Skeptische Ecke
Einführung
Literatur
Wörterbuch
Links
Kommentare
Pressespiegel

International

Portugues

Français

Japanese

Slovakisch

Español (parece abajo)

Skeptic's Dictionary
 

Besucher seit dem 27.04.2001

©Copyright 1994-2002
  Robert T. Carroll
Professor of Philosophy
Sacramento City College

 

© Copyright
der Übersetzungen
und deutschen Originalbeiträge
1997-2002
 Tobias Budke

 

 

 

Biosphäre 2

Als ein Kind
auf einer Tafel aus Ton
befehligte ich Alexanders Reich;

in meiner Jugend
herumwandernd in den westlichen Staaten
war ich der Khan der Leidenschaften

jetzt,
sanft mit Galaxien,
plane ich die Flucht aus dieser Zelle

- John Allen alias Johnny Dolphin

 

Biosphäre 2 ist der Titel eines Forschungsprojektes, das im September 1991 in der Wüste von Arizona begann, als acht Personen einen Komplex betraten, der als vollständig abgeschlossene Umgebung fungieren sollte - unabhängig von allen äußeren Einflüssen außer dem Sonnenlicht. Ziel des Projektes war grundsätzlich der Nachweis, dass Menschen und andere Lebewesen in einem solchen abgeschlossenen System langfristig bis unbegrenzt überleben können; ganz klar wurde allerdings manchen Beobachtern nicht, ob die Schöpfer von Biosphäre 2 mehr über das Funktionieren von Ökosystemen auf der Erde lernen wollten oder ob es darum ging, "die Erde im Stich zu lassen und den Mars zu besiedeln?" (Michael O'Keefe). Andere Vermutungen gingen eher in die Richtung, dass der Betreiber (die Space Biosphere Ventures - SBV) möglicherweise nur eine Art Verkaufsverantstaltung betrieb und seine Technologie mit viel Medienrummel und einem nahgelegenen Vergnügungspark vorstellen wollte, wozu die geheimniskrämerische Haltung passt, die die Betreiber offenbarten - man wollte vielleicht nur so viel zeigen, wie nötig war, um Eindruck zu machen, und Details für sich behalten. Und wenn man die Betreiber fragte, was sagten sie dann? "Es gibt keine sauberen Antworten auf diese Frage.", müssten zwei Reporter von Life feststellen, als sie sie stellten. "Wenn Sie die Projektleiter der Biosphäre 2 fragen, welches Problem sie untersuchen, werden Ihnen einige ziemlich verworrene Begründungen vorgesetzt."

Auf dem Mars hätte die Biosphäre 2 (bezugnehmend auf "Biosphäre 1", die Erde) allerdings keine Chance gehabt, denn es erwies sich als unmöglich, die Versiegelung aufrechtzuerhalten: Als sich eine Mitarbeiterin verletzte, verließ sie den Komplex und kehrte später mit einem Sack zurück, dessen Inhalt niemals aufgeklärt wurde; die SBV sah sich zwischenzeitlich gezwungen, Sauerstoff in den Komplex zu pumpen; die schlechte Ernährungslage führte zu starkem psychischen Stress bei den Bewohnern. Da es technisch unmöglich ist, einen solchen Komplex wirklich luftdicht abzuschließen, war eine der Aufgaben lediglich, die Leckgröße gering zu halten, was sich schon aufgrund der sogenannten "Mikroporen" als sehr schwierig erwies. Der Luftdruck fiel so stark ab, dass die SBV zusätzlich Luft in die Anlage pumpen musste, und am Ende waren zahlreiche angesiedelte Arten innerhalb des Komplexes ausgestorben, so etwa Kolibris, Bienen und andere Vögel, Fische und Pflanzen; die vietnamesischen Spitzbauchschweine mussten von den Bewohnern selbst erlegt werden. Dafür hatten sich einige Gräser und vor allem die Schaben stark vermehrt. Später fand man heraus, dass für den Sauerstoffverlust vor allem aerobe (sauerstoffverarbeitende) Bakterien verantwortlich waren, deren Wirken niemand vorausgesehen hatte.

Der Ursprung des 60-Millionen-Dollar-Projektes ist auf der sogenannten Synergia-Ranch in Texas zu finden, die von dem autodidaktischen Biowissenschaftler und Dichter John Allen - genannt Johnny Dolphin - in den sechziger Jahren geleitet wurde, und zwar Angaben zufolge im Stil eines "Gurus" mit einem "New Age-Kult" (Marc Cooper). 1974 stieß Ed Bass, Sohn des Ölmilliardärs Perry Richardson Bass, zu der Ranch, und "plötzlich war der Himmel für Allen keine Grenze mehr" (Dewdney).

Gescheitert ist die Biosphäre 2 daran, dass sich die Betreiber nicht im Klaren waren, was sie eigentlich wollten: Wissenschaft, Rummel, SF-Philosophie oder alles zusammen? Vom wissenschaftlich-
ökologischen Standpunkt aus konnte das Projekt nicht funktionieren, da auf die tatsächlichen ökologischen Gegebenheiten kaum Rücksicht genommen wurde; allein das Problem der falschen Größenordnung machte den Bewohnern schwer zu schaffen. Als Medienspektakel war die Anlage dann vielleicht doch etwas zu teuer; und als Marskolonie wäre Biosphäre 2 ein wortwörtliches Himmelfahrtskommando gewesen.

Positiv lässt sich anmerken, dass es sicherlich möglich ist, mit Projekten wie der Biosphäre 2 - wenn auch in kleinerem Maßstab - einiges über das Funktionieren von Ökosystemen auf der Erde zu lernen. Aber "wer außer Weltraumenthusiasten wollte schon auf dem Mars leben?" (Dewdney)

Literaturtips (deutsch)

Dewdney, A.K.: Alles fauler Zauber? Basel Boston Berlin 1998. Kapitel 7, S. 163-193.

 

[Skeptische Ecke] [Einführung] [Literatur] [Wörterbuch] [Links] [Kommentare] [Pressespiegel]