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5.5.95

Der 8. Mai - ich kapituliere

Das mit dem 8. Mai, das kann ich einfach nicht mehr hören! Es hängt mir zum Hals raus. Immer wieder, Jahr für Jahr, kommt die alte Leier. Ich kann sie nicht mehr hören! Keiner kann sie mehr hören.

Diejenigen, die kapiert haben, worum es geht, die haben die Sache schon längst verstanden - aber wie bei einem Idioten wird ihnen das Zeug immer wieder vorgekaut. Und diejenigen, die es bis heute nicht verstanden haben, die werden es auch in Zukunft nicht verstehen. Die wollen nicht verstehen - und hören schon lange nicht mehr hin.

Keiner hört mehr hin. Aber alle reden sie davon: die Politiker, die Sinti und Roma - und die Juden. Überall reden sie davon. Die Politiker, weil sie reden, was sie glauben, daß sie sagen müssen, damit sie wieder gewählt werden. Die Sinti und Roma, weil sie Wiedergutmachung wollen, die sie bis heute nicht bekommen haben. Die Juden, weil sie eine Wiedergutmachung haben, aber sie reicht ihnen nicht. Die Juden selbst können es doch auch nicht mehr hören! Wer kann es schon ertragen, ewig, jeden Tag, jede Sekunde an dieses Grauen erinnert zu werden!? Niemand. Aber sie haben es gern, wenn man davon redet. Denn dann werden sie nicht vergessen. sie die Juden, und sie, die Untaten, die man an ihnen begangen hat. Jedes Mal, wenn gesprochen wird darüber, dann ist es ihre persönliche Wieder- NEIN! Nicht Wiedergutmachung! Nichts von alledem kann man "wieder gut" machen! Es ist eine Rache. Ich gönne sie ihnen, ich gönne sie ihnen von ganzem Herzen. Und es tut mir leid, so unendlich leid, daß sie noch immer viel zu klein für das, was damals geschah.

Es geschah nämlich viel mehr, damals. Aber darüber können nicht mehr viele sprechen, einfach, weil sie nicht mehr da sind, oder weil sie nicht sprechen können, einfach weil ihnen die Sprache fehlt, weil sie nie sprechen konnten, vielleicht weil sie geistig behindert waren. All die Stummen - was ist aus ihnen geworden? All die, die reden konnten, aber keiner wollte sie hören - was ist aus ihnen geworden? Wo bleibt ihre Rache? Wo bleibt ihre Sühne? Wer spricht heute von ihnen? Und - selbst, wenn es einer täte - würden sie wieder lebendig werden davon? Nein. Also: Warum darüber reden? Die einen wissen Bescheid, die anderen wissen sowieso von nix.

Außerdem ist das, was damals die Nazis gemacht haben, nur ein winziger Bruchteil der Wahrheit. Die volle Wahrheit ist viel, viel schlimmer - aber darüber spricht keiner.

Wir hören Geschichte immer nur von denen, die überlebt haben. Und wir hören, wenn wir etwas hören dürfen, wenn die herrschende Klasse uns das erlaubt. Wie war das mit den Indios, als die Spanier und Portugiesen in Amerika einfielen? Wie war das mit den Buren in Südafrika und den KZs, die es dort gab? Schweigen! Wie war das mit all den Toten, die im Namen - und im Willen! - der Kirche bestialisch ermordet wurden? Schweigen. Wie ist das mit den Toten in Irland, den Protestanten und den Katholiken? Wie geht es diesen Menschen? Selbst wenn sie gar nicht töten wollen, dann werden sie gezwungen, im Namen ihres Gottes, mag er nun Allah oder sonstwie heißen. Die Wirkung ist dieselbe: Tot! Was ist mit dem, der nicht töten will, der vielleicht gar nicht an seinen Gott glaubt, der gar keinen Grund sieht, irgend jemandem etwas böses zu tun? Die Anderen ermorden ihn, weil er auf der falschen Seite steht. Und die eigenen Leute bringen ihn um, weil er ein "Verräter" ist.

Was ist mit all denn Toten in Iran, Irak, Kurdistan? Ja, wieso ist Kurdistan nicht längst ein eigener Staat? Aber man braucht das Land, am besten ohne die Menschen darauf. Was ist mit den Toten in Algerien, fein säuberlich zerfleischt dank und für eines wunderbaren Etwas, das "Islam" heißt? Schweigen.

Wieso Schweigen, wo wir doch alle zuschauen? Wieso auch schweigen über die über 200.000 Toten in Jugoslawien? Und was ist mit denen in Tibet und in Tschetschenien? Schweigen. Wir dürfen schweigen. Wir sind die derzeit herrschende Klasse. So wie die Portugiesen und die Spanier es waren, so wie es die weißen Einwanderer in Nordamerika waren, so wie es die Weißen über die Schwarzen sind. So, wie es die Chinesen in Tibet sind und so, wie es die Politiker über uns sind.

Recht hat, wer überlebt. Recht hat, wer stärker ist. So, wie der Neandertaler unserer Zeit den Mann vom Fahrrad stößt, weil der nur ein Bein hat. So, wie der Schüler, der einen anderen zusammenschlägt, weil ihm seine Jacke nicht gefällt. So, wie die Klasse den Einen zusammenschlägt, nur weil der anders spricht.

Moral ist eine Sache der Konvention - oder der sofortigen Bezahlung, hat Stanislaw Jercy Lec gesagt. Und der Andere, der konveniert nun mal nicht. Es konveniert, jemanden zu verurteilen, zu Gefängnis oder was sonst immer, nur weil der Eine jemanden hat sterben lassen - so wie der Busfahrer einen Fahrgast aussteigen und sterben ließ. Das konveniert. Aber die 200.000 Toten in Jugsolawien - nein, das konveniert nicht. Da gelten andere Regeln. Stirbt der Fahrgast einen anderen Tot als das kleine Kind in Kroatien? Stirbt der Jude anders als der Yanomami? Moral!

Moral ist eine Sache der Apostel, der Apostel, die sie verkündigen. Daß sich diese irren, ist menschlich - also natürlich - also ganz normal - also alltäglich. Jedem seine eigene Moral. Das Mobbing, auch so eine neue Erfindung, ein neues Wort für einen alten Hut. So wie auch die zerschlagenen Schulkinder plötzlich mit neuen Worten gesehen werden, obwohl das schon vor über 35 Jahren ganz normal war, daß jemand plattgeschlagen wurde, weil er nicht konvenierte. Nur wurde damals das Opfer zum Psychiater gezerrt, denn, wenn es Ärger mit der Klasse gibt, dann ist immer der einzelne Schuld - niemals die Klasse. Was ist, wenn alle einem Juden die Scheibe einzuschlagen und einer ist dagegen? Dann ist die Klasse im Recht. Nazitum, ganz klar. Wieso Nazitum? Moral! Und wenn der Eine nur nicht nach dem Willen der Klasse ist, weil er im tiefsten Bayern einen englischen Akzent spricht? Ja, also das müssen sie anders sehen! Die Sozialisation ...

Moral, Nazitum? Täglich geschehen und geschahen um uns herum Dinge, die mal als geltende Moral, mal als Nazitum bezeichnet werden. Doch sie sind ein und dasselbe! Keinen Unterschied gibt es zwischen dem Soldaten mit dem Hakenkreuz, der einen Polen erschießt und dem Bremer Schüler, der den anderen aus reinem Vergnügen blutig schlägt. Nazitum ist keine Erfindung der Nazis. Nazitum hat es schon vorher gegeben. Und: Nazitum hat nicht mit dem 8.Mai 1945 aufgehört! Das Nazitum geht unerschütterlich weiter, Tag für Tag, um uns herum, in allen Ländern der Welt - und alle schauen zu, oder schauen weg, oder hauen mit eins drauf. Das ist die Wahrheit. Und das tun sie alle, die Kraoaten, die Serben, die Juden, die weiße Herrenrasse, die Hutus und die Tutsis, und die Kleinen aus dem Kindergarten - jeder mit seinen Mitteln. Das ist die Wahrheit.

Also! Hört endlich auf, was vom 8. Mai zu erzählen und denkt endlich etwas weiter. Aber das konveniert wohl nicht. Ist halt eine Frage der Moral...

anonym

Armes Deutschland

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