Datum: 05.08.2000 19:32:49 Autor: Hase ©
Handlungsbedarf
Re: Udo
In den meisten Fällen macht sich der Betreiber eines Forums erst Gedanken, wenn es zu spät ist.
P.S. Eingebildete Windmühlen-Feinde und virtuelle "Meinungsvertreter" dieser Sorte sind durchaus vergleichbar.
"Hinein in die bürgerlichen Medien"
Fast alle namhaften Publikationen sind inzwischen ja auch im Internet vertreten und bieten ihren Lesern auch diese "offenen Foren" als Diskussionsmöglichkeit über aktuelle Tagesthemen an. So kommt es, dass seit Monaten die Foren vieler Presseorgane und Parteien von typisch rechtsextremen Themen und Agitatoren beherrscht sind. Dabei ist durchaus eine Strategie erkennbar. Mit nur wenigen Aktivisten, die vermutlich keiner regelmäßigen Tätigkeit nachgehen, gelingt es diesen innerhalb nur weniger Wochen ein Forum zu dominieren und die bisherige Leserschaft bleibend zu verjagen. Diese Handvoll Neonazis spricht zu diesem Zeitpunkt dann schon von "unserem Forum".
Rechte Strategie
Natürlich geben sich die braunen Spießgesellen nicht sofort zu erkennen. Zunächst tritt man als "Konservativer", als überzeugter Demokrat auf. Dem folgt typischerweise der Einsatz von Vokabeln, die dem Sprachgebrauch eher "linker" Kreise der 6oer und 70er Jahre entnommen sind und deshalb zunächst unverfänglich wirken: Man gibt sich "kritisch", "undogmatisch", "fortschrittlich", ist "Systemkritiker", nennt sich "Nonkonformist", ist besorgt um die "nationale Identität" und will schließlich über "Tabuthemen" sprechen. "Tabuthemen", das sind z.B. die angebliche "Überfremdung", die Behauptung "alliierter Kriegsverbrechen", die Leugnung des Holocaust, aber auch die angebliche wirtschaftliche Vormachtstellung der Juden. Ein "Querdenker" entpuppt sich am Ende als handfester Neonazi, der seine rassistischen und antisemitischen Hetztiraden nicht mehr zu zügeln vermag. Kaum ein antisemitisches Stereotyp wird mehr an diesem Punkt ausgelassen. In vielen Foren haben zwar Diskussionsteilnehmer mit großen Einsatz und Zivilcourage versucht, der rechtsextremen Agitation Fakten entgegenzusetzen, doch war das oftmals vergeblich. Sie wurden nicht nur das Ziel von Diffamierungen, Bedrohungen und Beleidigungen, und sogar von Morddrohungen durch Rechtsextremisten, so mancher Forenverantwortliche zeigte ausgesprochene Hilflosigkeit angesichts des massiven Aufmarsches der Cyber-SA und löschte eher die Richtigstellungen als die Drohungen und volksverhetzenden Beiträge.
"Befreite Zonen"
Das Rezept für das Vorgehen der Neonazis in den Foren wurde schon Mitte der 90er Jahre vermutlich durch Mitglieder des "Nationaldemokratischen Hochschulbundes" (NHB) und der Jugendorganisation der NPD, der Jungen Nationalen (JN), schriftlich fixiert. Verbreitet wurde das Thesenpapier 1996 im Thule-Netz. "Befreite Zonen" auch in den Netzen wollte man durch destruktive Methoden schaffen, um widerspruchslos rechte Themen lancieren zu können:
"Es geht keinesfalls darum, eigenständige staatliche Gebilde oder ähnlichen Unsinn ins Leben zu rufen. Nein, befreite Zonen bedeuten für uns die Etablierung einer GEGENMACHT. Wir müssen Freiräume schaffen, in denen WIR faktisch die Macht ausüben, in denen WIR sanktionsfähig sind, d.H. WIR bestrafen Abweichler und Feinde, WIR unterstützen Kampfgefährtinnen und -geführten, wir helfen unterdrückten, ausgegrenzten und verfolgten Mitbürgern. Das System, der Staat und seine Büttel werden in der konkreten Lebensgestaltung der politischen Aktivisten der Stadt zweitrangig."
Umgesetzt auf die neuen Medien und Kommunikationsformen hieß das dann: "Also, hinein in die Datennetze, sprecht Euch auf Euren Häusern ab, erlernt die Rituale und dann forsch drauf los. Entwickelt eine Diskussionsstrategie, die vorerst darauf gerichtet sein muss, bekennende oder bekannte Antifa-Zecken und Schalom-Litaneienschreiber madig zu machen. Wenn diese sich wehren, müssen wir au schreien oder besser schreiben. Wir werden sie dadurch isolieren. Wir als scheinbar entschiedene Demokraten aus der rechten Mitte verstehen dann überhaupt nicht, warum die Antifas gegen uns die Keulen schwingen und zu uns so intolerant sind. Liberale erchen verteidigen uns, wenn wir nur geschickt genug argumentieren, für uns die Freiheit der Netze verteidigen. So ziehen wir sie und die lesende Mehrheit auf unsere Seite. Die Arbeit, die Antifas aus den Netzen zu ekeln, übernehmen diese Toleranz-Trottel gerne für uns. Eines ist besonders wichtig, bestätigen wir uns gegenseitig mit kleinen Differenzen, es genügen fünf Aktive pro Forum und wir beherrschen inhaltlich Themenstellung und Diskussionsverlauf. Wenn's dann soweit ist, können wir die Katze aus dem Sack lassen, über Vertreibung, alliierten Bombenterror, Überfremdung etc. Diskussionen einleiten."
Verantwortung der Betreiber
Das Bild, das sich dem Besucher so manchen Forums derzeit bietet, ist nicht nur wegen der destruktiven Vorgehensweise der Neonazis so desolat, sondern oftmals auch durch die Untätigkeit und die Fehleinschätzungen vieler Foren-Verantwortlicher. Wenn es um grobe Beleidigungen, um Verleumdungen, verbale und direkte Bedrohungen von Diskussionsteilnehmern, um die Werbung für illegales Material oder um Gesetzesverstöße geht, sollte der Vorwurf der Zensur, der nicht ausbleiben wird, nicht erschrecken. Auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und des First Amendment lassen sich die Zeitungsmacher nicht auf der Nase herumtanzen. Das Recht, derartige Diskussionsbeiträge zu löschen, behält man sich auch dort vor und macht sozusagen von seinem Hausrecht Gebrauch. Schließlich gilt es eine ganz wesentliche Errungenschaft zu verteidigen: die demokratische Diskussionskultur, die den Respekt und die Achtung des Gegenübers voraussetzt. Nicht nur Zivilcourage und demokratisches Engagement der Diskussionsteilnehmer ist in diesen Fällen gefragt, sondern auch der Einsatz der Foren-Verantwortlichen, um rechtsextreme Agitatoren in die ihnen angestammte Schmuddelecke zu verweisen.