Datum: 24.09.2000 01:23:21 Autor: Udo Teichmann ©
Zur CDU-Klage von Herrn Teichmann
Fidelio und Entenbraten
Liebe Mitdiskutanten,
ein strahlendes Altweibersommerwetter, zu zweit Fidelio in der Komischen Oper, herrlich duftenden krossen Entenbraten im Adlon, und dann kommt man hier ins Forum und schwankt, ob man über solche tristen Texte kühl britisch auf "benign neglect"schalten soll, oder doch der spontanen Barmherzigkeit nachgibt, die sich bei solchen Tönen einstellt.
Es begegnet hier wieder einmal der merkwürdige Reflex, daß objektive Probleme von manchen Menschen nur in der verzerrenden Projektion auf einen anderen Menschen die ganzen Frische eines derben Feindbildes annehmen. Daran läßt sich nach meinen Erfahrungen nichts ändern.
Ich möchte daher über die Sache selbst, und zwar auch über die emotionale Seite dieser Sache sprechen. Die wurde mir besonders eindringlich klar, als ich das erste Mal im Foyer der AGB (Amerika Gedenk Bibliothek) stand und die Inschrift las. Diese Bibliothek ist ein Geschenk des US-Kongresses an die Bürger von West-Berlin gewesen, und die Inschrift zitiert einen Gründungsvater der USA: "Ich halte Deine Meinung für falsch und gefährlich, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, daß Du diese Meinung sagen kannst."
Auch 50 Jahre Grundgesetz haben nicht gereicht, auf breiter Basis in Deutschland solch eine unbedingte Haltung zur Meinungsfreiheit zu gewinnen. Und weit davon entfernt, selbst etwa das eigene Leben dafür einzusetzen, daß eine andere, wohl gar eine "falsche" Meinung zu Worte kommt, schwadronieren hier manche über Hausrecht und Duckmäusergästestatus. Und selbst eine große demokratische Partei, die unsere freiheitliche und demokratische Entwicklung maßgeblich mitgestaltet hat, hantiert ungelenk an ungeliebten Meinungen herum, statt ein leuchtendes Beispiel zu geben für demokratische Kultur und freiheitliches Selbstbewußtsein.
Es bleibt viel zu tun.
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann