Datum: 11.02.2001 19:57:59 Autor: Udo Teichmann ©
Finkelstein Buch


Ölkocher: Mutmaßungen über Antisemitismus

Hallo Ölkocher,

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Wer sagt "Juden würden Geschäfte mit dem Holcaust machen"? Nur Herr Teichmann und die Neonazis. Wir anderen, einschließlich vieler Juden, wie Peter Novick und Gabriel Schoenfeld, sprechen von bestimmten jüdischen Organisationen und von gewissen Anwälten.
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Das gehässig neidaufstachelnde Motiv, Juden würden mit was auch immer Geschäfte machen, ist eine Konstante in allen antisemitischen Äußerungen der Weltgeschichte. Und allerdings wendet sich Finkelstein nicht nur gegen bestimmte Organisationen. Ich hatte etliche Schlüsselstellen seines Buches zitiert, wo er etwa sagt:

"Der Holocaust hat sich als unersetzliche ideologische Waffe erwiesen. Durch Einsatz dieser Waffe hat sich eine der mächtigsten militärischen Mächte mit einem schrecklichen Menschenrechtssündenregister als "Opfer"-Staat hingestellt, und die erfolgreichste ethnische Gruppe in den USA hat ganz ähnlich Opfer-Status erworben. Aus dieser besonderen Opferrolle lassen sich erhebliche Dividenden schlagen, beonders aber, Immunität gegen Kritik, wie berechtigt auch immer."

Erpresser, Nutznießer und Dividendeneinstreicher des Holocaust sind für Finkelstein also eben nicht nur bestimmte Organisationen oder gewisse Anwälte, sondern "eine der mächtigsten militärischen Mächte mit einem schrecklichen Menschenrechtssündenregister", der ganze Staat Israel mithin, sowie "die erfolgreichste ethnische Gruppe in den USA", nämlich pauschal die amerikanischen Juden.

Also, lieber Ölkocher, schauen wir uns redlich das Buch an, von dem hier die Rede ist, und lassen das Flunkern und die bildungsdürre Anleihe gar bei den Reformatoren, um den neuesten Anlaß für antisemitische Schlüpfrigkeiten nicht bis zum äußersten lächerlich auch noch als historische Befreiungstat zu feiern.

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Vielleicht besteht ja ein Unterschied zwischen dem Erpressen von Milliarden durch geschäftsschädigende ganzseitige Anzeigen oder der Drohung mit dem Entzug der Banklizenzen und dem Schreiben über solche Machenschaften...
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Natürlich besteht da ein Unterschied, nur läuft Ihr "Erpressen von Milliarden" auf eine sehr eigenwillige Interpretation hinaus, wo es im Angesicht der Geschichte um das legitime Einfordern zynisch verweigerter Entschädigung für brutal erpreßte Sklavenarbeit geht.

Denn erst recht besteht ein Unterschied im blutigen Erpressen von Zwangsarbeit mit Verschleppung, Gefangenschaft, Auseinanderreißen von Familien, Folter, ständigen Knüppelhieben, Nahrungsentzug, völliger Rechtlosigkeit, vieltausendfacher Vernichtung durch Arbeit auf der einen Seite und dem Einreichen einer 40-seitigen Klageschrift bei einem Gericht in Florida. Sie klingen mir ein bißchen weinerlich, wenn sie unter den paar Seiten Papier, mit dem die Schande der Zwangsarbeit bewiesen wird, mehr leiden als unter der Erinnerung an die wirkliche über Leiche gehende Erpressung zur Zwangsarbeit unter NAZI-Regie.

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. Niemand hat "schnodderig" über menschliches Leid gesprochen. Niemand hat über den Holocaust gesprochen.
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Ach so, niemand hat über den Holocaust gesprochen? Das Buch heißt nun aber einmal "Holocaust-Industrie". Umd man kann die Entschädigungsleistungen schon nicht nur denken, ohne sie vor dem Hintergrund der Schrecken des Holocaust zu sehen: wofür sollte sonst entschädigt werden.

Und schnodderig haben Sie selbst gesprochen:

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Es ist die Priesterkaste der Berufsanständigen, die im Windschatten der Abzocker, das Geschäft des Ablaßhandels betreibt.
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Wer von Abzockern redet, wo es um die legitimen Ansprüche von Menschen geht, die von den NAZIs mit brutaler Gewalt unmenschlich zur Sklavenarbeit geprügelt wurden, hat genau das Kaliber, von dem ich spreche: schnodderig und menschenverachtend.

Sie machen es einem wirklch leicht, mit Ihnen zu diskutieren. Sie widerlegen sich unaufgefordert so blamabel selbst, daß man sich schon fast geniert, den Finger auf die Wunden zu legen. Aber es geht nicht datum, Ihnen etwa Ungeschick im Disputieren nachzuweisen: es geht vielmehr darum, daß antisemitische und nationalsozialistische Resentiments immer wider als das entlarvt werden, was sie sind.

Ihnen geht es nicht um irgendeine historische Wahrheit, sie wollen ein widersprüchliches Buch zur Waffe machen gegen die Juden generell, und zwar aus antisemtzischen Haßgründen, und dazu bedeinen Sie sich natürlich bedenkenlos umso lieber eines Juden.

Es hat aber die Zwangsarbeiterproblematik mit den vorgesehenen Entschädigungszahlungen nur ganz wenig mit Juden zu tun. Die Masse der Anspruchsberechtigten sind gar keine Juden, Juden nämlich hatten die wenigsten Chancen, "nur" zur Zwangsarbeit eingeteilt zu werden, und so wenigstens eine kleine Überlebenschance zu bekommen. Umso widerwärtiger, diese legitimen Entschädigungsleistungen hauptsächlich für Osteuropäer als jüdische Erpressung zu verunglimpfen und in verdienstvollen jüdischen Organisationen die alten geldgierigen Weltverschwörer zu wittern, die noch jeder Antisemit irgendwo und irgendwann in seinem Haß meinte ausfindig gemacht zu haben.

Das ändert nichts daran, daß es wie bei allen Institutionen womöglich auch in jüdischen Organisationen Schmuh und Betrug und Beutelschneiderei gegeben haben mag. Das kommt überall vor und muß überall mit dem selben Eifer untersucht und bereinigt werden. Der Antisemit aber sucht nach solchen Spuren, nicht um ein paar Schuldige dingfest zu machen, sondern um das Prinzip "des ewigen Juden" mit antisemitischen Wonneschauern als heimtückische Weltverschwörung zu goutieren. Und über diesen Geschmack hat die Weltgeschichte das Urteil ein für alle mal gesprochen: Unanständig. Antisemitismus ist unanständig. Und alle Versuche, für diese menschlich niedrige Gesinnung den Anschein einer Rechtfertigung aus was auch immer herauszupressen, scheitern vor der Redlichkeit der "Anständigen", die in den Kreisen der Antisemiten und Neonazis nicht ohne Grund so verhaßt sind: das aber ist ein kein Makel.

Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann