Server Freies Bremerhaven
Bremerhaven, 21.6.2001
Ein Leserbrief erreichte uns per Email:
Ich meine: erfolgreich telefoniert? TATSÄCHLICH denjenigen an die Strippe gekriegt, mit dem man reden wollte?
Das Erstaunliche beim Telefon ist, daß, je mehr Apparate es gibt, die Telefonate immer dümmer werden. Statt gleich mit demjenigen zu sprechen, mit dem man sprechen will, hat man erst mal eine Wahnsinnsmaschine am Rohr. Und wenn es endlich mal ein Mensch ist am anderen Ende der langen Leitung, dann hat er eine solche.
Ehrlich, mit einer Firma telefonieren ist eine WählscheiBe. Schuld daran hat eine Frau. Kurz nach dem 2. Weltkrieg ist eine hochbegabte Telefonmißbraucherin auf die Idee gekommen, SIE sei die Seele der Firma, SIE sei die Stütze des Chefs. SIE, jawohl, SIE! SIE müßte ihrem anbetungswürdigen Vorgesetzten die Last der Arbeit abnehmen, SIE müßte IHN vor den Unbillen dieser Welt schützen, auf daß ja nichts und niemand zu IHM käme.
Mit anderen Worten: Wer ihren Chef sprechen wollte, landete bei ihr und nur bei ihr. HAARKLEIN mußte man IHR erklären, was man wollte. WOW, da fühlt sich so ein Vorzimmergestell erst einmal so richtig als tragendes Element. Nicht mehr Bleistifthalter und Büroklammerbiege, sondern Betonträger im Fundament. Atlas des Büros, Trager der Welt. Obwohl, es reicht zu allem nicht...
So landen denn viele Gespräche im Müll: Details werden nicht richtig aufgeschrieben, nicht verstanden, nicht richtig weitergegeben. Oder der Anrufer gleich wieder ausgeschmissen.
"Wollen Sie Ihre Firma in die Pleite treiben, holen Sie sich einen Vorzimmer-Zerberus."
Bei Ärzten ist das toll, weil die Frau Meier wird zu Frau Müller, der Binddarm zu Ohrenschmerzen und die Aspirintabletten zur Urinprobe. Der Informationsfilter vor dem Arzt verdreht alles und versteht nichts. Kein Wunder, daß die Patienten das falsche Medikament kriegen.
Ein Wunder, daß so viele trotzdem überlebt haben. Aber die Rasse Mensch ist zäh...
Die hohe Kunst des Telefonversagens wird sogar in Kursen gelehrt, auf der hohen Schule der Sekretärinnen. Auf der Chefseite blieb dies nicht ohne Folgen: "Was, Sie haben noch keine Sekretärin? Sie haben wohl nichts zu tun..!?"
Wer sich einbildete, wer zu sein, der MUSSTE sich einen Vorzimmerklotz ins Haus holen. Das war in. Das gehörte dazu. Das war nobel. Das war edel. Hebt das Prestige. Auch wenn zu sonst allem zu blöd, eine Sekretärin konnte er gerade noch einstellen. Was, zugegeben, manche Firma sogar gerettet hat. Auch vor dem eigenen Chef...
Aber mit dem ernsthaften Telefonieren war es vorbei. Sie wollen einen Verkäufer sprechen? "Geben Sie mir erst mal Ihre Kundennummer?" Wie, man ist kein Kunde!??????? Ohne Kundennummer geht gar nichts. Und raus bist du...
Glück darf preisen, wer Müller heißt. Das kann man ja fast nicht falsch schreiben. Meier sind schlimmer dran, mit ai und mit ay und ey und ei. Und was noch. Mit aj ? Pech gehabt. Krabikowsky oder Redelband? Keine Schangse... Es gibt nichts, was ein vollausgebildeter Telefonist nicht falsch verstehen und erst recht falsch schreiben kann.
Die Schikaneria des Technikmißbrauches hat keine Hemmungen, "das System" zu erfinden: "Bei uns ist das aber so!" "Das ist eine Weisung der Geschäftsleitung."
Kritik ist unerwünscht und mit Verweis auf die oberste Heeresleitung auf der Stelle zu erschießen. Nazi-, Stasi, und KGB-Allüren, völlig unpolitisch und doch so politisch.... Und soooooooooo politically correct!
Man kann die Täter nicht packen (oh, wie gerne würde man sie würgen!), weil die sich hinter dem System verstecken. Gegen das System zu kämpfen wiederum geht nicht, weil das zu mächtig ist. Schikane hat System. Sic!
Firmen leben vom Verkauf. Telefon ist für Firmen das Mittel zur Kommunikation, zum Kontakt mit dem Kunden, zum Verkaufsgespräch. Doch wie, wenn der Kunde draußen bleibt? Zwei Dinge gibts, die dennoch den Rubel bringen: Erstens der manifeste Drang zur Selbstentblößung und zur Selbstkasteiung, bestens plaziert auf allen Fernsehkanälen. Zweitens das Prinzip Hoffnung, DOCH NOCH, endlich, irgendwann, mit dem reden können, den man sprechen will.
Telefonieren, das ist Psychoterror vom Feinsten. Stünde man dem Telefoniker gegenüber, er müßte sich in Acht nehmen vor tieffliegenden Gegenständen und hochfliegenden Fäusten. Doch am Telefon? Nicht einmal dies gelingt...
Im Internet und auch im realen Leben hat sich ein neuer Gruß durchgesetzt: "Möge das Finanzamt über Sie kommen!"
Auch der Glückwunsch nach dem Konkurs soll schon ausgesprochen worden sein.
Und er war wirklich ehrlich, aus allertiefstem Herzen...
anonym
e-Mail: sfb@ariplex.com
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