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Leserbrief:
zu "Bonn zahlt für Arbeitslose nur noch nach 'Marktwert'" (Nordsee-Zeitung vom 10.7.95)
und "Ingenieur bald als Hilfsarbeiter" (Nordsee-Zeitung vom 17.7.95)

Bremerhaven, 20.7.95

Arbeitslose nach "Marktwert" und nun noch "jede Arbeit ist zumutbar" - der Wahnsinn hat Methode!

Über beides einzeln könnte man nachdenken. Beides zusammen jedoch ist der glatte Mord, Mord am gesamten wirtschaftlichen System.

Wer bisher mit höherem Aufwand lernen mußte, Jahre seines Lebens und Zigtausende in seine Ausbildung steckte - und dafür später mehr Lohn bekam -, der mußte gleichzeitig zum Lohn auch eine erheblich höhere Einbuße an Steuern und Versicherungen zahlen. Nun gut, dafür bekommt man, falls arbeitslos, auch ein entsprechend höheres Arbeitslosengeld bzw -hilfe. Wenn aber "jede Arbeit zumutbar" ist, dann kann ein Ingenieur auch zum Hilfsarbeiter degradiert werden, mit furchtbaren Folgen:

1. bekommt er später wesentlich weniger Arbeitslosengeld.

2. sinkt seine Chance für einen adäquaten Arbeitsplatz auf fast unter Null - für den Rest seines Lebens!

3. ist seine gesamte wirtschaftliche Lage - die auch langfristige Verpflichtungen enthält - bankrott, weil er diese Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann - und dies auch später nie wieder wird tun können.

Sagt Otto Normalarbeiter: "Was geht mich das an!?", so muß man ihn darauf hinweisen, daß die Regelung nicht nur Ingenieure, sondern Jeden betrifft. Wenn die Ingenieure zu weitaus niedriger qualifizierten Arbeiten gezwungen werden: Wo bleiben dann jene, die diese Arbeiten bisher hätten übernehmen können? Die gesamte Leistungspyramide bricht in sich zusammen.

Wird zudem nur noch "nach Marktwert" gezahlt, dann können sich die Firmen ins Fäustchen lachen, indem sie einfach noch weniger bieten. Sind es zur Zeit 2500 (brutto!) die einem Ingenieur geboten werden, was wird es demnächst sein? Und wieviel wird dann als Vorgabe für die Berechnung des Arbeitslosengeldes genommen? Diese 2500 DM - oder noch weniger? Und wieviel bekommen dann die, die weniger können als ein Ingenieur? (falls sie überhaupt noch etwas bekommen!)

Wir werden die Opfer eines Lawineneffekts, der wieder einmal die Schwächsten trifft. Das Wort "Ingenieure" wiegt die Bevölkerung in Sicherheit - tatsächlich ist jeder betroffen: Einkommensverluste von mindestens 2/3 werden die Folge der neuen Regelungen sein. Weiter: Wer kein Geld hat, kann auch keines ausgeben. Das trifft Handel und Industrie (die östlichen Bundesländer haben schon lange deutlichst darunter zu leiden). Es gibt schon jetzt erheblich weniger Geld für den Staat als erwartet: Man hat sich stellenweise locker um 100% verrechnet. Das bedeutet: noch weniger Geld für den Staatshaushalt, also wieder Kürzungen, natürlich nicht bei den "Stadtältesten" oder anderen Pfründen...

Eine Wirtschaft kann nur dann funktionieren, wenn man für sein eingesetztes Geld auch den entsprechenden Lohn bekommt. Wer jahrelang arbeitet, horrende Summen investiert - und dann am Schluß als vom Staat betrogen brankrott dasteht: Was kann man von diesem Menschen erwarten? Was kann man von der Industrie und dem Handel erwarten, die gleichermaßen "in die Pfanne gehauen" werden?

Tatsache ist, daß die Zahl der Konkurse - auch in privaten Haushalten - sehr stark zugenommen hat. Tatsache ist, daß die Zahl der Banküberfälle sehr hoch ist (einer am Tag - sind es demnächst zwei?). Tatsache ist, daß die Firmen sich immer mehr ins Ausland absetzen. Wem fast völlige Steuerfreiheit geboten wird - wer könnte, ja, wer dürfte da "nein" sagen!?

Tatsache ist, daß es gesünder ist, in einem Land arbeitslos zu sein, wo es noch frische Luft und frisches Wasser gibt. Deutschland ist ein Auswanderungsland, wieder einmal mehr.

Wohlan dem, der noch die Mittel hat, dieses Land zu verlassen.

Armes Deutschland

e-Mail: sfb@ariplex.com

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