BRIEFE AN DIE SZ Donnerstag, 16. März 2000 Deutschland Seite 14 / München Seite 14
Kohl hat gesagt, er habe zu mir nie Vertrauen gehabt
[Bezug:] Offener Brief des amerikanischen Kommentators Jacob Heilbrunn an Walther Leisler Kiep / SZ-Magazin vom 10. März [Antwort von Walther Leisler Kiep:]
Lieber Jacob Heilbrunn! Ihr offener Brief im SZ-Magazin veranlasst mich, Ihnen in gleicher Offenheit zu antworten, wobei ich unsere Begegnungen 1997 und 1999 in bester Erinnerung habe. Mich als „einen Hauptschuldigen“ im Kohl-Skandal hinzustellen und auf Grund dieser Wahrnehmung meine gesamte Arbeit im Bereich der deutsch-amerikanischen Beziehungen und sogar die Atlantik-Brücke als „Tarnorganisation für meine Machenschaften“ und als im Kern „korrupt“ zu bezeichnen, hat mich entsetzt.
Lassen Sie mich vor allem Ihre Grundprämisse zurückweisen, ich sei Teil des so genannten Kohl-Systems. Helmut Kohl hat in seiner Fernsehsendung „Herr Kohl, was nun?“ im November 1999 im Zusammenhang mit seiner Spendensammlung in den neunziger Jahren erklärt, er habe zu mir nie Vertrauen gehabt und die Spendensammlung mit Personen seines Vertrauens durchgeführt. Von dieser Aktivität habe ich erstmalig im November 1999 durch Erklärungen von Kohl in der Öffentlichkeit erfahren.
Vielleicht hat sich in Ihrer Erinnerung an die Ereignisse im Zusammenhang mit Helmut Kohl die Tatsache verbunden, dass in meiner Gegenwart im August 1991 Karlheinz Schreiber Horst Weyrauch eine CDU-Parteispende in Höhe von einer Million Mark übergab, die der Steuerberater der CDU, Weyrauch, auf ein CDU-Konto bei der Hauck-Bank in Frankfurt einzahlte. Ausschließlich in diesem Zusammenhang laufen seit 1995 staatsanwaltliche Ermittlungen gegen mich.
Wenn Sie bereits 1997 einen mich begleitenden „Schatten“ feststellten, den Sie darauf zurückführen, dass ich damals genau gewusst hätte, es sei etwas faul in Deutschland und ich sei „zu feige“ gewesen, etwas zu tun, dann kann ich Sie nur bitten, sich daran zu erinnern, wie und warum ich mich von 1965 bis 1983 aktiv politisch engagiert habe. Meine Mitgliedschaft in der CDU seit 1961 bis heute hat mich nie davon abgehalten, mir über die wichtigen politischen Entscheidungen eine eigene Meinung zu bilden und diese im Rahmen des Möglichen durchzusetzen, auch wenn meine Ansichten nicht mit der Linie der Partei übereinstimmten.
Von 1972 bis 1982 setzte ich mich für die Verwirklichung der Brandtschen Ostpolitik ein, vertrat entgegen der damaligen amerikanischen Politik die Meinung, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der damaligen Sowjetunion sinnvoller Teil einer konstruktiven Ostpolitik sei.
Zwei Punkten aus Ihrem Brief möchte ich noch in aller Deutlichkeit widersprechen. Sie schreiben: „Denn genau wie viele andere Institutionen, die ihre Wurzeln im Kalten Krieg haben, ist Ihr Club (Atlantik-Brücke) in seinem Kern korrupt.“ Diese Verurteilung ist zutiefst ungerechtfertigt und kriminalisiert Generationen politisch engagierter Bürger in Deutschland, die nach dem moralischen und materiellen Zusammenbruch Deutschlands im Jahr 1945 unter großem persönlichen Einsatz die Einbeziehung der neu entstandenen deutschen Demokratie in die westliche Völkerfamilie mit Hilfe enger deutsch-amerikanischer Partnerschaft und Zusammenarbeit im Rahmen der Atlantik-Brücke bewirkt haben.
Zum zweiten Punkt: Zum Schluss Ihres Briefes zitieren sie E. M. Forster, der gesagt hatte, er würde eher sein Vaterland verraten als seine Freunde, und fügen hinzu: „Sie haben beides getan!“ Bei aller Bereitschaft, im eigenen Handeln über ein ganzes Leben eigene Fehler und auch eigenes Versagen zuzugestehen, wäre ich Ihnen doch dankbar, wenn Sie die Ungeheuerlichkeit dieser Schlussaussage Ihres Briefes einer Überprüfung unterziehen würden. Ich würde mich freuen, von Ihnen zu hören. Dr. Walther Leisler Kiep, Frankfurt
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