Datum: 27.08.2000 03:26:45 Autor: Udo Teichmann ©
Forums-Umfrage


Informationskompetenz
Liebe Mitdiskutanten,

die Diskussion bisher ist wohl - auch von mir selbst - ein wenig zu sehr mit Paukenschlägen bestritten worden. Ich möchte versuchen, die tatsächlich ja sehr empfindlichen und komplizierten Fragen, die sich hier stellen, etwas angemessener zu behandeln.

Anlaß für dieses Thema ist die Feststellung, daß wir es im Internet mit einer unzivilisierten neuen Welt zu tun haben, in der eine eigene Netz-Ethik bisher noch nicht entwickelt wurde. Es macht den Eindruck, daß das Internet uns vor die Wahl zwingt, entweder auf modernisierte, also sehr resitriktive Kontrolle zu setzen - oder uns einer anonymen Netz-Anarchie zu überlassen.

Mit dem Begriff "anonym" verbinde ich spontan "anonyme Briefe", also etwas Verächtliches. Das färbt auf meine Reaktionen ab, wenn über Anonymität im Internet geredet wird. Die Internet-Wirklichkeit dieses unzivilisierten Netzes sieht aber leider so aus, daß Anonymität im Netz oft die einzige Chance darstellt, den anmaßenden Datenbegehrlichkeiten von Staat, Wirtschaft und organisierter Kriminalität auszuweichen.

Ende April 2000 stellte der Brite Ian Clarke sein "Freenet" vor. Ein paralleles Internet, welches auf der Basis des bestehenden Netzes entsteht und durch spezielle Software einen Verbund von Computern schafft, welche nicht zu kontrollieren sind. Ein Netz also ohne Zensur und mit garantierter Anonymität. Der Initiator nimmt dabei in Kauf, daß sein Ansatz eine optimale Bedingung für kriminelle Organisationen, für die Verbreitung von Kinderpornographie und Copyright-Verletzungen schafft.

Hier stellt sich also grundsätzlich aufgrund der neuen Technologie die neue Gretchenfrage: Wie hast Du's mit der Netzethik? Kann man darauf vertrauen, daß sich im offenen Internet systemimmanente Selbstreinigungskräfte entfalten, die von ganz allein schädliche und schändliche Inhalte aussondern, weil sie nicht beachtet werden, oder muß man sich auch im Internet gegen Schmutz, Schund und illegale Machenschaften ganz konventionell zur Wehr setzen? - Ich habe darauf keine umfassende Antwort.

Es ist eine schlimme Tatsache, daß jeder normale Nutzer des Internet von speziellen Suchmaschinen und digitalen Fangeinrichtungen systematisch beobachtet und balauscht wird. Wer einen Monat lang im Internet surft und dabei jede Woche etwa 5 Stunden online ist, hinterläßt in etwa 900 Dossiers Spuren, die ohne viel Aufwand zusammengeschaltet werden können und neben den gläsernen Konsumenten auch den gläsernen Bürger erzeugen können.

Wer das Internet nutzt, weiß nicht:
--- welche Informationen über ihn gespeichert sind,
--- wo diese Informationen gespeichert sind,
--- ob diese Informationen richtig oder falsch sind,
--- wer Zugang zu diesen Informationen hat,
--- wer mit diesen Informationen über ihn was macht,
--- ob und wieweit seine elektronisch verschickten Informationen nicht unterwegs im Internet manipuliert oder kopiert werden,
--- ob den elektronischen Dienstleistungen vertraut werden kann, denn kein Dienstleister muss seine Systeme auf Sicherheit prüfen lassen.

All dies können gute Gründe sein, sich durch weitgehende Anonymität gegen heimliches Belauschen zu schützen. Anders läßt sich die elektronische Privatsphäre und die informationelle Selbstbestimmung unter den heutigen Bedingungen im Internet kaum noch sichern.

Aus diesem neuen Charme der Anonymität schöpfen nun auch viele Forums-User die Ansicht, daß auch hier Anonymität gewahrt sein muß, wo es nicht um die belauschte Privatsphäre, sondern um die Wahrnehmung staatsbürgerlicher Rechte in und für die Öffentlichkeit geht. Gibt es aber schon eine der bürgerlichen Zivilgesellschaft entsprechende Netzöffentlichkeit, womöglich globalen Ausmaßes, vielleicht im Sinne einer weltbürgerlichen Zivilgesellschaft?

Oder gehen diese Gedanken viel zu weit, wo es doch "nur" um die Frage geht, wie kann man sicherstellen, daß in einem öffentlichen politischen Forum einigermaßen friedlich und systematisch über die öffentlichen Angelegenheit gesprochen werden kann, in einem Medium das noch gänzlich unzivilisiert ist und eine Tendenz zur Anarchie mitbringt.
Können wir in diesem Forum auf die Selbstreinigungsklkräfte bauen, indem auf Müll und Mobbing und Störflutungen von Unflat-Beiträgen einfach nicht reagiert wird, oder provoziert man durch demonstrative Untätigkeit nur umso dreistere Tabubrüche? Wer stört, gibt der Ruhe, wenn man nicht darauf eingeht, oder treibt der es nicht experimentell immer weiter auf die Spitze, um zynisch herauszufinden, wo die Grenzen der Belastbarkeit der von ihm Angegriffenen liegen.

Ich habe selbst lange auf die Politik konsequenten Ingnorierens gesetzt. Und bei mir persönlich hat diese Strategie auch durchaus funktioniert. Es hat sich aber im Laufe der letzten Monate gezeigt, daß es systematische Störaktivitäten gibt, die sich mit Fakes und Mobbing und Störflutungen so hartnäckig gegen das Forum insgesamt richten, daß viele interessante Teilnehmer irgendwann die Lust verloren, ihre Debatten immer knietief in Schund und Obszönitäten und niederträchtiger Anmache durchzuhalten.

Nach meinem Eindruck kippte dann irgendwann die Strategie des selbstbewußten Ignorierens um in eine Politik des hilflosen Wegschauens. Das Forum wurde so verhunzt und verludert, daß eine Diskussion schlechterdings nicht mehr möglich war. Jeder Gedankengang wurde durch stürmisches Einposten von niederträchtigen persönlichen Schmähungen und pornografischen Störbeiträgen sofort zerstümmelt und niemand hatte mehr Lust, in einem so verunstalteten Forum Antworten zu schreiben.

Im Vergleich dazu haben sich die Verhältnisse seit dem Anfang der Diskussion über die Registrierung erheblich entspannt. Die Erfahrungen aus der Zeit davor zeigen aber, daß es entschlossene Störer binnen kürzester Frist schaffen, das Forum völlig ungenießbar zu machen. Etwaige Selbstreinigungskräfte konnten sich gegen die böswilligen und zielstrebig hartnäckigen Attacken gegen das Forum nicht zur Geltung bringen. Die Frage spitzt sich für mich daher zu: Soll man anonymen zerstörerischen Kräften die Macht überlassen, das Forum beliebig ein- oder auszuschalten?

Wie lautet die moderne Antwort auf die Wildwest-Manieren im unzivilisierten Internet?

Wird uns nicht nur die Privatsphäre genommen, sondern auch der Anspruch auf zivilisierten Umgang miteinander.

Wollen wir auf dem Altar der Freiheit ganz bewußt auch das Recht auf Destruktion in Kauf nehmen? Auch wenn diese Destruktion die Ausübung unserer Freiheit zunichte macht?

Wollen wir es uns zur Gewohnheit machen, daß Höflichkeit ein Relikt des Mittelaters wird und im Netz Achtung und Respekt als PC-Dummheiten verhöhnt werden?

Gibt es eine Alternative zum Versteckspiel in der Deckung der Anonymität?

Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann