Datum: 10.04.2000 19:29:11 Autor: Udo Teichmann ©
Papst Johannes Paul II. für mich ein Heuchler...


Haltet den Dieb!
   
Liebe Mitdiskutanten,

der Papst hat für die Kirche sein "mea culpa" gesprochen, wegen des Antisemitismus und der Rolle von Kirche und Kurie im Kontext des Holocaust. Einer Katholiken erschien das zu flau und zu formelhaft, sie nannte es Heuchelei.

Daraufhin Auftritt der Retter unserer katholischen Moralität: Das Thema wurde umgedreht, und ab sofort wurde nur noch über die Sünden anderer geredet, speziell von Luther und Protestantismus insgesamt.

Ein "mea culpa" ist eine moralische Tat, das demütige Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeiten, Irrtümer, Vergehen gegen den Geist und den Anspruch, unter dem man angetreten ist. Die katholische Kirche ist nicht angetreten, um moralisch ein bißchen oberhalb von Mord und Totschlag zu enden - und doch stecken ihr auch massenhaft Mord und Totschlag in den schweren Prunkgewändern.

Es geht wahrhaftig nicht um Ruhmestaten sondern um Schandtaten, es geht nicht um Prahlerei über das herbeifabulierte eigene moralische Glitzerwerk, wenn unter Christen Millionen von Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Abstammung umgebracht werden, und wenn die Wurzeln dieses mörderischen Ungeistes zurückgehen auf eine jahrhundertelange Tradition des eigenen katholischen Glaubens.

Den christlich-religiös motivierten Antijudaismus als "Nicht mögen!" hinzustellen - eine ekelhaftere Verniedlichung der jahrhundertlangen Quälerei, Drangsaliererei, Entrechtung und mörderischen Verfolgung der Juden durch Christen aller Richtungen kann ich mir nicht vorstellen. 1400 Jahre lang war dieser widerwärtige Antijudaismus eine ausschließlich "katholische" Sünde wider den Heiligen Geist, bis im Luthertum und Protestantismus diese üble Geisteshaltung fortgesetzt und zum eigenen Unrecht gemacht wurde. Aber - Luther hat seinen Antisemitismus nicht von den Buddhisten gelernt, nicht von den Schamanen, nicht von den Aborigines - sondern von seinen Ziehvätern im Gewand der katholischen Dominikaner.

Dafür hat der Papst sein "mea culpa" gesprochen - und statt diese Schuld auch nur einen Moment in Demut auszuhalten, statt vor dieser entsetzlichen historischen Last bereuend zu verstummen - haut man mit der rechthaberischen Unschuldsmine pseudo-wissenschaftlicher Detailaussagen auf Luther und protestantische Kirchen ein, als könnte man so die Erzübel in der eigenen katholischen Seele ausmerzen.

Das kann man nicht dem Papst vorwerfen. Er wenigstens hat ja sein "mea culpa" gesagt, verhalten, formelhaft, verklausuliert - aber er bekennt EIGENE Sünden - hier dagegen wird dieses schwierige Bekenntnis des Papstes weggewischt - und mit geradezu triumphalistischer Genüßlichkeit nur noch von FREMDEN Sünden geredet.

Das ist es, wogegen ich mich hier wende. Beim "mea culpa" blickt man gefälligst in die eigene Mördergrube, und schielt nicht rechts oder links, ob man nicht womöglich von anderen in seiner eigenen Verderbtheit noch überboten wird. Wer so schielt - bereut nicht, obwohl Gebirge von Schuld auf seinen Schultern lasten.

Und das ist für mich fast mehr ein ästhetisches, als ein ethisches Problem.

Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann