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"Orphans"

Molybdän-Cofaktor-Defizienz

23.3.2005

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Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung
Novartis Stiftung für therapeutische Forschung, Philipp Kressirer,
23.03.2005 13:38

Sulfit-Desaster im Gehirn

Eine Therapie für eine unheilbare Erbkrankheit haben Jochen Reiss und
Günter Schwarz entwickelt. Dafür erhalten sie den mit 10.300 Euro
dotierten "Novartis Preis für therapierelevante pharmakologische
Forschung"

Die Krankheit ist so selten wie tödlich. Ein wahrer Schrecken: "Die
Eltern können nur hilflos zusehen, wie ihre kleinen Kinder langsam
sterben", sagt Prof. Jochen Reiss von der Universität Göttingen und
redet von der "Molybdän-Cofaktor-Defizienz", einem angeborenen
Stoffwechselleiden. Nun gibt es für die künftigen Neugeborenen
erstmals eine Chance auf Heilung: In Jahre langen Studien haben Reiss
und seine Kollegen die Ursache der Erkrankung entdeckt und gemeinsam
mit Priv. Doz. Dr. Günter Schwarz von der Technischen Universität
Braunschweig eine Therapie im Tierversuch erfolgreich getestet. Eine
potenzielle Heilung für eine zuvor tödliche Krankheit - dafür erhalten
die Wissenschaftler den "Novartis-Preis für therapierelevante
pharmakologische Forschung".

Kurz nach der Geburt sieht man es ihnen noch nicht an. Doch schon etwa
14 Tage später beginnen die ersten Symptome: Die Babys wachsen nicht
so gut wie andere Kinder ihres Alters, vor allem aber werden sie
zunehmend von schweren Krämpfen heimgesucht, die kein Arzt der Welt
behandeln kann. "Am Ende verkümmern die Nervenzellen des Gehirns",
sagt Reiss - etwa zwischen dem siebten und zwölften Lebensjahr. Grund
des Neuronen-Untergangs: Im Körper der Kinder sammelt sich mit jedem
Tag mehr ein Stoff namens Sulfit an, der vor allem das Gehirn
überflutet und die Nervenzellen zerstört.

Diesem Sulfit-Desaster liegt ein Stoffwechseldefekt zugrunde: die
Molybdän-Cofaktor-Defizienz (MCD).  Den betroffenen Kindern fehlt der
Molybdän-Co-Faktor, kurz Moco genannt -  ein kleines organisches
Molekül, das sich mit verschiedenen lebenswichtigen Proteinen
verbindet, die allesamt das Spurenelement "Molybdän" enthalten. "Ohne
Moco", sagt der Preisträger, "versagt beispielsweise das Enzym zur
Entgiftung von Sulfit." Den Cofaktor gentechnologisch zu produzieren,
um den Mangel zu ersetzen, ist sinnlos, weil der Stoff ohne Bindung an
ein Enzym sekundenschnell zerfällt wie ein Schneeball in der
Mikrowelle.

Doch Reiss und Schwarz witterten andere Therapiechancen, als sie nach
und nach die Stoffwechsel-Stafette aufklärten, mit der intakte
Organismen Moco herstellen. Verblüffend dabei: Bis auf eine Ausnahme
gleicht sich dieses Procedere in allen Lebewesen, von Bakterien über
Pflanzen bis hin zum Menschen. Drei Schritte führen über diverse
Zwischenprodukte zum fertigen Cofaktor. Entsprechend sind verschiedene
Gene daran beteiligt, die im Erbgut von weltweit wohl tausend Menschen
defekt sind. Ein Drittel der kleinen Patienten trägt ein defektes
MOCS2-Gen in den Zellen, das die zweite Produktionsphase steuert. Den
Schritt davor lenkt das MOCS1-Gen, das bei zwei Dritteln der kleinen
Patienten mutiert ist.

Mit gentechnologischen Mitteln haben die Göttinger Forscher  Mäuse mit
defektem MOCS1-Gen gezüchtet. "Die Tiere entwickeln exakt die gleichen
Symptome wie betroffene Menschen", sagt Reiss, "und sterben früh."
Weil die Moco-Synthese in allen Lebewesen übereinstimmt, hatten sie
damit ein ideales Modell für die menschliche Krankheit - und für eine
mögliche Therapie, die Günter Schwarz beisteuerte. Aus Bakterien
isolierte er in reiner Form das Zwischenprodukt aus Phase 1, das die
Mäuse - und die meisten Patienten - nicht mehr bilden können.  Zweimal
wöchentlich injiziert, verwerteten es die Nager weiter zum fertigen
Cofaktor. Resultat: "Keinerlei Symptome", wie der Göttinger Genetiker
erklärt, "bis die Tiere eines natürlichen Todes starben."

Dass die Behandlung menschlichen Kindern das Leben rettet, ist so gut
wie sicher.  Allerdings gibt es ein Problem: Weil das Leiden mit
weltweit etwa 1000 Patienten extrem selten ist, findet sich kein
kommerzieller Hersteller. Doch die Eigenproduktion des Therapeutikums
in Braunschweig ist aufwändig und würde, so Reiss, "pro Patient
jährlich 100.000 bis 200.000 Euro kosten." Unter anderem durch eine
Spendenaktion haben die Wissenschaftler das Geld jetzt beisammen: "So
können wir hoffentlich noch dieses Jahr ein erstes Kind behandeln." Es
wäre die wahrscheinliche Heilung eines Todgeweihten.

Der "Novartis-Preis für therapierelevante pharmakologische Forschung"
wurde 1992 von der damaligen Sandoz AG Nürnberg und der DGPT
(Deutschen Gesellschaft für experimentelle und klinische Pharmakologie
und Toxikologie e. V.) ins Leben gerufen. Die aus der Fusion von
Sandoz mit Ciba-Geigy hervorgegangene Novartis Pharma GmbH Nürnberg
unterstützt seither die Ausschreibung und Vergabe des Preises . Er
wird alle zwei Jahre vergeben und ist mit 10.300 Euro dotiert.
Ausgezeichnet werden Arbeiten, die eine Brücke schlagen zwischen
pharmakologischer Grundlagenforschung und anwendungsorientierter
klinischer Forschung. Für die Auswahl der Preisträger zeichnet eine
unabhängige Jury, bestehend aus Pharmakologen und Klinikern,
verantwortlich.

[...]

Zu dieser Mitteilung existieren Bilder im WWW. Siehe
http://idw-online.de/pages/de/image16249

Die Preisträger Prof. Jochen Reiss und Priv. Doz. Dr. Günter Schwarz 
(v.l.n.r.)
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