Datum: 27.07.2001 01:39:24 Autor: Udo Teichmann ©
G8-Gipfel, die Maske fällt
Johann Bornschlegl: detailliert
Hallo Johann,
freut mich, daß Du den Text so genau unter die Lupe genommen hast.
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>>Dieser Tod ist ein großes Unglück, weil er die Zerrüttung der Kommunikation innerhalb unserer wohlhabenden Gesellschaften besonders tragisch vor Augen führt. Die ZweiDrittelGesellschaft schafft sich einen Bodensatz an Unglücklichen, Gestrauchelten, Deklassierten, die nicht einfach nur aus Daffke, sondern weil sie bis ins Mark frustriert, entmutigt und gedemütigt nur noch eine unbändige Wut gegen das Establishment kennen, und ihre Ausdrucksmittel sind die Ausdrucksmittel der Gosse, in die sie ein böses Schicksal und unbarmherzige gesellschaftliche Strukturen gestoßen haben: die Sprache der Gewalt. >>
Dies finde ich masslos übertrieben. Es gibt keinen Platz in der Welt und keine Zeit in der Weltgeschichte, in der es so vielen Menschen so gut geht wie in Westeuropa, und zwar GERADE den Schlechtestgestellten innerhalb dieser Gesellschaft.
---tatiZ---
Ich finde das nicht übertrieben, schon gar nicht maßlos. Ich komme jede Woche mit solchen Unglücklichen, Gestrauchelten und Deklassierten ins Gespräch. Und sie haben genau die Haltungen und Befindlichkeiten, die ich hier auszudrücken versuche. Die Kommunikation innerhalb unserer Gesellschaft und zwischen den sozialen Schichten ist zutiefst zerrüttet. Aus dieser Kommunikationsstörung ergeben sich die Glatzen mit ihrer Gewalt ebenso wie die jungen Gewalttäter, die meist mit einem linken Weltbild, dem Kapital den gewaltsamen Widerstand angesagt haben. Der Frust ist echt, noch nie hat denen ein politisch Maßgeblicher auch nur zugehört, geschweige denn, daß sie jemals mit Bitten und guten Worten etwas erreicht hätten.
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Dass es trotzdem Aussenseiter gibt, und dass diese Aussenseiter keine Sprache als die der Gewalt kennen, ist davon unbenommen. Nur ist es mehr als fraglich, ob man es sich so einfach machen darf und der anonymen "Gesellschaft" die Verantwortung dafür zuschieben. Das spricht den Einzelnen etwas zu arg frei von der Verantwortung für sein Handeln und sein Leben.
---tatiZ---
Wieso wollen wir es uns hier leicht machen. Er ist offenkundig so, daß die jeweiligen familiären und gesellschaftlichen Verhältnisse einen großen Einfluß auf das Schicksal eines jeden Individuums haben. Daß wir uns einbilden, selbst der Schmied unseres Glückes zu sein, ist eine Schwäche, die ich mir auch ziemlich oft leiste.
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>>Manches deutet darauf hin, daß Carlo Giuliani ein eigenbrötlerischer Brausekopf mit radikalen Ansichten war, der sich am liebsten mit seinen Tieren umgab. Früh aus dem Elternhaus abgehauen, braute sich in ihm bei seinem vagabundierenden Straßendasein eine radikale Gegnerschaft gegen die Gesellschaft auf, in der er so erbärmlich deklassiert war.>>
Mal ganz im Ernst: ist es die Schuld der "Gesellschaft", dass er von zuhause abgehauen ist? Oder wie soll man den Absatz verstehen?
---tatiZ---
Ab hier versuche ich aus dem mutmaßlichen Blickwinkel des jungen Mannes in die Welt zu schauen und den Erfahrungen, Enttäuschungen und Vorurteilen, die ihn bewegt haben mögen, meine Stimme zu leihen. Daß er sich damit auf einem Irrweg befindet, habe ich anschließend ja wohl hinreichend kenntlich gemacht.
Angesichts des Todes diese jungen Menschen schien es mir ein notwendiger Dienst an seiner hier beschämend angegriffenen Würde, auch einmal zu versuchen, seinen Irrweg aus seiner Blickrichtung zu deuten, um vielleicht ein wenig zu verstehen, statt auf Teufel komm raus nur zu schmähen.
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann