23.1.2003
Die Masern-Epidemie 2001/2002 in Coburg war Anlaß zu heftigen Diskussionen in Webforen.
Ich danke Ulrike S. und den anderen Teilnehmern für die Genehmigung der Wiedergabe ihrer Forumsbeiträge.
Aribert Deckers
------------------------------------------------------------------------------Auszug aus der Zeitschrift für Ärztliche Fortbildung, Band 1/Heft 1 vom 01. August 1904
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Die Gesellschaft zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit
von Dr. C. Lowin in Berlin
Der Kampf gegen die Säuglingsterblichkeit, die naturgemäß gerade in der heißen Jahreszeit ihren Höhepunkt erreicht, ist in diesem Sommer erfreulicherweise in einer großen Zahl von deutschen Städten mit ganz besonderem Eifer aufgenommen worden.
Die Verhältnisse der Großstadt bringen es mit sich, dass hier die Lebensbedingungen für die Säuglinge am ungünstigsten sind. ... In erster Linie sind es die schlechten Ernährungsverhältnisse, welche die meisten Opfer verlangen. So geht in Berlin etwa die Hälfte aller Kinder, die im ersten Lebensjahre sterben, an Erkrankungen des Verdauungsapparates zugrunde. Infolge der im letzten Jahrzehnt gesteigerten Anteilnahme der Frauen am gewerblichen Leben, zum Teil aber auch infolge der Bequemlichkeit der besser situierten Frauen, ist die Zahl der Kinder, die in Berlin mit Muttermilch großgezogen werden, von 53 auf 33 Proz. zurückgegangen. ...
Nur 9% der gestorbenen Säuglinge wurden gestillt. ...
Offensichtlich ist die Qualität der Milch von größter Bedeutung, und nicht zum geringsten Teile liegt es an der Unwissenheit der Frauen, die es nicht verstehen, die Milch sachgemäß zu behandeln. ...
Im vorigen Winter hat sich hier eine "Gesellschaft zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit" gebildet, die in erster Linie das Ziel verfolgt, für die große Masse der Bevölkerung den Bezug einer hygienisch möglichst einwandfreien und dabei ausreichend billigen Milch zu ermöglichen. ... 46 Tierärzte .. kontrollieren möglichst häufig die Sauberkeit der Kühe, des Stalles der Streu, der Milchgewinnung usw. .. Es müssen Mindestanforderungen erfüllt werden. ... Verlangt wird 1. dass die Kühe im Ganzen sauber aussehen, 2. dass das Euter vor dem jedesmaligen Melken gereinigt wird, 3. dass der Melker vor dem jedesmaligen Melken die Hände wäscht und 4. dass nur Milch zum Verkauf gelangt, die sofort nach dem Melken in kaltes Wasser gestellt worden ist. Bei den häufigen Besuchen der Tierärzte in den Ställen wird selbstverständlich auch auf Gesundheit der Kühe, Reinlichkeit der Gefäße, gesunde Beschaffenheit des Futters usw. gesehen. ...
In einem Merkblatt werden die unter tierärztlicher Kontrolle stehenden Kuhställe bekannt gemacht. ...
Es wird besonders darauf geachtet, dass altes Stroh aus Strohsäcken zu Streu nicht benutzt wird. Zur Kontrolle der Milch finden nach Bedürfnis an drei verschiedenen Stellen Untersuchungen auf Fettgehalt, spez. Gewicht, Schmutz und, wenn nötig, Bakteriengehalt statt. ...
Ein von der Gesellschaft herausgegebenes "Merkblatt" ... hat auf der ersten Seite folgenden Text:
Mütter beachtet diese Mitteilungen der Gesellschaft zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, wenn Euch das Leben Eurer Kinder lieb ist.
In den genannten Punkten wird ausführlich auf die Aufbewahrung und Behandlung der Milch eingegangen.
Dieses Merkblatt wird wöchentlich mit Unterstützung des Statistischen Amtes jeder Mutter zugeschickt, welche innerhalb der betr. Woche laut Meldung bei dem Standesamt von einem lebenden Kinde entbunden worden ist. ... Um den Absatz der Milch zu fördern, werden Tafeln in den Fabriken verteilt, die den hohen Nährwert der Milch demonstrieren.
Eine solche Aktion wäre auch heute noch für unsere Kinder in den Schulen wünschenswert! -
Dieser Beitrag zeigt uns, welche Ziele in der Prophylaxe durch einen engagierten Einsatz zu erreichen sind.
Erfreulicherweise tritt nunmehr auch der Magistrat der Reichshauptstadt dieser so wichtigen sozialhygienischen Frage näher; es sind BEratungen über Maßregeln im Gange, die zu einer Herabminderung der Säuglingssterblichkeit dienen sollen.
Spät, aber doch nicht zu spät, könnte man meinern. Allerdings wissen wir nicht, nach welcher Zeit damals die Beratungen der Kommission Erfolge bewirkten.
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Der normal gesetzte Text ist aus dem alten Zeitschriftenartikel, die kursiv gesetzten Teile sind Anmerkungen von Dr. Geibel (Dresden), der/die diesen Artikel in der alten Zeitschrift aufgestöbert hat.
Die Zeitschrift, immerhin mitbegründet von Ernst von Bergmann, einem bedeutenden deutschen Kliniker, gibt es heute noch unter dem Titel "Zeitschrift für ärztliche Fortbildung und Qualitätssicherung".
Die Probleme der Mütter von 1904 haben wir heute zum Glück nicht mehr. Aber vielleicht denkt die eine oder andere von Euch mal darüber nach, dass die Segen der modernen Lebensmittelhygiene, viele Errungenschaften der prophylaktischen Medizin wie Vorsorgeuntersuchungen und Schutzimpfungen aus solchen kleinen Initiativen entstanden sind.
Wir tun gut daran, uns dessen bewußt zu sein.
Claudia
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Aribert Deckers