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Leserbrief zu Nordsee-Zeitung vom 3.12.94

Sehr geehrte Damen und Herren!

In der Statistik "Deutsche Straßen am gefährlichsten", die Sie heute veröffentlichten, wird als Vergleichsmaß benutzt die Zahl der "verunglückten Kinder (...) je 100.000 Kinder". Diese Angabe ist jedoch sehr obskur.

Laut Ihrer Statistik gab es 1993 in Deutschland 13,2 Mio Kinder, davon 51.000 verletzte. Bekannt sind ferner: ca 40 Mio Fahrzeuge bei ca 80 Mio Einwohner, woraus eine Fahrzeugdichte von 0,5 Fahrzeuge/Einwohner bzw 3,0 Fahrzeuge/Kind folgen.

Ein Beispiel: In einem Land A mit 100.000 Kindern als einzigen Einwohnern verletzt ein Fahrer, der dort als einziger ein Fahrzeug führt, 24 Kinder (= 1/100.000 Fahrzeuge/Kind) und läge damit am Ende Ihrer Liste. Tatsächlich hat er jedoch die höchste "Erfolgsquote", "gelingen" ihm doch pro Fahrzeug 24 Punkte. Bezögen Sie diesen Wert auf Deutschland, so müßten Sie 24x40 Millionen Verletzte ansetzen wegen der ca 40 Mio Fahrzeuge. Daß dies falsch ist, leuchtet sofort ein.

Sagen jeweils 51.000 verletzte Kinder in Land D und Land B noch wenig aus, sieht man sofort, daß bei einer relativen Verkehrsdichte von 1,0 für B und 0,5 für D, daß im Land B (51.000x1,0=51.000) wesentlich gefährlicher gefahren wird als in B (51.000x0,5 = 25.500). Nähmen wir hier die Fahrzeugdichten pro Kind statt pro Einwohner, so ergäben sich noch drastischere Zahlen.

Laut Ihrer Statistik gibt es in Deutschland 386 verletzte Kinder/100.000, in Portugal mit 310 fast 20% weniger. In einer Statistik für 1991 findet man für Deutschland 6600 Fahr-km pro Jahr und Einwohner, für Portugal dagegen nur 3600, also ca die Hälfte. Bezogen auf diesen Wert - und angenommen, daß auch 1993 die km-Zahl das gleiche Verhältnis liefert - sehen wir für Portugal eine rund 50% höhere Verletzungsquote! Für die Türkei (500km/a und Person) erhalten wir sogar einen 3x so hohen Wert wie für Deutschland!

Man kann sagen, daß wir ein verkehrstechnisch zentral gelegenes Gebiet namens Deutschland haben mit einer hohen Bevölkerungsdichte, die wohl zweithöchste Fahrzeugdichte der Erde und eine der höchsten Straßendichten, wobei korrekterweise die Autobahn-km nicht gezählt werden dürfen, weil üblicherweise Kinder nicht auf der Autobahn verletzt werden, sondern auf innerörtlichen Straßen. Man kann sogar ableiten, wie niedrig unsere Werte sind im Verhältnis zu anderen Ländern (siehe oben). Aber Prozentzahlen sind Mummenschanz und lassen sich biegen, wie man sie gerade braucht. Tatsache ist doch, daß es hier um Menschenleben geht, und da zählt jedes einzelne! Daß gerade in Deutschland die Fahrer am rücksichtslosesten sind, wird wohl niemand ernsthaft bestreiten wollen. Fast tägliches Beispiel dafür liefert unter anderem die Autobahnausfahrt "Bremerhaven/Überseehäfen" der A27, wo es immer wieder lange Rückstaus bis auf den Autobahnfahrstreifen gibt, weil die Fahrzeuge, die von der Autobahn kommen, am Einfädeln in den "normalen" Straßenverkehr schlichtweg gehindert werden. Sollte die Bevölkerung an dieser Stelle ihre Verkehrsunfähgkeit auch weiterhin so tatkräftig beweisen, so läßt sich eine Gewaltmaßnahme wie eine Ampel mit Bedarfsschaltung nicht vermeiden. Notfalls werden die Hinterbliebenen und die überlebenden Verkehrsopfer dafür klagen müssen.

Armes Deutschland

PS: Rund 1 1/2 Jahr später wurde an der beschriebenen Stelle so ganz zufällig und nebenbei "während einer Straßenbaustelle" eine "provisorische Ampel" gebaut, die man später aufgrund der "guten Erfahrungen" stationär machte...

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