Datum: 14.08.2000 18:31:48 Autor: Udo Teichmann ©
BOMBE: NAZIS WÄHLEN MEISTENS SPD
Matt - RAF aequivalent vs. Zivilcourage
Hallo Matt,
---Zitat---
Es gibt, zum Glueck,noch keine der RAF aequivalente organisierte rechte Terrororganisation. In der Beziehung hinkt der Vergleich.
---tatiZ---
Nach politischer Bewußtheit, organisatorischer Finesse und existentiellem Fanatismus gibt es in der rechtsextremistischen Gewaltszene heute tatsächlich nichts auch nur annähernd mit der RAF vergleichbares.
Dennoch ist die heutige rechtsextremistische Gewaltszene in Wirklichkeit gefährlicher als die ganze RAF zusammen. Das kann man einerseits bereits an den Opferzahlen ablesen, die schon weit oberhalb aller Opfer liegt, die durch die RAF je zu Schaden kamen. Es liegt aber vor allem daran, daß die RAF sich mit den Mächtigen und Mächtigsten angelegt hat, daß sie es mit Top-Bodyguards aufgenommen hat, mit militärischer Spitzensicherheit, um die Mächtigen zu treffen. Sie riskierten bei jeder Aktion immer auch ihr eigenes Leben.
Die rechtsextremistische Gewaltszene dagegen richtet sich gegen die Schwächsten und Wehrlosesten. Das verletzt schon in sich jedes Gefühl für Fairness und Anstand, aber es weitet die Zahl möglicher Angriffspunkte unendlich aus. Sie können an jeder Straßenecke einen fremd wirkenden Menschen zu Tode knüppeln, da braucht es weder organisatorische oder logistische Finesse noch persönliche Risikobereitschaft, es kann also jeder Schwächling und Feigling in einer Gruppe Gleichgesinnter zum gefährlichen Verbrechen werden.
Deshalb müssen die staatlichen Reaktionen auf diese rechtsextremistische Gewalt völlig anders strukturiert sein als bei der RAF. Wir wollen keine allgegenwärtige Polizei. Hier wird also viel mehr jeder einzelne Staatsbürger sich persönlich mitverantwortlich fühlen müssen, daß die gefährdeten Minderheiten im Ernstfall, der jederzeit an jeder Ecke lauern kann, nicht allein gegen die zahlenmäßige Übermacht von haßverblendeten Schwächlingen und Feiglingen dastehen. Zivilcourage ist in solchen Situationen sowohl möglich als auch geboten. Und immer häufiger raffen sich auch ganz normale Mitbürger auf, schon die leiseste Anmache gegen Ausländer unmißverständlich zu mißbilligen und den Maulhelden damit schon früh die Lust auf Weiterungen zu nehmen.
Das Problem ist, daß man normalerweise mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ziemlich abgekämpft in der U-Bahn hockt oder über einen Platz latscht, und gerade dann, wenn man sowieso nicht gut drauf ist, wenn man müde und abgeschlagen von der Arbeit heimfährt, oder noch dringende Einkäufe zu tätigen hat, daß man ausgerechnet dann in Situationen geraten kann, in denen man eigentlich dazwischengehen oder irgendetwas unternehmen müßte, um bedrängten Mitmenschen beizustehen. -Je mehr Leute Zeugen solcher Vorfälle werden, umso wohlfeiler ist die Ausrede, daß sich ja die andern darum kümmern können, denn Angst findet rasch Verbündete in hochwichtigen Besorgungen und unaufschiebbaren persönlichen Erledigungen, um die man sich jetzt erst mal kümmern müsse. Wir müssen uns aber überwinden, sowohl die Angst als auch die Ausflüchte, um als Staatsbürger dem Gemeinsinn verpflichtet spontan und ausnahmslos Gewalt gegen Mitmenschen zu unterbinden. Das beginnt mit der Benachrichtigung der Polizei, der Aufzeichnung von Täterbeschreibungen, eventuell läßt sich die Szene auch unauffällig als Beweismittel, oder absichtsvoll auffällig zur Abschreckung fotografieren, vielleicht lassen sich Gleichgesinnte finden, die gemeinsam Stellung gegen die Gewalttäter beziehen. Oft genügt es, wenn man -die Täter und Anmacher übersehend -den Bedrängten anspricht und ihn aus einem zugespitzten Beschimpfe herauszieht und ihm in einer Gruppe anständigher Leute gewissermaßen dem unmittelbaren Zugriff der Feiglinge entzieht. Man muß sich dabei bewußt bleiben, daß man dabei den gesunden Menschenverstand wachzuhalten hat und durch ungeschicktes Verhalten nicht zusätzliche Opfer produziert. Es ist aber eine Tatsache, daß auch die jungen Gewalttäter Angst haben, sobald sich die Stimmung erkennbar gegen sie richtet. Aus der Verachtung, mit der sie die kleinlauten Wegducker in ihrem Tun bestärken, erwächst oft sehr schnell Respekt, wenn sich die Stimmung entschlossen gegen sie stellt. Da kann auch schon ein Einzelner, der sich wohldosiert einmischt, die ganze Situation im Keim ersticken.
Die Zeiten sind vorbei, in denen die rechtsextremistischen Spinner freie Bahn hatten. Ich beobachte es in Berlin und Brandenburg immer häufiger, daß schon dämliche Anmache nicht mehr überhört und übersehen wird. Besonders eindrucksvoll sind oft junge Frauen, die sich in solchen Situationen oft tapfer und klug einmischen und verhindern, daß sich die Situation zuspitzt. Die zaudernde Männlichkeit wird immer noch lieber zum Helden, sobald eine tapfere Frau -und nicht ein eingeschüchterter Pakistani -zu beschützen ist...
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann