Lieber Amadeus, liebe Mitdiskutanten,
die Holocaust-Ausführenden waren - oft obszön willig - von beiderlei Konfession. Es war oft gar nicht so schwierig, an sich anständige Leute auch noch für die widerlichsten Schandtaten zu ködern. Das Instrumentatrium totalitärer Macht stützte sich nämlich auf einen düsteren Untergrund antisemitischer Sprungbereitschaft in weitesten Teilen der Bevölkerung. Die jahrhundertelange Saat des religiös-christlich motivierten Antijudaismus ist im Europa des 20. Jahrhunderts - durchaus nicht nur in Deutschland - wieder einmal wild wuchernd aufgegangen.
Dabei hat die katholische Kirche eine überaus fragwürdige Rolle gespielt. Als weltweit operierende Instuitution war sie den NAZIs nicht so unbedingt ausgeliefert, wie die portestantischen Kirchen, die sich vollständig im Herrschaftsbereich des totalitären NAZI-Staats befanden. Die einzelnen Menschen dagegen, gleichviel ob Protestant (Lutheraner) oder Katholik, waren vollständig dem totalitären Machtanspruch der NAZIs unterworfen. Trotzdem haben sich viele Christen vehement und unter Einsatz von Leib und Leben gegen die inhumanen Machenschaften der NAZIs gewandt. Darunter waren auch etliche katholische Geistliche. Von den 25.000 katholischen Klerikern und Ordensmitgkliedern wurden nur etwa 300 vor NAZI-Gerichte gestellt, insgesamt aber etwa 3.000 katholische Kleriker und Ordensmitglieder wurden faktisch - also sehr oft ohne Gerichtsurteil - verfolgt und in KZs verbracht, wo viele erbärmlich umgebracht wurden.
Dies betraf stets den niederen Klerus und ganz wenige Ordensobere. Die katholische Amtskirche dagegen hat sich offiziell vielfach in abstoßendster Weise mit den NAZIs arrangiert - natürlich oft mit heimlichem Abscheu. Selbst ein so selbstbewußter Bischof wie Kardinal Graf von Galen hat sich zwar vehement gegen die Euthanasie an Christen gewandt - aber nicht einmal an das Thema gerührt, das den Kern des NAZI-Fanatismus ausmachte: die Judenvernichtung. Diese ganz offiziell und laut von den NAZIs verkündete Politik der Judenunterdrückung und Judenvernichtung wurde von der katholischen Kirche offiziell nicht deutlich und ernsthaft angegriffen. Dies nämlich hätte den völligen Bruch mit dem NAZI-Regime heraufbeschworen, dem aber standen strategische Hoffnungen und politische Rücksichten im Wege, die der Vatikan mit der militärischen Rolle NAZI-Deutschlands im Kampf gegen den Kommunismus verband.
Die katholische Kirche muß damit leben, daß der Vatikan unter Pius XI und Pius XII betont unter diplomatisch-politischen Vorzeichen in die Welt schaute, wo es vielleicht christlicher gewesen wäre, dem NAZI-Ungeist mit offenem Visier ausgesprochen religiös-moralisch entgegenzutreten. Viele Katholiken hatten damit zu ringen, daß Papst und Kurie Hitler zu instrumentalisieren versuchten, wo man solch ein Werkzeug nicht mit der Kneifzange hätte anfassen dürfen. Die Sache wird nicht besser dadurch, daß der Verdacht ensteht, daß zumindest unterschwellig der uralte christliche Antisemitismus die natürliche Empörung gegen hunderttausendfachen Mord an Juden stark abgedämpft hat.
Die katholische Amtskirche hat daher allen Grund, ihr "mea culpa" für sich selbst zu sprechen. Und die Fortsetzung dieses Bekenntnisses lautet nicht, wie Amadeus hier andeutet: Meine Schuld! - Meine große Schuld! - DEINE übergroße Schuld!
Über die Sünden anderer redet man nicht beim Bekenntnis der eigenen Schuld.
Mit freundlichen Grüßen Udo Teichmann
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