Datum: 12.02.2001 01:26:15 Autor: Udo Teichmann ©
Finkelstein Buch
Fragender - lasse ich mich hinreißen?
Hallo Fragender,
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Würden sie sich zu dem Statement hinreissen lassen, das die jüdischen Vereinigungen zuweit gehen und den Opfern mehr schaden als nützen? Das es wirklich eine Holokaust Industrie gibt die nur Geld scheffeln will und sie dagegen sind?
---tatiZ---
1. das die jüdischen Vereinigungen zuweit gehen und den Opfern mehr schaden als nützen?
Nein, dazu lasse ich mich nicht hinreißen. Ohne die jüdischen organisationen und die amerikanischen Anwälte hättemn die Opfer gar nicht bekommen. Wo immer ehemalige Zwangsarbeiter in Deutschland Anspürche geltend machten, wurden sie nicht ernst genommen und mehr oder weniger taktlos abgewimmelt. Erst nachdem die abgebrühte deutsche Industrie es mit noch abgebrühterenh amerikanischen Anwälten zu tun bekamen, gab es für die Opfer Hoffnung auf Entschädigung,. In dem gesamten Verhandlungsprozeß waren die jüdischen Organisationen und die amerikanischen Anwälte unbedingt nötig, damit sich überhaupt etwas bewegte. Traurig, aber wahr.
2. Das es wirklich eine Holokaust Industrie gibt die nur Geld scheffeln will und sie dagegen sind?
Ich lehne den Begriff "Holocaust-Industrie" ab. Es gibt keine Produktion von Entschädigung, keine Weltverschwörung der amerikanischen Juden, um Deutschland zu erpressen, wie Finkelstein schreibt.
Die Zwangsarbeiterverhandlungen bieten erst recht keine Handhabe für diese Finkelstein'sche Verschwörungstheorie, denn mehr als zwei Drittel der Zahlungen gehen gar nicht an Juden, sondern an osteuropäische Zwangsarbeiter, die wegen des Eisernen Vorhangs nie eine Chance hatten, Entschädigung zu fordern.
3. Deutschland hat sich auf einmalige Weise mit dem historischen Unrecht des NAZI-Regimes auseinandergesetzt, sich materiell, intellektuell und moralisch auf beispielhafte Weise dem einmaligen Unrecht gestellt.
Hier liegt der eigentliche Knackpunkt. Wo Finkelstein breitangelegte moralische Erpressung vermutet, steht in Wirklichkeit der faire und anständige Wille in Deutschland, den Opfern zumindest symbolisch Wiedergutmachung zukommen zu lassen. Der gesamte Verhandlungsprozeß von Lambsdorf hat sich durchgehend auf eine ganz breite Unterstützung dieses Anliegens in der deutschen Bevölkerung abgespielt. Die ganz überwiegende Mehrheit der Deutschen hält es für dringend geboten, nun endlich den wenigen überlebenden Zwangsarbeitern in einer symbolischen Geste eine wenn auch bescheidene Geldzahlung als Entschädigung auszuzahlen. Dabei ist völlig klar, daß die Gelder heute von Menschen und Institutionen kommen, die mit dem damaligen Unrecht keine persönliche Schuld verbindet. Man kann aber nur Deutscher sein, wenn man auch für diese deutsche Geschichte Haftung akzeptiert, so lange unmittelbare Opfer noch leben, die vor allem durch den Kalten Krieg noch keinerlei Wiedergutmachung erfahren haben. Dies so umfassend akzeptiert zu haben, ist eine große Charakterleistung des ganzen deutschen Volkes, wenn Völker so etwas wie Charakter zeigen können. Vergleichbares gibt es dazu in der Geschichte bei anderen Völkern nicht, obwohl fast jedes Volk in seiner Geschichte auch seine wunden Punkte hat.
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann