Lieber Klaus, liebe Mitdiskutanten,
wer sich anschickt, das Christentum als eine 2000-jährige Erfolgsstory zu propagieren, muß sich auch mit einigen Äußerlichkeiten der Geschichte auseinandersetzen, die diesen Erfolgsanspruch als zynisch und frapant unangemessen erscheinen lassen.
"In weniger ruhigen, wilderen Zeiten hängte man die Diebe ans Kreuz. In unseren ruhigen, ganz unwilden Zeiten hängen die Kreuze an den Dieben." - mit diesem Bonmot beginnen 20 vatikanische Prälaten ihr bitteres Fazit über die Führungspitze der katholischen Kirche (I Millenari, "Wir klagen an"), die dabei sei, in einem Sumpf zu versinken, einem Sumpf des Karrierismus, eiskalter Intrigen, um Mitbewerber im Rennen um Bischofsämter und Kardinalswürden auszuschalten, im Sumpf der Korruption und der Unzucht. In der feudalistisch strukturierten vatikanischen Gesellschaft bewege sich ein Hofstaat mit seinen Vasallen, der prunkvolle Shows in Purpur und Violett inszeniere. Das Evangelium werde zum Motor der persönlichen Karriere mißbraucht, während Familienclans Schlüsselpositionen unter sich aufteilten, im obszönen Tanz um das Goldene Kalb aus Macht und Geld und die Frage: "Wer wird der nächste Papst?"
Eins scheint wahr zu sein: Das Christentum würde wesentlich besser angesehen sein, wenn es die Kirche nicht gäbe. Aber Amadeus hat ebenso recht: Ohne (katholische) Kirche kein Evangelium, kein Christentum, kein Christus, kein Gott...
Klaus träumt seinen Lieblingstraum, wenn er meint, das Christentum stünde für Selbstverantwortung, für Menschenrechte wie andere meinen. Das Grundmotiv der christlichen Hierarchie war immer das Bild vom Hirten und den Schafen. Die Hirten waren immer die Hierachie, während das gemeine Volk als Schafherde angesehen wurde. Und ein hochbetagter, heiligmäßiger Dominikaner fuchtelte mir einst frustriert mit dem knochigen Finger vor der Nase: "Sie werden Schafe genannt, sie lassen sich Schafe nennen - sie SIND Schafe!" und aus seinen bedeutungsvoll aufgerissenen Augen sprach ein ängstliches Staunen, eine bittere Strenge, eine verzweifelte Scham...
Auch das aber sind noch Äußerlichkeiten. Was dagegen macht das Christentum in seinem Kern aus? - Erfolg und Mißerfolg entscheidet sich nicht an Äußerlichkeiten, sondern am edelsten Gelingen und scheußlichsten Mißlingen eines hochherzigen Strebens.Ist das Christentum daran gemessen ein 2000-jähriger Erfolg?
Was hat das Christentum in diesen 2000 Jahren bewirkt? Adam wurde wegen eines Apfeldiebstahls aus dem Paradies verstoßen. dann kamen 2000 Jahren Christentum - und Adam ist Selektionsarzt in Auschwitz, und Eva ist Mutter Theresa, und Adam ist Streetworker für aidskranke Fixer, und Eva gibt ihremn irischen Sohn die Pistole in die Hand, um in eine protestantische Kneipe hineinzuballern...
Die Kirche, als machtorientierte Institution, als Organisationsgenie - hat allein durch ihr Überdauern von Jahrhunderten und Jahrtausenden ihren sozial-darwinistischen Erfolgsnachweis erbracht.Aber kann darin ein "Erfolg des Christentums" gesehen werden? In der historischen Erscheinung Kirche liegt doch viel eher der grotestke Nachweis des hoffnungslosen Scheiterns einer göttlichen Liebesbotschaft vor aller Augen.
Das Christentum hat aber immer auch parallel zur kirchlichen Institution in einzelnen Herzen überdauert, in den "Menschen guten Willens", in den Anti-Helden der Bergpredigt, in der stummen Geste des Trostes mitten in Angst und Kälte, in dem warmen Strahlen der Menschenliebe, die sich aus der Gottesliebe speist. Nicht der Petersdom in all seiner Pracht, diese verborgenen "Menschen guten Willens" geben dem Christentum die Rechtfertigung, die einzige - dort nämlich, wo in einzelnen Menschen das Christentum bis zur Neige Weg ist, Wahrheit und Leben. Solcher "Erfolge" aber rühmt man sich nicht...
Mit freundlichen Grüßen Udo Teichmann
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