Befürworter der Idee von verdrängten Erinnerungen – sind diejenigen, die behaupten, dass Patienten mit bestimmten Arten von körperlichen und geistigen Störungen verdrängte Erinnerungen an sexuellen Missbrauch im Kindesalter haben, die in der Therapie wieder hervorgerufen werden müssen. Die andere Seite – Befürworter der Idee von falschen Erinnerungen – behauptet, die in der Therapie hervorgerufenen Erinnerungen seien keine Erinnerungen an tatsächlichen sexuellen Missbrauch als Kinder, sondern konstruierte Erinnerungen, errichtet aus den Materialien, dem Patienten vom Therapeuten in der Therapie suggeriert oder eingepflanzt.

Vertreter/innen der ersten Gruppe sind Lenore Terr, Laura Brown, Kenneth Pope, Laura Davis und Ellen Bass und andere. Auf der Seite der „falschen Erinnerungen" stehen Elizabeth Loftus, Carol Tavris, Richard Ofshe und die False Memory Syndrome Foundation und andere. Gegner in diesem Krieg werden nicht als Kollegen auf einer gemeinsamen Suche nach der Wahrheit gesehen, sondern als Dämonen, Schurken oder Betrüger abgestempelt. Schacter geht wie auf Eiern bei seiner Darstellung, was auf diesem Gebiet bekannt, unbekannt, vermutet etc. ist. Seine Schlussfolgerungen erscheinen ziemlich lahm, wenn nicht sogar widersprüchlich, wenn man die Beweise bedenkt, die er vorbringt:

 Erstens gibt es keine definitiven wissenschaftlichen Beweise aus kontrollierten Untersuchungen, dass falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch fabriziert werden können – und aus ethischen Überlegungen heraus werden solche Beweise niemals existieren. Zweitens gibt es keine endgültigen wissenschaftlichen Beweise, die aufzeigen, dass eine Therapie an sich oder spezielle suggestive Techniken alleinverantwortlich sind für die Erschaffung ungenauer Erinnerungen. Drittens, mehrere unabhängige Standbeine, zusammen genommen, stützen die Schlussfolgerung, dass einige Therapeuten dazu beigetragen haben, illusionäre Erinnerungen an sexuellen Missbrauch zu fabrizieren [...]

Andererseits legt Schacter starke Beweise aus kontrollierter Forschung vor, dass Erinnerungen fabriziert werden können, und er stellt überzeugend dar, dass Verdrängung (repression), die konzeptuelle Basis für diese Therapieformen, von der Wissenschaft kaum gestützt wird. Dieses Konzept wird in psychologischen und psychiatrischen Kreisen weitgehend akzeptiert – ähnlich wie die verwandte Theorie der Dissoziation – aber wissenschaftliche Studien, die diese Mechanismen belegen, gibt es nicht. Die Anhänger der verdrängten traumatischen Erinnerungen beginnen mit der Annahme, dass das Vorhandensein einer Reihe von Symptomen ein Beweis für sexuellen Missbrauch im Kindesalter ist. Viele dieser Symptome weisen nicht notwendigerweise auf ein tiefes psychologisches Problem hin, schon gar nicht auf einen traumatischen Ursprung. Sie könnten symptomatisch für eine ganze Reihe von Störungen sein, die nichts mit sexuellem Trauma zu tun haben. Therapeuten, die davon ausgehen, dass ihre Patienten sexuell belästigt wurden, und darüber hinaus annehmen, dass jedwede Erinnerung, die die Patienten haben, ganz gleich wie fantastisch oder wahnhaft, entweder präzise Erinnerungen an Missbrauch oder Symbole für Missbrauch sind, brauchen ihren Patienten keine Erinnerungen einzupflanzen, um herauszufinden, dass sie missbraucht worden sind. Die Therapeuten haben von vorneherein festgelegt, dass jedes geistige Versatzstück, das sie entdecken, sie auf den Weg in Richtung Kindesmissbrauch als Ursache für die Probleme der Patienten führen wird.

Untersuchungen von Marcia Johnson und anderen haben gezeigt, dass die Fähigkeit, Erinnerung von Phantasie zu trennen, von der Erinnerung an die Quelleninformation abhängt (Schacter 1996). Folglich können wiedererlangte Erinnerungen an Missbrauch sehr lebhaft und detailgenau sein, jedoch falsch in Bezug auf die Quelle der Erinnerung. Im Falle von Diana Halbrook ist es zum Beispiel sehr wahrscheinlich, dass die Quelle ihrer satanistischen Ritualerinnerungen in ihrer Gruppentherapie gefunden werden kann.

Missbrauchserinnerungen und ihr Symbolgehalt

Ein Ziel, dass die Verdrängungsbefürworter in diesem Krieg der Erinnerungen erreicht hat, ist, die Aufmerksamkeit von dem fragwürdigen Mechanismus der Verdrängung (repression) und ihrer vorbestimmten, unwissenschaftlichen Methode der Interpretation der symbolischen Bedeutung von Erinnerungen abzulenken und auf die Frage zu reduzieren, ob die Therapeuten ihren Patienten Erinnerungen eingeben. Dies lag nicht in ihrer Absicht, aber es resultierte aus einer Reihe von Klagen von ehemaligen Patientinnen gegen Therapeuten, Patientinnen, die ihre in der Therapie entdeckten Erinnerungen an Kindesmissbrauch widerriefen und ihre Therapeuten beschuldigten, ihr Leben durch das Einpflanzen falscher Erinnerungen ruiniert zu haben. Die Frage jedoch, ob eine bestimmte Erinnerung von einem bestimmten Therapeuten eingepflanzt wurde, ist vor allem deswegen wichtig, weil die angeblichen Erinnerungen samt und sonders schreckliche Dinge zum Inhalt haben und das Leben der Betroffenen (Patientinnen und Angehörige) stören oder sogar zerstören. Würden die Therapeuten gute Erinnerungen in das Gedächtnis ihrer Patientinnen pflanzen und ihnen dadurch helfen, ihr Leben und ihre Beziehungen besser zu gestalten, ist es unwahrscheinlich, dass es zu einem solchen Aufschrei kommen würde.

Einige der auf diese Art wiedergewonnenen Erinnerungen sind außerordentlich bizarr, so bizarr, dass man meinen möchte, ein vernünftiger Mensch könne sie kaum so hinnehmen. Aber Traumasuchtherapeuten lassen sich von bizarren „Erinnerungen" nicht abschrecken. Sie akzeptieren sie entweder prima facie (wie etwa John Mack bei seinen Patienten, die von Außerirdischen entführt wurden, oder andere, die Kinder interviewen), oder sie betrachten sie als „Artefakte" des Geistes, die sie analysieren müssen wie Archäologen, die die Wahrheit aus den Artefakten herauslesen müssen. Vielleicht fassen sie die fantastischen Erinnerung auch als Symbol für das echte Erlebnis auf.

Laura Brown, eine Psychologin aus Seattle an der vordersten Front, sagt zum Beispiel, dass fantastische Erinnerungen „vielleicht kodierte oder symbolische Versionen dessen sind, was wirklich geschehen ist." Was wirklich geschehen ist, dessen ist sie sich sicher, ist sexueller Missbrauch im Kindesalter. „Wer weiß, was Kinderschänder getan haben, das später als satanistisches Ritual und kannibalistische Orgie berichtet wird?", fragt Dr Brown (Hallinan, 1997).

In der Vergangenheit hat Dr Brown die False Memory Syndrome Foundation wegen ihrer Unwissenschaftlichkeit kritisiert, aber ihre Betonung der symbolischen Natur von fantastischen Erinnerungen hat selber nur wenig wissenschaftliche Glaubwürdigkeit. Wo sind die wissenschaftlichen Beweise, dass eine fantastische Erinnerung von einer Wahnvorstellung unterschieden werden kann? Wie trennen wir zwischen Erinnerungen an echten und symbolischen Kannibalismus? Wir wissen meistens, was ein Kruzifix oder ein Hakenkreuz bedeutet, aber wofür steht das Fressen eines Babys? Symbole können mehrdeutig sein. Wie können wir sicher sein, dass die Erinnerung ein Symbol für Kindesmissbrauch ist und nicht für Missbrauch als Erwachsener durch Mitarbeiter, durch andere Kinder, die den Patienten vor Jahren quälten, oder durch den Therapeuten selber? Können wir sicher sein, dass es nicht ein Symbol für Selbstmissbrauch ist – oder dass es überhaupt für irgendeine Art von Missbrauch steht? Wie kann man unterscheiden zwischen einem Symbol für Missbrauch und einem Symbol für Angst vor Missbrauch? Überhaupt, wie würde man trennen zwischen einer symbolischen Repräsentation der Angst, missbraucht zu werden, und einer Repräsentation der Angst, jemanden anderes in der Gegenwart zu missbrauchen, oder der Reue über den Umstand, dass man in der Vergangenheit jemanden anderes missbraucht hat? Die Gefahren und die hohe Wahrscheinlichkeit der Fehlinterpretation von symbolischen Erinnerungen sollten offensichtlich sein, insbesondere wenn nicht immer klar ist, dass eine Erinnerung wirklich ein symbolischer Ausdruck ist.

Müssen wir kritiklos die Idee akzeptieren, dass jede Erinnerung, wahr oder falsch, ein Stück Wahrheit, objektiv oder subjektiv, widerspiegelt, das nur ein geübter Therapeut ermitteln kann? Das scheint die Ansicht einiger Befürworter zu sein. Falls dies der Fall ist, so fordert man uns auf, Mystizismus anstelle von Wissenschaft zu akzeptieren. Auf welche Weise kann man die Behauptung widerlegen, dass eine an sich unglaubliche Erinnerung eine symbolische Botschaft darstellt? Kann sich irgend jemand einen empirischen Test für diese Idee vorstellen? Wäre die Frage lediglich nach dem Wahrheitsgehalt der Erinnerung, so gäbe es Grund zur Hoffnung, dass man in einigen Fällen feststellen kann, dass die Erinnerung wahrscheinlich wahr oder falsch ist. Aber stellt man die Frage, ob eine Erinnerung eine Bedeutung hat, so wird dies vermutlich problemlos zugestanden, da wir es nicht mögen, uns selbst als Menschen zu betrachten, die etwas ohne Grund tun.

Wie ermitteln wir den wahren Grund für eine Konfabulation? Werden Therapeuten und diejenigen unter uns, die Erinnerungen oder Träume interpretieren, nicht selber zu Geschichtenerzählern? Ist es in dieser Rolle nicht vernünftig, davon auszugehen, dass unsere Geschichten nicht wortwörtlich wahr sein mögen, aber symbolisch sind und von einem anderen Geschichtenerzähler interpretiert werden müssen, ad infinitum? Vielleicht muss man die „Verdrängung" nicht wörtlich nehmen, sondern symbolisch. Vielleicht muss jeder Therapeut eine sujektive Wahrheit für Konzepte wie „Verdrängung" und „Therapie" entwickeln. Ist dies der Fall, so ist Therapie eine gefährliche Waffe, die von jedermann gefürchtet werden sollte, und keine Segnung, der von Menschen mit psychologischen Problemen gesucht werden sollte. Die Geschichte erzählt Bände darüber, was passiert, wenn sich eine Gruppe von Autoritäten der empirischen Beweislast nicht mehr stellen muss, sondern die Wahrheit nach Wunsch definieren kann. Keines dieser Beispiele hat ein gutes Ende genommen. Warum sollte es bei der Therapie anders sein?

 

Literaturtips (englisch)

Baker, Robert A. Hidden Memories: Voices and Visions From Within (Buffalo, N.Y. : Prometheus Books, 1992.).

de Rivera, Joseph. "'Trauma searches' plant the seed of imagined misery," The Sacramento Bee, May 18, 1993.

Hallinan, Joseph T. "Money for repressed memories repressed," Sacramento Bee, Jan. 12, 1997, Forum.

Johnson, M.K. et al. "Source Monitoring," Psychological Bulletin, 114, 3-28.

Johnston, Moira. Spectral Evidence: The Ramona Case: Incest, Memory, and Truth on Trial in Napa Valley¥ (Westview Press, 1999).

Loftus, Elizabeth. The Myth of Repressed Memory (New York: St. Martin's, 1994).

Ofshe, Richard and Ethan Watters. Making Monsters: False Memories, Psychotherapy, and Sexual Hysteria (New York: Scribner's, 1994).

Schacter, Daniel L., editor, Memory Distortion: How Minds, Brains, and Societies Reconstruct the Past (Harvard University Press, 1997).

Schacter, Daniel L. Searching for Memory - the brain, the mind, and the past (New York: Basic Books, 1996).

Singer, Margaret Thaler and Janja Lalich. Crazy Therapies (San Francisco: Jossey-Bass, Inc., 1996).   Review of "Crazy" Therapies

Tavris, Carol. "Hysteria and the incest-survivor machine," Sacramento Bee, Forum section, January 17, 1993.

Wakefield, Hollida and Ralph Underwager. Return of the Furies - An Investigation into Recovered Memory Therapy (Peru, Illinois: Open Court Publishing Co., 1994).

(deutsch)

Zwölf Mythen über Falsche Erinnerungen

Schacter, Daniel: Wir sind Erinnerung. Reinbek bei Hamburg 1999 (Original Searching for Memory, s.o.)

 

 

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