Datum: 21.07.2001 23:24:38 Autor: Udo Teichmann ©
G8-Gipfel, die Maske fällt
Michael Holzhey: Platitüden
Lieber Michael Holzhey,
in der letzten Zeit haben Sie sich schon verschiedene Male veranlaßt gesehen, die wirtschaftswissenschaftliche Naivität etlicher Teilnehmer hier zu beanstanden. Wie Sie wissen, bin ich ein großer Bewunderer der Volkswirtschaftslehre, einer anspruchsvollen Wissenschaft, die Tucholsky, wenn ich mich recht erinnere, als die "Theologie des Pokerspielers" gepriesen hat.
Und in der Tat kann sich die Volkswirtschaftslehre etwa im Abstraktionsnieveau durchaus mit der Theologie messen, und wie der Theologe neigt auch der Volkswirt zu der professionellen Überzeugung, mit seinen komplexen Begriffen und Modellen in nirgends sonst erreichter Tiefe verstanden zu haben, was die Welt im Innersten zusammenhält. Als etwas heikel erscheint es mir lediglich, beim Theologen wie beim Volkswirt, daß sie ihren Glauben zum Beruf machen. :-)
Nun aber konkret:
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Ich bin erstaunt ob solcher Platitüden wie "..schaffen sich eine 2/3-Gesellschaft". Die Realität ist sowohl innerhalb der reichen Staaten komplexer als auch zwischen reichen und armen Staaten.
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Merkwürdig: so etwas sage ich nirgends. Statt dessen verweise ich darauf, wozu die Mentalität einer Gesellschaft führt, die sich damit abfindet, daß ein Drittel ihrer Mitglieder nicht mithalten kann:
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Die ZweiDrittelGesellschaft schafft sich einen Bodensatz an Unglücklichen, Gestrauchelten, Deklassierten, die nicht einfach nur aus Daffke, sondern weil sie bis ins Mark frustriert, entmutigt und gedemütigt nur noch eine unbändige Wut gegen das Establishment kennen, und ihre Ausdrucksmittel sind die Ausdrucksmittel der Gosse, in die sie ein böses Schicksal und unbarmherzige gesellschaftliche Strukturen gestoßen haben: die Sprache der Gewalt.
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Was für Platitüden beklagen Sie hier? Es ist eine Tatsache, und ich stolpere in Berlin jeden Tag über Menschen dieses "Bodensatzes", die mit der smart konsumgeilen ZweiDrittelGesellschaft nicht mithalten können oder wollen. Das sind politisch-soziologische Tatsachen, wie gut oder schlecht sie auch immer in die Denkgewohnheiten einer abstrakten Wissenschaft passen. Keiner dieser "Unglücklichen, Gestraucheltn, Deklassierten" verhält sich so, wie das Menschenbild des homo oeconomicus erwarten läßt. Umso schlimmer für dieses Menschenbild.
Daß die Welt komplex ist, will ich mir dagegen gut merken. Damit hat man doch etwas in der Hand, auf dem man geistig aufbauen kann. :-)
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Zudem wage ich zu bezweifeln, daß das Gros der Demonstranten aus politsch Frustrierten besteht, die das untere Drittel der Gesellschaft bilden. Dies mag für den toten Italiener zutreffen, mit Sicherheit nicht für den Rest, der eher der bildungspolit. Oberschicht zuzurechnen ist.
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Natürlich: Nicht das ganze Drittel der Zukurzspringenden, sondern nur ein Bodensatz dieser Menschen, die nicht richtig mithalten können, landet in der Misere, die offenbar für Carlo Giuliani zum Unglück wurde. Und meine Betrachtungen waren aus dem Blickwinkel dieses frustrierten Brausekopfes angestellt. Und damit wollte ich nicht wissenschaftlich erklären, wodurch Armut entsteht und wie sie zu beseitigen wäre, sondern Anhaltspunkte dafür finden, inwiefern auch noch die Gewalttäter auf ihrem Irrweg Menschen mit einem lebensgeschichtlichen Hintergrund sind, der mit unserer Art zu leben und zu wirtschaften zusammenhängt. Wie es sich für eine ernsthafte Gewissenserforschung gehört, suche ich dabei nicht nach wohlfeilen Fluchtwegen zu fremder Schuld sondern nach selbnst leisen Anzeichen für eigene Mitverantwortung.
Die Demonstranten in Genua gehören natürlich einer anderen Gruppe an als die Gewalttäter. Aber das ist ein eigenes Thema. Mir ging es in diesem Beitrag nur um den Tod diese jungen Mannes und die hier teilweise auftrumpfende Hähme über diesen Tod.
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann